Gehört mit Federer, Nadal und Murray zum Spitzenquartett der Tour: Djokovic.
© Davies
Herr Djokovic, haben Sie das Finale von Paris gesehen?
Ein paar Spiele habe ich mir im Fernsehen angeschaut. Mir war klar, dass Roger gewinnt. Er hat so viele Variationen in seinem Spiel, kurze Bälle, Slice-Bälle. Söderling liegt das nicht. Er mag es, weit hinter der Grundlinie zu stehen. Roger hat ihn aus seiner Komfortzone geholt.
Alle schwärmen von Federer. Ist der Fakt, dass er nun alle vier Grand Slam-Turniere gewonnen hat, auch für Sie als Konkurrenten etwas Besonderes?
Um ehrlich zu sein: Bei mir gab es keine Emotionen. Schließlich war er es, der gewonnen hat und nicht ich (grinst). Ich kann nur sagen: gut gemacht. Es ist ein großartiger Erfolg für ihn. Er hat es verdient. Und es hat sich wieder einmal gezeigt, dass er einer der Besten in der Geschichte des Tennis ist.
Einer der Besten oder der Beste?
Einer der Besten. Weil man Tennis vor 50 Jahren und heute nicht vergleichen kann. Laver, McEnroe, Connors, Lendl. Die spielten mit Holzrackets, es war ein anderes Tennis: Rhythmus, Tempo, der ganze Circuit. Wer weiß, wie gut diese Spieler heute wären.
Viele hatten Federer bereits abgeschrieben.
Ich nicht, auch wenn er eine Zeit lang nicht auf dem höchsten Level spielte. Rafael Nadal wurde immer kompletter, begann, unglaubliches Tennis zu spielen. Dann gab es noch ein paar andere Spieler wie mich und Andy Murray, die es schafften, Federer zu schlagen. Nach fünf Jahren Dominanz war es normal, dass die Leistung bei ihm etwas abfiel. Aber er war immer die Nummer zwei der Welt und stand nicht auf Platz zehn.
Es heißt, Ihre Beziehung zu Federer sei nicht die beste.
Das stimmt nicht. Die Medien übertreiben da. Wir haben eine sehr faire Beziehung. Wir respektieren uns. Okay, wir sind keine Freunde, gehen nicht zusammen zum Abendessen. Wir sind Kollegen, Rivalen. Es ist schwer, miteinander befreundet zu sein, wenn man auf dem Platz gegeneinander antritt.
Sie galten in Paris als einer der Favoriten aber scheiterten früh. Wann gewinnen Sie Ihr zweites Grand Slam-Turnier?
Paris war für mich eine große Enttäuschung. Die Sandplatzsaison lief so gut. Ich hatte das Gefühl, das Turnier gewinnen zu können. Die Niederlage gegen Philipp Kohlschreiber war eine Lektion für mich, aus der ich lernen werde. Vielleicht bekomme ich in Wimbledon eine Chance. Ich habe an meinen Volleys gearbeitet, spiele aggressiver. Von einem Sieg dort habe ich schon immer geträumt. Es ist der wertvollste Titel, auch wenn ich lieber auf Hartplatz oder Asche antrete. Aber Gras ist ein interessanter Belag. Alles passiert so schnell. Man muss physisch und mental absolut fit sein.
Sie sprechen immer wieder von Ihrem Lebensziel, der Nummer 1. Wie weit sind Sie davon entfernt?
Drei Plätze (lacht). Im Ernst: Es ist immer noch mein Ziel. Es hängt von vielen Dingen ab, vor allem von mir. Ich weiß, dass meine Qualität gut genug ist. Ich spiele seit zwei, drei Jahren auf dem höchsten Level, habe ein Grand Slam-Turnier gewonnen, den Masters Cup. Ich bin bereit. Es ist eine Frage von Konstanz, Selbstvertrauen, Hingabe und Professionalität. Mein Pech ist: Ich spiele in der gleichen Ära wie Federer und Nadal, zwei der besten Spieler aller Zeiten.
Wenn Sie nicht die Nummer 1 werden, ist Ihre Karriere dann unerfüllt?
Nein. Man muss Ziele haben, bei allem was man tut. Ich brenne für diesen Sport. Ich spiele schon mein ganzes Leben Tennis. Ich weiß nicht, wie es in fünf oder zehn Jahren ist. Wenn ich gesund bin und die Leidenschaft bleibt, werde ich auch dann noch spielen. Aber ich möchte nicht zu viel Druck auf mich ausüben. Wenn es mit der Nummer 1 nicht klappt, soll es nicht sein.
Was ist Ihnen im Leben wichtig?
Meinen inneren Frieden zu haben, treue und ehrliche Leute um mich herum. Für mich ist der Sinn des Lebens, eine Familie zu haben, glücklich zu sein, zufrieden, gesund. Wenn ich die Nummer 1 der Welt bin, 20 Grand Slams gewonnen habe, ist das fantastisch, aber es ist nicht das Einzige im Leben. Mit 30 ist die Karriere normalerweise vorbei. Und dann?
Sagen Sie es uns.
Man muss Alternativen haben, herausfinden, was man wirklich will.
John McEnroe sagt, Sie könnten auch auf der Bühne Karriere machen.
Mag sein. Ich habe schon als 4-Jähriger gesungen, getanzt, die Leute unterhalten. Ich liebe das. Ich hatte schon immer diese Extra-Energie. Ich weiß nicht, was später kommt. Ich habe viele Interessen. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Manchmal werde ich dafür von der Presse gekillt.
So wie im letzten Jahr bei den US Open, als Sie im Stadion den amerikanischen Liebling Andy Roddick kritisierten. War das klug?
Vielleicht nicht. Aber ich sage, was ich denke, ich verstecke mich nicht. Und wenn ich abends in den Spiegel schaue, bin ich mit mir im Reinen.
Es scheint so, als sei der Showman Djokovic, der die Mitspieler parodiert, ruhiger geworden. Täuscht der Eindruck?
Ich stimme Ihnen etwas zu. Ich versuche, immer noch die Leute zu unterhalten. Aber ich habe zuletzt viel Druck gespürt: aus meiner Heimat, von Tennisfans, der Presse. Ich fühlte mich mental erschöpft. Ich habe zum Teil einen Ruf, den ich nicht verstehe. Es hieß, ich hätte Matches absichtlich aufgegeben. Das hat mich verletzt, weil es nicht wahr ist.