Day Seven: The Championships – Wimbledon 2017

Alexander Zverev: Mit Kumpeltyp Ferrero zur Weltspitze

Mit dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten Juan Carlos Ferrero will Alexander Zverev zu seinem nächsten Karriere-Schritt ansetzen – eine gute Wahl



Es ist wieder so eine typische Zverev-Geschichte: Über Nacht verbreitete sich die Meldung spanischer Medien, dass Deutschlands bester Spieler sein Team für den US-Hartplatz-Sommer mit Ex-Profi Juan Carlos Ferrero ergänzen wird. Deutsche Medien waren über diese Personalie nicht informiert und trauten dem Ganzen noch nicht so recht über den Weg. Der Sport-Informationsdienst etwa textete vorsichtig, Ferrero sei nun „offenbar“ neuer Coach von Zverev. Es fehlte eine Bestätigung von Zverev oder von dessen Management. Darauf muss man wohl bis zum nächsten Turnierstart von ihm in Washington warten, wenn er nach einem Match mit Journalisten sprechen wird.

Typisch ist diese Anekdote deshalb, weil Zverev schon häufig klar gemacht hat, dass der deutsche Markt für ihn nicht so wichtig ist, wie es viele von ihm immer noch erwarten. „Meine Eltern kommen aus Russland, meine Verwandten leben dort. Aber ich bin in Deutschland aufgewachsen und fühle mich deutsch – und international“, sagte Zverev im Mai in einem italienischen Modemagazin. „Und international“ – auf diesen Zusatz kommt es an. Zverev ist ein „Global Citizen“: Geboren in Hamburg und in der Welt zu Hause. Dass die Verpflichtung eines Trainers wie Juan Carlos Ferrero, was ja durchaus eine Knaller-Meldung ist, zuerst in Spanien durch die Medien rauscht und in Deutschland nur mit Verzögerung und wenig exklusiv publik wird, interessiert ihn nicht.

Nicht Becker, lieber Ferrero

Es ist ein smarter Schachzug von Zverev, sich nun ziemlich überraschend die Dienste von Ferrero zu sichern. Zuletzt wurde oft Boris Becker als möglicher Coach an seiner Seite ins Spiel gebracht, aber neulich im SPIEGEL-Interview schloss das Zverev aus. „Ich denke, dass ich noch nicht bereit bin, diese oder jene Information zu hören. Ich möchte mich in den Top Ten etablieren, das mentale Training, die Feinheiten kommen vielleicht später“, sagte Zverev zum Thema Becker. Mit Ferrero, so muss man es wohl interpretieren, startet er nun einen Versuch, sich in der Weltspitze festzusetzen. Gerne würde man wissen, wie es zu dieser Zusammenarbeit kam.

Anruf in der „Equelite-Academy“ von Juan Carlos Ferrero, die in der Nähe von Allicante liegt. Ferrero, teilt eine freundliche Dame am Telefon mit, sei derzeit nicht zu sprechen, er wäre im Ausland. Aber die Sache mit dem „deutschen Jungen, mit Sascha“, die würde natürlich stimmen. Im Moment ist Ferrero mit Zverev in Florida, „Hartplatz-Vorbereitung für zwei Wochen“. Mehr könne sie aber auch nicht sagen – „Adios!“

I think you can tell we don’t enjoy track sessions during summer in Florida #brothers #risetogether

Ein Beitrag geteilt von Alexander Zverev (@alexzverev123) am

In den spanischen Quellen wird Ferrero selbst so zitiert: „Zverev ist ein besonderer Spieler, er hat das Zeug, ein Champion zu werden. Es ist eine Herausforderung, die mich mit Begeisterung erfüllt und den Wunsch hervorruft, das Beste zu geben.“ So oder ähnlich würde sich natürlich jeder Trainer äußern, der eine Zusammenarbeit mit Zverev beginnt. Die Frage ist: Kann Ferrero dem deutschen Ausnahmespieler helfen, den nächsten Schritt in Richtung absolute Weltspitze zu gehen?

Enorm großer Erfahrungsschatz

Die Antwort lautet: ja! Ferrero hat als Trainer einen enorm großen Erfahrungsschatz, weil er schon früh – parallel zur aktiven Karriere – seine eigene Akademie aufgebaut und sie zu einer begehrten Anlaufstelle für Talente aus aller Welt geformt hat. Ferrero übernahm die Akademie von seinem eigenen Trainer, Antonio Martinez Cascales, bei dem er als kleiner Junge mit dem Tennissport begann. Damals gab es auf dem überschaubaren Gelände zwei Courts; heute sind es zehnmal so viele. Vor zehn Jahren besuchte tennis MAGAZIN die Equelite-Academy und erlebte Ferrero, der damals noch Profi war, als Kumpeltyp. Er lebte inmitten der Kinder, aß oft mit ihnen zu Mittag, spielte mit ihnen Fußball und stand mit ihnen auf dem Platz. „Das ist meine große Familie“, sagte er.

LEBENSWERK: Blick auf die „Equelite-Academy“ von Juan Carlos Ferrero in der Nähe von Allicante, Spanien.

Mittlerweile geht er seinen Job professioneller an, kümmert sich mehr um Management und Organisation der Akademie, aber sein Wohnhaus steht noch immer auf dem mittlerweile riesigen Gelände. Und wenn es Ferreros Terminkalender erlaubt, setzt er sich zum Mittagessen zu seinen Schülern in den großen Speisesaal. Sein Coach Cascales sagte jüngst über Ferrero: „Er ist wie ein Spiegel, in den die Spieler der Akademie täglich blicken können, um hart zu arbeiten und sich zu verbessern.“

Coach Kuhn und Carreno-Busta

In den letzten Jahren coachten Ferrero und sein hoch anerkanntes Trainer-Team zwei äußerst spannende Spieler: Pablo Carreno Busta (26) und Nicola Kuhn (17). Busta stand nach den French Open 2017 erstmals in den Top 20 und war nach Rafael Nadal zweitbester Spanier im Ranking. Ihm wird allerdings nachgesagt, dass er körperlich nicht in der Verfassung sei, auf höchstem Level mitzuhalten. Dazu passt, dass er gerade wieder verletzt ist. Kuhn, ein Spanier mit deutschen Wurzeln, trainierte seit seit seinem 12. Lebensjahr bei Ferrero und feierte jüngst einen Riesen-Erfolg beim Challenger in Braunschweig: Als Nummer 501 der Weltrangliste holte er dort den Turniersieg. Allerdings hat Kuhn die Ferrero-Akademie mittlerweile verlassen, um wieder bei seinem alten Coach, Pedro Caprotta, in Torrevieja zu trainieren.

GRÖSSTER ERFOLG: 2003 gewann Juan Carlos Ferrero die French Open. Im gleichen Jahr wurde er auch die Nummer 1 der Welt.

Ferrero hat also nicht nur Erfolge als Trainer, er hat vor allem rege Kontakte zu jungen Spielern. Mit 37 Jahren, so heißt es, spricht er noch die Sprache der aufkommenden Tennis-Generation. Und schließlich: Ferrero ist Grand Slam-Sieger (French Open 2003) und ehemaliger Weltranglisten-Erster (für sieben Wochen im September/Oktober 2003). Sicher: Er ist kein Schwergewicht unter den sogenannten „Super-Coaches“. Sein Spitzname von damals („Moskito“) sagte einiges über seine abwartende und plötzlich zustechende Spielweise aus. Der Name stand aber auch dafür, dass er als Weltranglisten-Erster nicht gerade stilprägend für eine neue Spieler-Generation war. Aber – und das ist sein großer Vorteil: Ferrero ist jemand, der zu keinem Zeitpunkt nach dem Ende der aktiven Laufbahn den Draht zum professionellen Tennis verloren hat.

Er wird Alexander Zverev nun zunächst bei den Hartplatz-Turnieren in den USA und bei den US Open begleiten. Wie es danach weitergeht, wird dann wieder bestimmt zuerst in den spanischen Medien zu erfahren sein.

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/