Dieter Kindlmann

Dieter Kindlmann: „Es gibt gute Profis, aber selten Legenden“

Ex-Profi Dieter Kindlmann (35), derzeit im Trainerteam von Madison Keys und ehemaliger Hitting Partner von Maria Sharapova, spricht im Interview mit tennis MAGAZIN über den aktuellen Stand und die Entwicklung auf der WTA-Tour sowie über den Stellenwert der WTA Finals in Singapur.



Herr Kindlmann, nach dem Turnier von Peking kletterte die Rumänin Simona Halep auf Platz eins der Weltrangliste. Sie ist bereits die fünfte Nummer eins in diesem Jahr. Es hat den Anschein, dass damit auch die Bedeutung der Nummer eins gesunken ist. Ist das Damentennis führungslos?

Ich würde nicht sagen, dass es führungslos ist, aber die Zeiten haben sich geändert. Es gibt aktuell keine Überspielerin wie Serena Williams und jede kann jede schlagen. Dies ist eine neue Entwicklung, die sehr interessant ist, weil viel von der Tagesform abhängt. Man merkt aber auch, dass aktuell keine Top-Spielerin auf höchstem Niveau agiert. Es gibt viele gute Spielerinnen, aber keine, die das Damentennis dominiert.

Hat Serena Williams, die gerade Mutter geworden ist, ein Vakuum hinterlassen?

Ja, absolut. Wir reden hier von einer Tennis-Legende, die 23 Grand Slam-Titel gewonnen hat. Es gab nie eine bessere Tennisspielerin als Serena Williams. Es gibt gute Profis, aber sehr selten Legenden. Die entstehen vielleicht jedes Jahrzehnt. Serena Williams hat eine Lücke hinterlassen, die man nicht schnellstmöglich ersetzen kann.

Rechnen Sie damit, dass sie auf die Tour zurückkehrt?

Man muss immer mit ihr rechnen. Sie ist unglaublich professionell und liebt diesen Sport einfach. Ich habe mir am Anfang nicht vorstellen können, dass sie mit 36 Jahren noch mal zurückkommt, aber nachdem was ich gehört habe, plant sie ganz fest ein Comeback.

Maria Sharapova ist ein ähnlich großer Star wie Serena Williams. Was kann man von der Russin noch erwarten?

Sie kann immer noch auf höchstem Niveau spielen und ist meiner Meinung nach absolut in der Lage, weitere Titel zu gewinnen. Es ist gut, dass sie zurück ist, man merkt aber auch, dass sie Probleme hat, ihr Niveau konstant zu halten. Es wird spannend zu beobachten, wie sie nächstes Jahr mit mehr Matchpraxis spielen wird. Ich denke, sie kann noch Grand Slam-Turniere gewinnen.

Sie waren mehr als drei Jahre ihr Hitting Partner. Stehen Sie noch in Kontakt zu ihr?

Ja, aber nur noch freundschaftlich. Ich habe mittlerweile andere Aufgaben und habe mit meinem jetzigen Schützling Madison Keys viel zu tun. Deswegen ist der Kontakt nicht so ausgeprägt.

Wie schätzen Sie das aktuelle Niveau auf der Tour ein?

Das Niveau ist niedriger als zu Zeiten von Serena Williams, weil sie unglaublich dominant war. Viele Spielerinnen heute kommen über den Kampf und haben keine echten Stärken. Ein sehr guter Aufschlag oder eine überwältigende Power fehlt.

Mit Dieter Kindlmann als Hitting Partner gewann Maria Sharapova 2014 die French Open.

Ist diese Ausgeglichenheit gut für das Geschäft?

Das wird sich zeigen. Die Herren werden in naher Zukunft das gleiche Problem haben, wenn Federer oder Nadal aufhören. Bei den Damen muss man abwarten, wie sich beispielsweise Garbine Muguruza entwickelt, die für mich absolutes Starpotenzial hat, oder ob Angelique Kerber zurück in die Spur findet. Aktuell tut die Ausgeglichenheit dem Spiel gut, aber den Zuschauern fehlt der Topstar.

Sehen Sie künftig eine Überspielerin oder wird diese jahrelang fehlen?

Ich sehe niemanden in naher Zukunft. Muguruza wird konstanter, aber ihr Spiel hat Schwankungen genau wie das von Simona Halep, Caroline Wozniacki oder Elina Svitolina. Wer heute eine gute Form hat, kann unerwartet einen Grand Slam-Titel gewinnen. Das hat die komplette Situation im Damentennis verändert.

Bei den French- und bei den US Open gab es mit Jelena Ostapenko und Sloane Stephens unerwartete Siegerinnen, die der Titel nicht beflügelte. Ist die Bürde von Major-Siegen und Nummer eins-Platzierungen zu groß?

Es stimmt. Ihre Ergebnisse nach den großen Titeln waren enttäuschend. Umso höher muss man Spielerinnen wie Williams oder Sharapova ihre frühere Dominanz anrechnen. Nach einem Grand Slam-Sieg entsteht extrem großer Druck. Es ist ein Unterschied, ob man gut spielen will oder ein Turnier gewinnen muss, weil man als Weltranglistenerste startet. Man muss vor allem den jungen Spielerinnen Zeit geben. Nicht viele sind dem Druck gewachsen. Entscheidend ist, wie die Spielerinnen auf Dauer damit umgehen und ob sie aus Fehlern lernen.

Wird bei den Damen weniger zielstrebig trainiert als bei den Herren?

Nein, aber man kann Damentennis nicht mit Herrentennis vergleichen. Natürlich haben die Damen noch Defizite im Vergleich zu den Herren, auch wenn das Niveau stetig steigt.

Eine Siegerin von zwei Grand Slam-Turnieren sollte man nie abschreiben

Wohin entwickelt sich das Damentennis?

Variantenreich zu spielen, ist ein Schlüsselthema. Die Damen müssen variabler werden, Spezialstärken entwickeln und das taktische Spielvermögen verbessern. Diese Prozesse brauchen Zeit. Die neue Generation wird taktisch viel besser geschult als ältere Generationen.

Wer zählt zur neuen Generation?

Spielerinnen wie Ostapenko, Muguruza oder Svitolina. Auch mein Schützling Keys zählt dazu. Es sind junge Spielerinnen mit einem ganz anderen Auftreten. Da ist viel möglich, aber man muss ihnen Zeit geben. Ich bin gespannt, was passiert, wenn Sharapova oder die Williams-Schwestern endgültig abgetreten sind.

Angelique Kerber ist nach einem starken Jahr 2016 als Nummer eins in dieses Jahr gestartet und schien dem Druck nicht gewachsen zu sein. Wie beurteilen Sie ihre Situation?

Kerber hatte 2016 ein überragendes Jahr: Nummer eins der Welt, zwei Grand Slam-Titel, ein weiteres Grand Slam- plus Olympia-Finale. Das war unglaublich und es ist wahnsinnig schwer, diese Erfolge zu bestätigen und dem Druck entgegenzuwirken. Der Anspruch im Folgejahr ist gewaltig. Es kommt hinzu, dass sie verletzt war und nicht ihr bestes Tennis spielt. Der Druck durch die Medien tut sein übriges. Ich glaube aber, dass Kerber und ihr Trainer Torben Beltz aus den Erfahrungen und Fehlern im Jahr 2017 gelernt haben. Eine Siegerin von zwei Grand Slam-Turnieren sollte man nie abschreiben.

Das WTA-Finale in Singapur läuft derzeit. Zumindest in Deutschland scheint den Termin kaum jemand auf dem Zettel zu haben. Hat das Saisonfinale noch die Bedeutung wie zu den Zeiten im Madison Square Garden oder wie das Herrenfinale, das Mitte November in London stattfindet?

Ich war bislang zwei Mal beim Masters in Singapur und bin mit der Darstellung des Turniers absolut unzufrieden. Die Spielerinnen werden vor halbleeren Rängen präsentiert. Ich erwarte von einem Turnier dieser Größenordnung, dass es komplett ausverkauft und perfekt organisiert ist. London bei den Herren, wo 17.000 Zuschauer dabei sind, ist der Maßstab. Es hat einen viel höheren Stellenwert. Die WTA muss sich darüber Gedanken machen, wie sie das Turnier aufwerten kann.

Letzte Frage: Wie schwer ist es eigentlich, eine Dame zu trainieren?

Fakt ist, dass man sehr viel mehr auf die Damen als auf die Herren eingehen muss. Das Mentaltraining spielt eine größere Rolle und das macht die Aufgabe auch sehr interessant. Was mich fasziniert: Man kann als Trainer sehr viel erreichen, weil es noch so viel Luft zwischen Damen- und Herrentennis gibt. Im taktischen Bereich kann man bei den Damen viel schneller Fortschritte machen.

Das Interview mit Dieter Kindlmann  ist auch in der „Welt am Sonntag“ erschienen.

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