Davis Cup GER-BRA

Carsten Arriens: „Ich mag es, groß zu denken!“

Felix Grewe, Ulm



Es kommt nicht häufig vor, dass man mit einem Gesprächspartner beim Interview sitzt und plötzlich das Frage-Antwort-Spiel für einige Minuten unterbrechen muss. Sonntag, 17:45: Carsten Arriens erscheint zum Gespräch mit tennis MAGAZIN. Wir setzen uns in die Arena, wo bereits eine gute Stunde nach dem letzten Match von Florian Mayer gegen Rogerio Dutra Silva der Abbau beginnt. Das Netz ist schon weg, Gerüste werden entfernt, der Hartplatz, der extra für die Veranstaltung verlegt wurde, wird auseinander gebaut. Arriens erzählt von seinem ersten Jahr als Davis Cup-Teamchef. Er spricht über Zukunftsvisionen, davon, dass er Nachwuchsspieler und Profis noch enger zusammenführen möchte. Er erläutert seine Idee von einer großen Mannschaft, die sich regelmäßig trifft und zu der weit mehr gehören als vier, fünf oder sechs potentielle Davis Cup-Spieler. Plötzlich stößt Michael Kohlmann dazu. Der Co-Trainer hat einen Drink in der Hand. Ich will euch nicht stören, aber die Jungs müssen gleich los und wollen noch einmal mit dir anstoßen, sagt er zu seinem Teamchef. Arriens zögert einen Moment und sagt: Sorry, ich bin gleich wieder da. Dann verschwindet er und das Aufnahmegerät wird erst einmal ausgeschaltet. Die Mannschaft ist wichtiger, klar. Der Reporter muss warten.„Wichtig, dass man miteinander Zeit verbringt“

Ein wenig belegt die Szene das Wir-Gefühl, das in den Tagen von Ulm im deutschen Davis Cup-Team zu spüren war. Ein Zusammenhalt, der in den vergangenen Jahren nicht immer selbstverständlich gewesen ist und der gerade für den Teamchef Arriens oberste Priorität hat. Neulinge wie Daniel Brands, Martin Emmrich und Andre Begemann erzählten täglich, wie wohl sie sich fühlten im Kreise der Mannschaft, wie beeindruckend die Atmosphäre sei, wie viel Spaß sie auf und neben dem Court hatten. Dabei gab es außerhalb der Arena gar keine besonderen gemeinsamen Aktivitäten. Ich stehe nicht auf Spieleabende, scherzte Arriens. Donnerstag, am Abend vor Beginn der Partie, schaute das Team zusammen Projekt Gold, den Film über den WM-Gewinn der deutschen Handball-Nationalmannschaft 2007 um Siegeshunger zu wecken, Motivation zu tanken und den Glauben an Erfolg zu schüren. Samstagabend, nachdem Daniel Brands und Martin Emmrich das Doppel verloren, unternahm die Mannschaft einen Spaziergang an der Donau. Ich finde es wichtig, dass man miteinander Zeit verbringt, dass man miteinander spricht, sagt Arriens. Jemand, der eine gewisse Grundhaltung nicht mitbringt, wird auch nicht durch irgendwelche Maßnahmen zu einem Teamplayer. Man spürt, dass Arriens eine genaue Vorstellung hat von einem funktionierenden Miteinander. Und es scheint so zumindest nach dem ersten Sieg unter dem neuen Teamchef , dass er in seiner gewohnt ruhigen und besonnenen Art eine Ansprache findet, die von den Spielern nicht nur respektiert, sondern auch geschätzt wird. Laut wird er dabei selten. Ich glaube, das muss ich nicht. Ich denke, dass ich sehr klar rede. Ich kann das auch mit dem entsprechenden Ton machen. Aber, dass ich jemals schreiend in der Kabine stand, daran kann ich mich nicht erinnern. Auslosung für Weltgruppe am Mittwoch

Was bleibt noch vom Wochenende in Ulm, neben dem neu entdeckten Teamgeist in der deutschen Mannschaft? Das Fazit, dass man den Brasilianern vom Doppel am Samstag abgesehen in allen Belangen mindestens zwei Klassen überlegen war. Nicht einen Satz verloren die deutschen Einzelspieler bei ihren vier Siegen, nicht einmal ging es in den Tiebreak, in keiner Begegnung entstand auch nur ansatzweise das Gefühl, es könne etwas schief gehen bei der Mission Klassenerhalt. Auch nicht im Match von Daniel Brands, der den angeschlagenen Philipp Kohlschreiber (Magenprobleme, Ich fühle mich etwas schlapp) am Sonntag im ersten Einzel ersetzte und anfangs zwar mit Nervosität zu kämpfen hatte, letztlich aber souverän 6:4, 6:2, 6:3 gewann. Und erstrecht nicht bei Florian Mayer, der am Freitag eine überragende Leistung gegen Bellucci ablieferte und gestern im Abschlusseinzel zwar weniger glanzvoll aber ebenso souverän das 4:1 erzielte (6:4, 6:4 vs. Dutra Silva). Und es bleibt nach Kohlschreibers Ausfall am Sonntag die Erkenntnis, dass Arriens mit der Nominierung von drei Einzel- und nur einem Doppelspieler alles richtig gemacht hat. Hätte er statt Daniel Brands auf Andre Begemann gesetzt, wäre der Rückzug Kohlschreibers kaum zu kompensieren gewesen. 
Das Gespräch mit dem Davis Cup-Teamchef wurde nach der ungewöhnlichen Unterbrechung natürlich fortgesetzt. 15 Minuten gönnte sich Arriens mit seiner Mannschaft, dann kehrte er zurück und plauderte noch fast eine halbe Stunde über Ideen, Ziele und Vorstellungen für seine Arbeit als Davis Cup-Teamchef. Für die erste Runde in der Weltgruppe 2014 wünscht er sich einen echten Kracher als Gegner. Ich mag es, groß zu denken, sagte er und schmunzelte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihm dieser Wunsch erfüllt wird, ist groß. Deutschland wird bei der Auslosung am Mittwoch nicht zu den gesetzten Teams gehören und dadurch automatisch auf eine der acht stärksten Mannschaften treffen.
Das Gespräch mit Carsten Arriens lesen Sie übrigens in unserer Ausgabe 11/12-2013.

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