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Eurosport & WTA-Tour: Ende einer Fernseh-Ehe

Von Tim Böseler



Chris Wallace kommt im dunklen Anzug und weißem Hemd zum vereinbarten Treffen. In den Katakomben des Sinan Erden Domes von Istanbul, Schauplatz des WTA-Masters, gibt sich der Vizepräsident der WTA-Tour, zuständig für Kommunikation, gelassen und höflich. „Wobei kann ich Ihnen helfen?“, fragt er generös und lächelt einlandend. Fünf Minuten später ist von seiner gespielten Freundlichkeit nicht mehr viel zu spüren. Das Thema ist zu heikel. Und Wallace, auch wenn er das nicht zugeben will, macht einen ziemlich ahnungslosen Eindruck, versteckt sich hinter Floskeln und Versprechungen.

Es ging in dem Gespräch um die TV-Übertragungen der WTA-Tour in Deutschland. 14 Jahre lang sendete Eurosport die Turniere des Damencircuit hoch und runter. Doch mit dem Start ins Tennisjahr 2013 wird diese Fernseh-Ehe in die Brüche gehen. Eurosport wird höchstens vereinzelt WTA-Turniere des untersten Levels zeigen (sogenannte International-Series-Turniere mit 220.000 Dollar Preisgeld), aber die großen Events der Premier-Series sowie das Jahresabschlussturnier, das WTA-Masters, werden nicht mehr übertragen.

Der Grund für die Trennung ist das Geld wie im richtigen Leben. Die WTA hat ihre internationalen Fernsehrechte für die Premier-Series an die Agentur Perform verkauft, die der Damentour eine höhere Garantiesumme durch die ausgelagerte Vermarktung zusichert. Perform versprach, die Fernseheinnahmen der WTA-Tour in die Höhe zu schrauben. Das US-amerikanische Sports Business Journal schrieb schon Ende 2011, dass sich die WTA-Tour auf ihren neuen Partner vor allem deshalb einließ, weil dieser die Erlöse aus den Rechteverkäufen verdoppeln will. Als Beispiel nannte das Branchenblatt den Wert von zehn Millionen US-Dollar für die 22 größten WTA-Events in Europa, den Perform auf 20 Millionen steigern will. Es war schon damals absehbar, dass Eurosport bei solchen Summen nicht mehr mithalten kann. Seit Mitte September herrscht Klarheit: Die Gebote von Eurosport reichten nicht aus, Perform verlängerte den Vertrag nicht.

„Es gibt Optionen – auch in Deutschland“

Wie es nun in Deutschland weitergeht, soll Chris Wallace erklären – aber er kann es nicht. Dass in Deutschland etwa die ATP-Tour fast ausschließlich im Pay-TV zu sehen ist und viele Fans nun die Befürchtung haben, der WTA-Tour stehe ein ähnliches Schicksal bevor, scheinen für ihn neue Informationen zu sein. Er versucht die Situation zu entschärfen und behauptet: „Wir wollen die WTA-Tour zugänglich für so viele Menschen wie möglich machen – auch in Deutschland.“ Aber wie soll das gehen? Welcher Sender kann jetzt noch so viel Sendezeit einplanen, um die Umfänge der Eurosport-Übertragungen zu gewährleisten? Wieder eine Beschwichtigung von Wallace: „Es gibt Optionen, definitiv.“ Und welche? „Das kann ich nicht sagen, aber in den nächsten Wochen gibt es die ersten Abschlüsse.“ Ok, dann eben die Fragen aller Fragen: Mister Wallace, kann es sein, dass die WTA-Tour in Deutschland, die durch Spielerinnen wie Kerber, Görges, Lisicki und Petkovic einen Mini-Boom erlebt und eine vielversprechende Zukunft vor sich hat, ab 2013 nicht mehr gesehen werden kann? „Das ist Quatsch! Ich kann garantieren, dass die WTA-Tour 2013 in Deutschland gesendet wird. Und zwar in einem höherem Umfang als zuvor auf Eurosport.“
2012 zeigte Eurosport Livebilder von 24 WTA-Turnieren. Insgesamt 520 Stunden Livetennis von der WTA-Tour kamen so zusammen (auf Eurosport 1 & 2). Gemessen an den 1.370 Stunden, die Eurosport insgesamt Livetennis zeigte, machte der reine WTA-Anteil (also ohne Grand Slam-Turniere) knapp 40 Prozent aus. Das soll 2013 noch übertroffen werden? Auf einem anderen Sender? Kaum vorstellbar.

Im Oktober fragte tennisMAGAZIN bei Sport1 an. Über das Pay-TV-Angebot Sport1+ zeigt der Sender bereits die 1000er-Events und einige 500er-Turniere der ATP-Tour. Derzeit gibt es vom ATP-Masters in London spezielle Livestream-Angebote (14,99 Euro für das komplette Turnier; 2,99 Euro für ein Match). Ob es vorstellbar ist, ähnliche Modelle für die Damen-Tour auf den Markt zu bringen, wollte Sport1-Chefredakteur Alexander Rösner nicht kommentieren: Grundsätzlich geben wir keine Auskunft darüber, ob wir uns in Verhandlungen über Lizenzrechte befinden. Auch die Agentur Perform, die die Rechte für die WTA-Tour in Europa verkaufen will, äußert sich nicht. Auf Anfrage gibt es auch dort nur Beschwichtigungen. Man würde sich in Verhandlungen mit deutschen Sendern befinden, aber Auskünfte gibt es erst dann, „wenn die Gespräche abgeschlossen sind“, ließ Perform-Marketingchef Kim Parker verlauten.

„Wir werden mehr Matches im Internet zeigen“

Immerhin wurde WTA-Chefin Stacey Allaster bei ihrer Abschlusspressekonferenz in Istanbul ein wenig konkreter. Sie sprach das aus, was in Deutschland derzeit als wahrscheinlichster Weg für die zukünftige Übertragung der WTA-Turniere gehandelt wird: „Wir werden mehr Live-Matches im Internet zeigen als zuvor.“ Auch wenn Allaster eilig hinterher schob, dass auf klassischen Fernsehkanälen weltweit ab 2013 „45 Prozent mehr Damentennis live gezeigt wird“, verdeutlicht ihre Aussage zur Onlinepräsenz jene Strategie, die auch schon die ATP-Tour jahrelang in Deutschland betrieb: Solange kein Sender die deutlich erhöhten Preise für die Fernsehrechte zahlt, landet die Live-Coverage auf der eigenen Livestream-Website tennistv.com. Dort werden die User zur Kasse gebeten (ein Jahrespass kostet ca. 90 Euro) und sie können dann Livebilder von 88 Damen- und Herrenturnieren 2013 sehen, mit englischem Kommentar.

Durch den nicht verlängerten Vertrag mit Eurosport fallen ab nächstem Jahr alle Einschränkungen für deutsche User auf tennistv.com weg. Auch Sport1, der nach sechs Jahren Sendepause die ATP-Tour 2011 immerhin wieder ins Programm nahm, kann die Livestreams auf tennistv.com in Deutschland nicht stoppen lassen. Wirklich exklusiv sind die Übertragungen auf Sport1+ deswegen nicht, aber so immerhin erschwinglich. Vielleicht ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die WTA-Tour in Deutschland ähnliche Wege geht. Die WTA-Tour macht einen Riesenfehler, bewertet ein Kenner der Szene die WTA-Taktik. Sie nimmt in Kauf, dass der deutsche Markt, der derzeit durch die starken Damen regelrecht aufblüht, während der nächsten vier Jahre keine angemessene Sende-Plattform erhält. 
Klar ist, dass der WTA-Vermarkter Perform auf Profitmaximierung ausgerichtet ist und eine Land-für-Land-Strategie vorantreibt: Es sollen nach Möglichkeit nationale Verträge für das komplette WTA-Paket abgeschlossen werden. In Frankreich wurde mit dem Sender „Ma Chaine Sport“ ein erster Vertrag nach dieser Vorgehensweise eingetütet. Der reine Pay-TV-Kanal erreicht zwölf Millionen Zuschauer und soll 2013 etwa 400 WTA-Matches live zeigen, während Eurosport laut WTA-Daten 2012 „nur“ 325 Damenpartien zeigte. Logisch, dass die WTA den Abschluss in Frankreich als großen Erfolg feiert und nun auf ähnliche Verträge in anderen europäischen Ländern hofft.

Und was ist ab 2013 mit Eurosport? Es wird ab nächstem Jahr erheblich weniger Damentennis bei uns geben, räumt Werner Starz ein, Marketing-Direktor bei Eurosport. Unser Schwerpunkt in der Tennis-Berichterstattung ab 2013 sind die Grand Slam-Turniere in Melbourne, Paris und New York. Dafür hält Eurosport über die nächsten Jahre die Rechte. Grand Slam-Tennis erreicht bei dem Spartensender gute Quoten, eine halbe Million Zuschauer sind bei großen Finals üblich. Endspiele mit den großen Namen auf der WTA-Tour locken hingegen selten mehr als 200.000 Fans an.

Eurosport zeigt 2013 Birmingham, Linz und Luxemburg

Eurosport will nun die Grand Slam-Berichterstattung mit mehr Analysen und Interviews ausbauen. Dennoch wird eine Riesenlücke im Programm des Sportsenders klaffen. Wie diese gefüllt wird, ist unklar. Angeblich sind die Übertragungen kleinerer Turniere (z.B. Challenger, ITF-Events) im Gespräch. Und mit den WTA-Turnieren aus der International Series in Birmingham, Linz und Luxemburg steht Eurosport kurz vor einem Vertragsabschluss. Von der ATP-Tour wird Eurosport die Turniere in Doha, Queens, Eastbourne und Düsseldorf übertragen. 
 
Dennoch: Vorbei ist die Zeit, in der man als deutscher Tennisfan Eurosport einschalten konnte, sobald ein halbwegs attraktives Damenturnier irgendwo ausgespielt wurde es lief dort einfach. Chris Wallace, der Kommunikationschef der WTA-Tour, hat wenig Verständnis dafür, dass die deutschen Tennisfans dieser Gewissheit hinterher trauern werden. „Es wird doch alles besser auch bei euch in Deutschland, ganz bestimmt“, verspricht er und will dabei so sanft klingen wie ein Heiliger. Komisch, aber irgendwie glaubt man ihm nicht.  

(Es handelt sich bei diesem Text um eine aktualisierte Version eines Artikels aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.)

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