TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Angelique Kerber: Bitte kein Bashing!

Angelique Kerber ist in Wimbledon ausgeschieden – gegen Garbine Muguruza. Kerber, die Vorjahresfinalistin, hat 6:4, 4:6, 4:6 im Achtelfinale verloren. Nach 2:20 Stunden. Sie wird kommenden Montag nicht mehr die Nummer eins der Weltrangliste sein. Die heißt dann Karolina Pliskova oder Simona Halep. Und: Kerber hat in dieser Saison noch kein Match gegen eine Top 20-Spielerin gewonnen. So weit die Fakten. Man könnte jetzt einstimmen in den Kanon der Abstiegsgesänge. Viele sprachen ja schon von der schlechtesten Nummer eins überhaupt. Es gehört leider zu den Unsitten vieler Berichterstatter, sich daran zu weiden, wenn die fallen, die ganz oben stehen.



Das Kerber-Bashing ist in höchstem Maße unfair. Und wenn man sich in Wimbledon bei denen umhört, die wirklich etwas von ihrem Fach verstehen, entsteht ein ganz anderes Bild. Nämlich das einer Spielerin, die aus ihren Möglichkeiten mehr gemacht hat als jede andere Spielerin auf der Tour. „Seid doch froh, dass ihr die Kerber habt. Ich kann gar nicht verstehen, dass sie plötzlich so ein negatives Image bekommt. Es ist eine Frechheit wie über sie geurteilt wird“, hat mir ein anerkannter Trainer letzte Woche gesagt.

2016 – mehr als ein Wunder

Die Wunder des letzten Jahres – sie zählen nicht mehr. Sieg gegen Serena Williams in Australien – schon vergessen. Finale in Wimbledon gegen Williams – ach ja. Sieg bei den US Open im Finale gegen Pliskova – da war doch was. Dazu noch Olympisches Silber und Finalistin beim WTA-Finale in Singapur. Es ist, wie sich jetzt herausgestellt hat, ein Jahr, für das das Wort Wunder eigentlich nicht ausreicht. Es war eine Laune der Tennisgeschichte, die nicht wiederholbar ist, weil Kerber keine Williams ist. Sie ist kein Star in dem Sinne. Will sie auch gar nicht sein. Sie will in Ruhe arbeiten und das konnte sie über weite Strecken nicht, weil alle an ihr zerrten.

Klar, dass muss jede Spielerin aushalten, die exponiert ist. Noch mehr Termine mit Sponsoren, Turnierveranstaltern, der Damentour, den Medien gehören als Branchenbeste zum Tagesgeschäft. Kerber hat dabei ihren Rhythmus verloren. Und wenn man Matches verliert, schwindet das Selbstbewusstsein. Und wenn man hört und liest, dass man schlecht ist, nagt das zusätzlich an einem. Man gerät in einen Abwärtsstrudel, der sich nicht so leicht stoppen lässt.

Und dann gibt es noch die Gegnerinnen. Die Hackordnung kann man in den Umkleidekabinen sehr gut beobachten. Andre Agassi hat in seinem Buch „Open“ einmal sehr eindrucksvoll beschrieben, wie sich die „Rudeltiere“ gegenüber der Nummer eins verhalten, wie sie sie respektieren, wie die Aura wächst. Dass einen die anderen hofieren, wenn man den Raum betritt. Kerber hat die Aura nie verströmt. Man hat sie respektiert, aber man hat spätestens nach Melbourne gewusst: Sie ist nicht die Überspielerin. Ich kann sie schlagen. Sie ist sportlich in der Krise.

WTA-Tour: Jede kann jede schlagen

Kerbers Dilemma ist das der Damentour. Jede kann jede schlagen. Es gibt, seit Serena Williams pausiert, keine richtige Anführerin. Eine Einklassengesellschaft an der Spitze, bei der alle gleich sind. Kein Primus Inter Pares. Und plötzlich werden Spielerinnen wie Paris-Siegerin Jelena Ostapenko nach oben gespült, weil sie in ein Vakuum stoßen.

Bei Kerber war die Abwärtsspirale – auch wenn das bei einer Nummer eins, die nicht als Favoritin in ein Achtelfinale geht und anschließend ausscheidet merkwürdig klingt – gestoppt, als sie die erste Woche mit wackeligen Auftritten überstanden hatte. Das, was sie 2016 eindrucksvoll bewiesen hat, zeigte sie nach dem 4:6, 2:4-Rückstand gegen Shelby Rogers in der dritten Runde: fighten, nie aufgeben. Es könnte ein Wendepunkt sein, sagte sie selbst. Und es war einer, weil das anschließende Match gegen Muguruza bis dato eines der besten des Turniers war.

Was man Kerber vorhalten kann: Sie hat sich nach dem Tiefpunkt in Paris (Niederlage in Runde eins) keine externe Meinung eingeholt. Sie hat so weiter gemacht. Es ist für sie an der Zeit, sich einen Experten für ihren schwachen Aufschlag zu holen. Diesen Schlag kann keine Gegnerin beeinflussen. Es muss möglich sein, ihn zu verbessern. Und dass ein paar freie Punkte den Unterschied machen, ist eine Binsenweisheit.

Das Positive an Wimbledon, so verrückt es klingt: Sie ist die Nummer eins los. Sie ist wieder Jägerin. In der Rolle fühlt sie sich wohler.

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  1. Stefan Höfel

    Guter Kommentar, aber bitte auch nicht wie im letzten Jahr unsachlich in den Himmel heben. Denn zu Medien gehören ja das Tennismagazin usw. nun einmal auch. Es ist gut, dass Kerber, so wie ist, im letzten Jahr so erfolgreich war. Sie hat zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen, wurde Zweite bei Olympia, in Wimbledon und bei der WM und die Nr. 1 der Weltrangliste. Viel mehr geht in einem Kalenderjahr nicht. Zum Vergleich: Stefan Edberg (6 GS-Titel) hat davon nie gleichzeitig zwei Grand-Slam-Titel gehalten! Für das Ranglistensystem kann Kerber nichts. Ein Grand-Slam-Titel ist wertvoller als Platz 1. Und Kerber hat zwei Grand-Slam-Titel und wird noch einige Tage die Nr.1 sein. Noch ist sie die aktuelle US-Open-Siegerin. Falls Halep nicht in Wimbledon gewinnen sollte, wird die neue Nr.1 eine Spielerin sein, die noch nie einen Grand-Slam-Einzeltitel gewinnen konnte! Super! 🙁

  2. Henry Weidemann

    Schließe mich an, guter Punkt. Nach dem Sieg von Ostapenko in Paris haben viele von einer Eintagsfliege gesprochen – weshalb es übrigens schön zu sehen ist, dass die Lettin nun auch in Wimbledon so stark spielt.
    In den Medien werden solche Geschichten viel zu schnell im Kontext der gesamten Tennishistorie reflektiert und bei dem dort vorgefundenen Spektrum an Vergleichen ist es natürlich recht leicht von der „schwächsten Nummer 1“ oder einem „One-Hit-Wonder“ zu sprechen.
    Ich denke was man bei all diesen Erfolgsgeschichten – Kerber eingeschlossen – mit einbeziehen sollte, ist der individuelle Triumph und wie dieser die ganz persönliche, menschliche Entwicklung beeinflusst. Das sind Erfahrungswerte von denen man ein Leben lang zehrt.
    In der Geschichte des jeweiligen Sports mag man vielleicht eine Randerscheinung bleiben, aber das sollte nicht der einzige Faktor sein an dem solche Erfolge bewertet werden.

  3. Bonhomme Richard

    Dem wohlabgewogenen Kommentar von Andrej Antic kann man nur zustimmen. Er unterstreicht Kerbers bemerkenswerte sportliche Leistung der letzten zwei Jahre positiv, ohne dabei auf feine Kritik zu verzichten. Die WTA-Karawane wird weiterziehen. Der August bringt mit den großen Hartplatzturnieren in Kanada bzw. den USA zur Vorbereitung auf die US Open neue Herausforderungen für die Topspielerinnen, welche die Hackordnung nach Wimbledon bereits wieder gehörig durcheinanderwirbeln können. 34 Wochen als Nummer Eins – damit steht Angie auf Platz 12 der ewigen Bestenliste, was das Ranking angeht. Gibt also nicht so sehr viele, die sich länger auf dem Tennisthron gehalten haben als sie. Von ihr als einem One Hit Pony zu sprechen ist absurd und zeugt von wenig Sachverstand! Im übrigen: wer sagt denn, dass es jetzt endgültig aus und vorbei ist? Sie wäre nicht die Erste, der ein Comeback gelänge.

    Einen kleinen Wermutstropfen habe ich dann aber doch noch: wenn es ganz dick kommt könnte Kerber sich nächsten Montag nicht auf Platz 3, sondern auf Platz 4 wiederfinden. Gewinnt nämlich entweder Konta oder Kuznetsova das Turnier, fällt Angie nach Halep und Pliskova auch noch hinter die Betreffende zurück. Wie Antic ganz richtig anmerkt ist künftig kein Platz unter den Top Ten mehr in Stein gemeißelt. Es wird von Turnier zu Turnier häufiger Verschiebungen geben als zuletzt, da bin ich mir ziemlich sicher.

  4. Schwamborn Dirk

    A.Kerber und wie geht es weiter? Ich habe mir die Spiele von A. Kerber in Wimbledon live angeschaut und da ist mir besonders in den ersten beiden Matches aufgefallen, das ihr enges Spiel an der Grundlinie, dazu führt, das sie nicht mehr frei durchschwingt und ein sehr abgekürztes Tennis spielt. Die Rückhand ist so schwach geworden, das A. Kerber mehr aus dem Sitzen spielt als mit Körperdruck und einen schnellen Durchschwung in den Treffpunkt schwingt. Sie ist Linkshänderin und deckt den Platz noch nicht mal mit der Vorhand ab, dazu kommt, das sie die Linie rauft und runter rennt und darauf wartete das die Gegnerin den Fehler macht. Sieht das im Trainerteam keiner? Im Spiel gegen Muguruza, konnte Sie wegen dem erhöhten Druck der Spanierin nicht mehr an der Baseline verteidigen, so das Sie unbewusst mit 2 Meter Abstand von hinten raus spielte und siehe da, Kerber spielt immer besser und seit langen ihr bestes Match. Also Kerber benötigt eine Anpassung ihrer Platzabdeckung und Beinarbeit, sie muss wieder mit „runder Schnellschwung-Technik“ ihre Vorhand und Rückhand mit Volldampf spielen. Achtung Trainerteam, ja auch der Service muss geändert werden, wir sind ja hier nicht beim Volleyball, denn so früh wie sich die Schlagschulter öffnet, das kann nichts werden, ist bei Petkovic auch der gleich Murks. Und zum Schluss möchte ich feststellen, das Selbstbewusstsein bei Kerber nur aus Leistung (Trainings-Arbeit) entsteht und nicht dann erst Leistung erbracht werden kann, wenn sie Selbstbewusst ist. Das wäre ja fatal, das sie nur dann Leistung zeigen kann, wenn Sie gut drauf wäre. Alles aus 2016 war ein super und erfolgreiche Zeit und wird A. Kerber auch keiner mehr nehmen. Der Tennisprofi hat aber immer nach vorne zu schauen und muss aus seinen Fehlern lernen, der gute Profi macht diese Fehler nur einmal. Also wäre es nun an der Zeit, das A. Kerber ihr Tennisspiel optimiert und sich auch mental verbessert. Angie spiele wie in 2016 und überlasse das Gewinnen nicht Deiner Gegnerin sondern nehme das Match, den Satz, das Spiel und jeden Punkt selber in die Hand.


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