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Boris Becker: „Profi bist du ganz oder gar nicht“

Herr Becker, Sie spielen heute gegen Henry Leconte. Wie ist die Form?
Gut,  ich habe länger kein Match gespielt, aber ich habe trainiert und man wird sehen.



Wer hat recht: Thomas Muster, der sagt: Je älter du wirst, desto mehr musst du trainieren. Oder Stefan Koubek, der behauptet, im Alter könne man weniger trainieren, weil man den Körper besser kennt?
Beides ist richtig. Muster war bekannt für seine Fitness und Laufstärke und das wird mit dem Alter nicht leichter. Wenn man dagegen eine gute Technik hat und man sich darauf reduzieren kann, kommt man vielleicht mit weniger Training aus. Ich sehe mich dazwischen und brauche eine gewisse Konstanz, jede Woche Tennis, aber nicht jeden Tag. Es gibt Phasen, in denen ich zwei, drei Wochen keinen Schläger anfasse, aber dann mache ich Fitness oder gehe laufen.

Wie lange wollen Sie noch aktiv mitmischen?
Ich habe keine Ahnung. Das hängt erstens davon ab, wie lange der Körper noch mitmacht, zweitens, wie lange die Fans noch zu Tausenden in die Halle kommen, um mich spielen zu sehen. Und drittens:Ob ich neben meinen anderen beruflichen Dingen genug Zeit finde, Tennis zu spielen.

Darüber sollten wir noch sprechen, doch bleiben wir noch beim Tennis. Halten Sie das deutsche David Cup-Team für stark genug, um gegen Spanien zu bestehen?
Nicht das deutsche Team, das gegen Südkorea gespielt hat. Da braucht es Verstärkungen. Mit einem Tommy Haas, aber auch mit einem gesunden Nicolas Kiefer und mit einem auf schnellen Böden gefährlichen Mischa Zverev haben wir eine Chance.

Sie selbst haben Mischa Zverev fünf Jahre unterstützt und gefördert. Wo liegt sein Potenzial?
Ich mag seinen Stil, er spielt sehr riskant, hat gezeigt, dass er Safin schlagen kann. Ich halte ihn für eine echte Alternative auf schnellen Böden oder im Doppel. Im Doppel hat sich auch Philipp Petzschner sehr gut ins Team eingepasst und nun zum zweiten Mal hervorragend gespielt. Man sollte eher diesen jungen Spielern die Chance geben als jenen, die schon seit Jahren im Team sind.

Fehlt noch der Name Philipp Kohlschreiber. Haben Sie sein Match gegen Roddick gesehen?
Den muss man wohl immer ein wenig ärgern, damit er Gas gibt. Ich halte ihn für extrem talentiert, bei ihm ist die Skala nach oben noch offen. Wenn ich sein phantastisches Match gegen Roddick sehe und anschließend sein Match gegen Nieminen, dann sage ich: Schade. Denn er hat das Zeug, auch Halbfinale oder Finale zu spielen.

Zur Zeit hat das deutsche Tennis keinen Top 20-Spieler, bei den Frauen keine Top 50-Spielerin
 ..es tut mir weh, wenn ich das sehe. Ich glaube, dass sich viele Spieler nicht hundertprozentig als Tennisprofi sehen. Profi bist du aber ganz oder gar nicht. Doch viele glauben, dass 75 Prozent Einsatz langen. Es fehlt die letzte Konsequenz, das zu tun, was es braucht, um ein Match zu gewinnen oder ein ganzes Jahr erfolgreich zu bestreiten.

Was braucht es zu dieser letzten Konsequenz?
Dazu gehört der absolute Wille, sich durchzubeißen. Genauso wichtig ist die Bereitschaft, einen guten Trainer zu engagieren, der möglicherweise viel Geld kostet. Dies muss man als Investition sehen, die dazu führt, dass man sich verbessert und nach einem Jahr doppelt und dreifach verdienen kann. Und es bedarf einer vernünftigen Turnierplanung. Viele Spieler planen das Jahr nicht richtig und spielen, bis sie verletzt sind. Ich habe das Gefühl, dass der Weg des geringsten Widerstandes für viele Spieler der bequemere ist. Aber so schafft man es nicht unter die ersten 20.

Verdienen die Spieler zu früh zu viel Geld?
Ich glaube es hängt eher mit dem eigenen Anspruchsdenken zusammen. Die Messlatte, die man sich selbst setzt, wird zu tief angelegt.

Das Hamburger Masters steht vor dem Aus. Wer hat Schuld?
Die ATP ist der Ansicht, dass das Hamburger Turnier nicht mehr zu der Elite-Turnierserie gehört. Es ist dem DTB und den Turnierverantwortlichen, zu denen ich zeitweilig auch gehörte, offenbar nicht gelungen, eine Lobby oder eine Mehrheit für dieses Turnier zu schaffen.

Ist am deutschen Dilemma auch Ion Tiriac schuld, der es geschafft hat, sein Madrider Turnier in die erste Liga zu bringen?
Tiriac ist ein Profi. Er ist ein Turniermacher. Wenn er mit der ATP verhandelt, hat er eine ganz andere Lobby. Da ist jemand wie der ehemalige Rothenbaum-Turnierdirektor Walter Knapper ohne Chance.

Jetzt ist Charly Steeb in Hamburg Turnierdirektor. Ein richtiger Schritt?
Die Entscheidung, Charly Steeb zum Turnierdirektor von Hamburg zu machen, halte ich für gut, sie kommt jedoch zwei, drei Jahre zu spät. Auch in München hätte man Patrik Kühnen eher installieren können, obwohl man dort zu Recht auf den verstorbenen Turnierdirektor Rudi Berger Rücksicht genommen hat. Wir müssen aufwachen, denn international gehen die Uhren anders. Wir ruhen uns noch immer auf den 80er Jahren aus. Wer wir mal waren, interessiert heute keinen mehr. Wir müssen jetzt die Generation, die die meiste internationale Tenniserfahrung und viel bewegt hat, in die Positionen bringen, damit es voran geht. Dazu gehört ein Kühnen, ein Steeb, aber auch ein Stich.

Und auch ein Becker.
Ich bewege mich zur Zeit auf einem ganz anderen Parkett. 

Warum so wenig im Tennis?
Ich sehe momentan dort meinen Platz nicht. Ich habe es einige Jahre mit dem DTB versucht, und es war eine interessante Erfahrung. Davor habe ich versucht, Tennis in anderer Form zu vermarkten und Fernsehrechte zu erwerben. Man hat sich damals für einen späteren Pleitier entschieden. Ich habe einiges versucht und heute das Gefühl, ich war vielleicht ein wenig vor meiner Zeit. Tennis ist und bleibt meine große Leidenschaft, aber die Zeit muss reif sein.

Das klingt enttäuscht.
Nein, realistisch.

Wer ist Boris Becker 2008? Tennisspieler, Moderator, Unternehmer, Promi oder von allem etwas?
Ich habe als Berufsbezeichnung einmal den Begriff Entrepreneur gebraucht, da haben viele gelächelt. Ich glaube, dass es trotzdem zutrifft. Boris Becker ist eine Marke geworden, die sich verkauft. Ich fliege morgen nach Dubai und eröffne dort den Boris Becker Business Tower, ein 30-stöckiges Hochhaus mit Büroräumen.

Als Profi haben Sie jahrelang im Rampenlicht gestanden. Sie tun dies noch immer, jetzt auf Empfängen und bei Preisverleihungen. Ist Rampenlicht Ihr Lebenselexier?
Wenn ich in der Öffentlichkeit auftrete, dann ist das ein Teil meiner Arbeit. Die Boris Becker & Co. vermarktet mich, und meine öffentlichen Auftritte gehören dazu. Das Rampenlicht ist eine Begleiterscheinung meines Jobs.

Zu Ihren Jobs gehört auch Ihr Werbespot für Pokerstars. Sie knallen dort durch einen Tennisplatz und landen am Spieltisch? Eine Absage an Tennis?
Im Tennis und beim Poker braucht man das richtige Händchen. Ich bin nicht mehr der 17-jährige Leimener, sondern kann mit 40 Jahren glaubwürdig vertreten, dass ich gern pokere. Ich pokere tatsächlich gern. Es ist ein Hobby, das ich noch längst nicht meistere. Ich spiele gerne – in Amerika, in England und im April in Monte Carlo.

Leidet darunter Ihre Vorbildfunktion?
Das glaube ich nicht. Jung wie Alt spielen gern Poker. Es kommt auf das Maß an, wie in so vielen Bereichen.

Aber die Älteren machen sich Gedanken, ob die Jungen spielsüchtig werden.
Alles, was man übertreibt, ist nicht gut egal ob Tennis, Poker oder Alkohol.

Wenn Sie heute in Ihrem Körper von 1989 stecken könnten, würden Sie gegen Federer und Nadal gewinnen?
Gegen Nadal auf Rasen: ja. Gegen Federer auf Hartplatz würde ich verlieren, auf Rasen hätte ich wohl eine Chance. Der Vergleich hinkt natürlich, weil die Zeiten, die Schläger, die Technik sich gewandelt haben. Ich behaupte, dass in meiner Zeit die Konkurrenz größer war. Damals gab es 10, 15 Spieler, die Spitze waren, heute sind es drei. Dass Pete Sampras als 36-jähriger Tennisrentner überhaupt eine Chance hat, ein Match gegen Federer zu gewinnen, zeigt doch, welche Klasse er hat.

Ist das Tennis von heute athletischer geworden?
Glaube ich nicht. Stefan Edberg oder Patrick Rafter waren sehr athletisch und ich war auch keine Bohnenstange. Der größte Unterschied heute sind die Schläger.

Obwohl Aufschlagrakete Philippoussis im Test bei tennis magazin mit Holz- und Karbonschläger die gleichen Aufschlaggeschwindigkeiten erzielt hat.
Aber wie oft? Da bekommt man schnell Schulterprobleme. Nein, früher war es unmöglich, zwei Meter hinter der Grundlinie zu stehen und Winner zu spielen. Damit kann ich mich nicht anfreunden. Da gefällt mir ein Tsonga besser, der auch auf der Grundlinie steht und ans Netz kommt.

Haben Sie einen Lieblingsspieler?
Ja, Roger Federer, wenn er gut drauf ist. Das ist ein Augenschmaus! Mir gefällt auch Rafael Nadal, wie er auf Sand alle besiegt und Novak Djokovic, weil er einer von den wenigen ist, der an sich glaubt.

Bekommt Federer Probleme, sich zu motivieren?
Absolut nicht. Es war doch eine Frage der Zeit, dass er mal verliert eigentlich hätte er schon die US Open verlieren müssen gegen Djokovic. Ich habe gerade mit  ihm gesprochen, er hat ein langes Jahr vor sich, will unbedingt die Olympischen Spiele gewinnen.

Ist er Ihr Lieblingsspieler?
Ich glaube, dass Federer, wenn er gesund und motiviert bleibt, der erfolgreichste Spieler aller Zeiten werden kann und dem sollte man Respekt zollen.
   
Das Gespräch führte Thomas Kosinski

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