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Die neuen Pläne der Damentour – Heldinnen auf dem Sprung

Rom, Piazza della Rontonda. Einer dieser wunderschönen Plätze in der Altstadt mit Kopfsteinpflastern und verschnörkeltem Brunnen. Gleich nebenan liegt das berühmte Pantheon, die heilige Stätte der Antike. Ana Ivanovic sitzt im Korbsessel an einem Bistrotisch, unterhält sich  mit ihrer Freundin Maria Kirilenko. Ivanovic trägt einen kurzen, geblümten Rock und goldene High Heels. Plötzlich piept ihr Handy. Sie klappt es auf, lauscht, dann springt sie auf wie Dr. Kimble auf der Flucht, sprintet los wohin weiß niemand genau , Tauben flattern. Schnitt. In der nächsten Sequenz läuft die schöne Serbin im roten Tennisdress und mit Schläger durch den Säulengang des Pantheons.



Für die Damentour die teuerste Werbekampagne aller Zeiten
Die Szene ist Teil eines WTA-Fernsehspots mit dem Slogan Looking for a Hero?. Neben Ivanovic bekommen auch Stars wie Maria Sharapova, Jelena Jankovic oder Venus Williams einen außergewöhnlichen Anruf, wie ein Sprecher aus dem Off mit spannungsgeladener Stimme erzählt. Sharapova sitzt in einer Limousine in Paris, Jankovic steht an der Rezeption eines Luxushotels in Peking, Williams nimmt gerade den Siegerscheck bei einer Preisverleihung in Miami entgegen. Nach dem geheimnisvollen Telefonat sprinten die globalen Heldinnen los, zunächst in Minirock und Business-Look, kurz darauf im sexy Tennis-Outfit und mit entschlossenen Gesichtern.
Ja wohin laufen sie denn? Die Frage wird wenig später aufgelöst zum Damen-Masters nach Doha, im Tour-Slang: zu den WTA Tour Championships. Die finden in diesem Jahr vom 4. bis 9. November erstmals im Emirat am Persischen Golf statt. Und weil das bisher nur wenige wissen, rührt die Damenorganisation gewaltig die Werbetrommel für ihr Saisonfinale. Es ist ein aufregender Moment in der Geschichte der Tour, schwärmt WTA-Chef Larry Scott, wir erleben gerade die größte Marketing-Kampagne, die es je gab. 15 Millionen Dollar hat die WTA in das Projekt gepumpt, das genauso heißt wie der TV-Spot. Mit seinen rasanten Schnitten und untermalt von dynamischem Sound kommt dieser wie eine Mischung aus Drei Engel für Charly, Oceans Eleven und Mission Impossible daher.
Doch Looking for a Hero? soll viel mehr sein als ein amüsanter 60-Sekunden-Film à la Hollywood. In 75 Ländern läuft die Kampag-ne in den nächsten knapp eineinhalb Jahren, mit Anzeigen in Illustrierten, Internet und eben im Fernsehen. Wir spielen mit Fiktion und Realität. Das macht den Reiz aus, sagt Matthieu Mantovani, der französische Regisseur mit Drei-Tage-Bart, der ein bisschen wie Sebastien Grosjean aussieht. Die Botschaft, die beim Fan zementiert werden soll: Ana, Jelena, Venus und Co. sind nicht nur auf dem Platz Superfrauen, sie meistern auch das Leben außerhalb des Courts lässig und glamourös wie Bond-Girls. 

Heldinnen gesucht die Auswahl bei den Frauen ist riesengroß
Im Werbefilm, der gut gemacht ist, verwandeln sie sich scheinbar mühelos von aufgebrezelten Geschäftsfrauen in Sportstars. Tennis, behauptet Serena Williams, ist die führende Sportart für alle weiblichen Athleten. Das zeigt diese Kampagne. Damit das auch jeder versteht, schweben sie und ihre Kolleginnen medienwirksam über die Leinwand oder prangen auf riesigen Anzeigetafeln an Hochhäusern in New York, Paris und London. Larry Scott sagt: Wir wollen Sportfans in aller Welt einladen, Damentennis besser kennenzulernen (siehe auch Interview nächste Seite). Die Frage Looking for a Hero? frei übersetzt: Suchst du einen Helden? Oder besser: eine Heldin ist dabei praktisch schon beantwortet. Die Auswahl ist so groß, da findet sich für jeden eine.
Man kann das sicherlich auch kritisch sehen: Von einem Dreikampf um die Nummer 1 etwa, wie ihn die ATP das Pendant der WTA mit Nadal, Federer und Djokovic erlebt, scheint das Damentennis weit entfernt. Echte Führungspersönlichkeiten fehlen, dafür fanden in den letzten Wochen und Monaten zu viele Wechsel an der Spitze statt. Bei den US Open in New York gab die zu diesem Zeitpunkt Noch-Weltranglistenerste Ana Ivanovic zu: Wenn Sie mich fragen würden, ob ich derzeit wie eine Nummer 1 spiele ich würde mit Nein antworten. Und Landsfrau Jelena Jankovic bemerkte treffend: Im Moment sind viele von uns angeschlagen, es ist keine da, die dominiert. Ich selbst war in diesem Jahr immer wieder verletzt.
Mit Arm- und Knieschmerzen schlug sie sich herum. Ivanovic litt wochenlang an einer Daumenverletzung. Bei Maria Sharapova zwickt die Schulter, eine Rückkehr auf die Tour ist ungewiss. Aber lädierte Heldinnen machen sich nicht gut, und so hoffen die WTA-Oberen, dass in Doha die besten acht Damen und die vier besten Doppel-Teams schmerzfrei auflaufen und den Fans ein Spektakel bieten.

Kronjuwelen in Peking, Miami, Indian Wells und Madrid
Die Premiere im Scheichtum zu promoten, ist das eine Ziel der Kampagne. Ein anderes: Den Bekanntheitsgrad der Protagonistinnen zu erhöhen. Das ist im Falle von Serena Williams nicht nötig. Sie bezeichnete sich schon vor ein paar Jahren in Wimbledon mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein als Crossover Celebraty, als eine Berühmheit über die Grenzen des Sports hinaus, und liegt mit dieser Einschätzung wohl richtig. Doch bei Looking for a Hero? tauchen mehr als 30 Spielerinnen auf: die Russin Maria Kirilenko zum Beispiel, die Ungarin Agnes Szavay oder die Chinesin Yan Zi. Letztere gewann an der Seite von Jie Zheng  zwar Bronze im Doppel in Peking, aber bekannt ist sie allenfalls in ihrer Heimat. In der Weltrangliste steht die 23-Jährige aus der Boomtown Cheng Du nur auf Platz 92.
Hintergrund für ihre Aufnahme in den Kreis der Superheldinnen (Larry Scott) dürfte die Expansion der Damentour Richtung China sein. Man benötigt dringend einen Star für den aufstrebenden Tennismarkt. Am Montag nach Wimbledon eröffnete die WTA ein Büro in Peking. Es ist nach St. Petersburg, Florida, und London erst die dritte Dependance und für die WTA ein Riesenschritt. Schließlich will man in Asien und Ozeanien weiter expandieren.
Wie wichtig der chinesische Markt ist, wird daran deutlich, dass die China Open im nächsten Jahr in die höchste Turnierkategorie aufsteigen. Als crown-jewels, Kronjuwelen, oder wahlweise als cornerstones, Eckpfeiler, bezeichnen die Architekten der WTA-Tour ihre neuen Vorzeige-Events. Neben Peking zählen Indian Wells, Miami und Madrid dazu. Gemeinsames Kennzeichen: Die Turniere dauern mindestens neun Tage, werden als kombinierte Damen/Herren-Turniere gespielt, und das Preisgeld beträgt 4,5 Millionen Dollar allein für die Frauen versteht sich. Wie bei den Grand Slams kassieren sie dabei die gleiche Summe wie die Herren.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Heft 10/08!

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