berrer-titel

Michael Berrer: „Es war riesig“

Ein Schlusspunkt wie gemalt. Mit 36 Jahren wird Michael Berrer Deutscher Meister und beendet seine Karriere. In tennis MAGAZIN schreibt er selbst. Über seinen zähen Start als Profi, Begegnungen mit den Großen der Zunft, italienische Lebensart und seine große Liebe – Tennis!



Krönender Abschluss

Deutscher Meister! In meiner Heimat! Zum Ende meiner Karriere! Ich habe vorher immer gesagt: Das wäre ein schöner Abschluss. Es war der Titel, der mir fehlte. Besser hätte sich der Kreis für mich nicht schließen können – im Schwabenland. Wo alles begann. Darüber bin ich sehr glücklich.

Es waren 18 Jahre Profikarriere. Mit Höhen und Tiefen. Mit tausenden von interessanten Begegnungen. Ich weiß noch, wie wir als 18-Jährige im Schwaben-Team alle weggehauen haben. Es fühlt sich wie gestern an. Es gab viele Wendungen in meiner Laufbahn. Der Start beim WTB, dem Württembergischen Tennis Verband, dem ich so viel zu verdanken habe. Dann die Lehrjahre im Kreise des B-Kaders. Es war eine schwierige Zeit. Ich war nie der Typ, der gerne in die Fremde ging. Ich wollte auch immer bei meiner Freundin sein, die heute meine Frau ist und mir zwei Kinder geschenkt hat. „Mensch“, haben die anderen oft gesagt, wenn sie für zwei Monate in die USA zu Futures aufbrachen „mach’ dir nicht so viele Gedanken wegen ihr.“ Ich antwortete: „Aber diese Frau werde ich heiraten!“ Da haben sie gelacht.

Die Ebene stimmte nicht

Die DTB-Förderung war eines der unschönen Kapitel. Ich wog 102 Kilogramm, ich war ein Riesenkerl mit Schuhgröße 48. Meine damaligen DTB-Trainer haben mich vor zehn Jungs beim Lehrgang auf die Waage gestellt. „Guck mal Michi, wieviel du wiegst, du musst jetzt in drei Monaten zehn Kilo abspecken“, haben sie gesagt. Sie haben mich vorgeführt und damit komplett zerstört. Als studierter Psychologe weiß ich: Viel schlechter kann man mit Menschen nicht umgehen. Okay, ich kritisiere mich auch selbst. Ich war unprofessionell, unfit. Ich habe nur einmal am Tag trainiert, ging nie Laufen. Meine Ernährung war schlecht. Kühnen schenkte mir damals ein Buch: „Die richtige Sporternährung“. Es war gut gemeint, aber es hat mich nicht erreicht, weil die Ebene nicht stimmte.

Mit 21 Jahren hat sich meine Einstellung geändert – ich war wieder zurück beim WTB. Dass der Verband mich wieder aufgenommen hatte, nachdem ich beim DTB durchs Raster fiel – dafür bin ich unendlich dankbar. Morgens war ich der Erste in der Halle und abends der Letzte. Ich habe lange gekämpft, um in die Top 100 zu kommen. Mein Problem: fehlende Lockerheit. Ich war immer zielorientiert, ambitioniert, verbissen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht trainiert habe. Das ist mir im Alter zwischen 18 und 21 eingebläut worden. Das war wie ein Mantra, das sich in meiner Persönlichkeit manifestiert hat. Ich hätte zu Beginn meiner Karriere viel mehr regenerative Phasen einlegen müssen.

Angenehme Begegnungen: tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic hat die komplette Karriere von Michael Berrer begleitet.

Angenehme Begegnungen: tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic hat die komplette Karriere von Michael Berrer begleitet.

Grübeln gehört zu mir

Um die Psyche in den Griff zu bekommen, habe ich mit dem Sportpsychologen Professor Gabler zusammengearbeitet. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich habe zu viel gegrübelt. Im Tennis schadet das. Wenn man ein bisschen einfacher gestrickt ist und einfach auf die Kugel hackt, ist das besser. Negative Emotionen – das habe ich in sieben Jahren Psychologie-Studium mitbekommen – blockieren enorm. Ich habe versucht, daran zu arbeiten. Mal ist es mir besser, mal schlechter gelungen. Aber niemand kann aus seiner Haut. Es gehört zu mir, sich den Kopf zu zerbrechen.

Das Fernstudium an der University of Phoenix parallel zur Tour war eine meiner besten Entscheidungen. Es war ein ATP-Programm, das nur zehn Spieler genutzt haben. Ich habe keinen Cent gezahlt, musste dafür nie nach Arizona reisen. Das lief alles online in Foren und per Chat mit den Professoren. Zweimal am Tag musste man sich einloggen und Beiträge liefern.

2010 habe ich mit dem Studium begonnen, 2014 war es fertig und ich hatte meinen Bachelor in der Tasche. Am Master-Abschluss bin ich dran. Der Titel meiner Arbeit, die ich 2016 fertiggestellt habe: „Fear of success“ – die Angst vor Erfolg. Es geht darum, dass man sich beim Ausservieren des Matches schon Gedanken über die Konsequenzen macht. Übertragen auf Angie Kerbers Australian Open-Sieg 2016 hieße das: Sie befasst sich schon beim Matchball mit dem Rummel, den ihr Triumph auslösen wird. Mein Problem war eher: „Fear of failure“ – die Angst zu versagen. Ich wollte auf keinen Fall verlieren. Dann verkrampft man, ist nicht im Flow, der im Tennis so wichtig ist.

Nach 14 Profijahren den Aufschlag umgestellt

Die letzte Wendung in meiner Karriere fand 2012 statt. Mit 32 Jahren. Da habe ich mich noch einmal neu erfunden. Ich musste etwas anderes versuchen, ich musste weg vom WTB, so schwer mir das nach all den schönen Jahren auch fiel. Meine neue sportliche Heimat war die Akademie Top Tennis Stuttgart. Es war wie ein Jungbrunnen. In einem Alter, in dem andere Profis ihre Karriere beenden, legte ich noch einmal los – auch dank der Trainer Kevin und Louk Sorensen. Sie haben meinen Aufschlag nach 14 Profijahren noch mal umgestellt!

Wenn ich heute mit Andi Beck, der dort inzwischen Trainer ist, Elfer spiele, er mir einen Spruch reindrückt und die Vorhand um die Ohren haut, ist das immer noch faszinierend. Diesen Wettbewerb will ich auch weiter haben. Ich will noch Liga spielen, junge Spieler vom Platz fegen. Ein Engagement in Italien, in Vigevano bei Mailand, ist für den Sommer bereits fest verabredet.

Können viel von den Italienern lernen

Im letzten Jahr spielte ich dort zum ersten Mal. Es war, als gehöre ich schon zehn Jahre zum Team. Die Stimmung ist riesig, das ganze Dorf unterstützt uns. Überhaupt: Die Italiener wissen, wie man lebt. Das Essen ist toll. Vom Clubleben können wir Deutschen uns was abschneiden. Die Wochenenden verbringen ganze Familien in den Vereinen. Da gibt es ein Schwimmbad, einen Gym, ein gutes Restaurant. Die Frau geht zum Fitnesstraining, der Mann und die Kinder spielen Tennis. Es hat mich an meine Jugend erinnert. Ich kam von der Schule, es gab Mittagessen und dann ging es zum TC Waldau, wo ich den Rest des Tages verbracht habe.

Ich glaube, die Vereine müssen ihre Mitglieder hofieren, mehr Werbung machen. Wir haben einen tollen Sport, 1,4 Millionen Menschen im DTB. Ich glaube Tennis kann wieder einen Boom erleben. Das deutsche Tennis nach vorne zu bringen – so etwas schwebt mir beruflich vor. Neue Sponsoren zu gewinnen, neue Ansätze im Marketing zu entwickeln. Meine Erfahrungen würde ich auch gerne als Coach in großen Unternehmen weitergeben. Der Leistungsdruck im Sport und im Beruf, selbständiges Arbeiten, die Bedeutung von Führungsqualität – das sind Themen mit denen ich mich jahrelang auf der Tour beschäftigt habe.

Abschied Berrer

Ende 2016 gewinnt Michael Berrer die Deutsche Meisterschaft. Im Finale gewinnt er gegen Maximilian Marterer.

Guter Zusammenhalt im DTB

Es ist Zeit für den nächsten Schritt – einerseits. Andererseits fällt mir der Abschied vom Profitennis schwer. Ich werde das alles vermissen. Die Mitarbeiter der ATP, die Supervisor, die Schiedsrichter, meine Spielerkollegen. Das sind besondere Menschen. Die Volltrottel kann ich an einer Hand abzählen, da gab es nicht so viele.

Ja, man muss egoistisch sein als Tennisprofi, man führt manchmal ein einsames Leben, aber das es immer heißt, die deutschen Spieler bilden keine Gemeinschaft, kann ich nicht bestätigen. Es gibt einen Zusammenhalt. Ich selbst war nie jemand, der abends groß unterwegs gewesen ist. Ich bin nach dem Essen auf mein Hotelzimmer und habe für die Uni gelernt. Was nicht heißt, dass ich keine schöne Zeit mit den anderen hatte. Das sind super Typen, auch wenn es schwer ist, Freundschaften zu pflegen. Ich habe zwei, drei richtige Freunde – mehr nicht. Früher haben sie Tennis gespielt, inzwischen sind sie erfolgreiche Unternehmer, führen Familienunternehmen.  Vermissen werde ich die Begegnungen mit Federer, Nadal, Djokovic und Murray. Was sind das für tolle Charaktere! Die grüßen einen immer, schlagen in die Hand ein, sagen: „Hey Michael“. Es war mir eine Ehre, gegen solche Giganten spielen zu dürfen. Gegen Nadal gewonnen zu haben, gegen alle anderen zumindest einen Satz geholt zu haben – das bedeutet mir viel.

Vor 15.000 auf dem Centre Court in Wimbledon

Ich war nicht der sensationellste Tennisspieler, aber ich habe viele gute Turniere gespielt. Ich habe Spitzenspieler wie Tomas Berdych oder Milos Raonic geschlagen. Ich habe vor 15.000 Zuschauern auf dem Centre Court von Wimbledon gespielt. Das ist Ehrfurcht pur. Die Tour hat mich weltoffener gemacht. Es liegt in der deutschen Mentalität, sich klein zu machen. Ich habe auf meinen Flügen in Lobbys gesessen und von Landsleuten gehört: „Ah, Sie sind Tennisprofi. Und was machen Sie im richtigen Leben?“ In den USA wäre das undenkbar. Da ist die Wertschätzung für Athleten groß.

Jetzt freue ich mich auf meine neue Aufgabe beim DTB. Ich werde dort fürs Sponsoring zuständig sein.  Ich bleibe dem Tennissport also verbunden!

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/