Day Twelve: The Championships – Wimbledon 2015

Brexit: Wimbledon, ich komme…

Unser Reporter vor dem Saisonhöhepunkt in SW 19. Eine nicht ernst gemeinte Reise.



Ich „remaine“ noch. Montag werde ich „leaven“. T’schuldigung für den Brexit-Slang. Aber er ist gerade so drin bei mir. Also: Montag geht die Reise nach Wimbledon los. Ich weiß gar nicht, die wievielte.  1997 war ich zum ersten Mal da und es war auch geschichtsträchtig. Hongkong, damals noch eine britische Kolonie, wurde zur Chinesischen Sonderverwaltungszone,  wie das bürokratisch sperrig heißt. Ich hatte einen Geistesblitz und schlagzeilte: „Tim und Greg statt Hong und Kong.“ Tim war „Gentleman“ Tim Henman, ein Upper Class-Boy, der mindestens so gut wie Fred Perry zu Wimbledon passte.

Tim und Greg statt Hong und Kong

Er kam ins Viertelfinale (Niederlage gegen Michael Stich). Und Greg war der von den britischen Puristen ungeliebte Greg Rusedski. Unbeliebt, weil er eigentlich Kanadier war, aber für England spielte. Da konnte er noch so sehr Lady Di-Fan sein. Rusedski kam auch ins Viertelfinale und verlor gegen Cedric Pioline. Den Franzosen mochten die Engländer noch weniger als Holzfäller-Greg mit dem Nussknacker-Gebiss. Trotz Hong und Kong, damals war noch alles gut. 1975 gab es ja schon einmal ein Referendum. Die Briten blieben bekanntlich in der EU (damals hieß das noch EWG) und bei meiner Premiere auf der Insel (zumindest dienstlich) war das immer noch so. Die Engländer empfand ich als herzlich, nett, unglaublich höflich, etwas spleenig, am Wochenende dem Alkohol zugetan, aber ansonsten ziemlich europäisch.

Aber Montag und in den Tagen danach könnte ja alles anders sein als sonst. Vielleicht träume ich in der Nacht vor dem Flug mit BA 965 nach London-Heathrow Terminal 5 ja folgendes: Ich komme schon kaum raus aus Hamburg, weil inzwischen nicht nur gilt: Die Briten wollen raus aus Old Europe. Schlimmer noch: Sie möchten nicht, dass die Europäer reinkommen. Schon gar nicht die Deutschen, die mit Brüssel paktieren und so viel Kohle als Export-Weltmeister aus dem EU-Deal rausziehen.

„Ich will mein Geld zurück!“

Passend dazu läuft am Gate eine Frau herum, die Maggie Thatcher erstaunlich ähnlich sieht. Sie krakelt: „I want my money back!“ und erschlägt mich fast mit ihrer Handtasche.

Ich komme dann doch in den Flieger, weil ich keinen deutschen Namen habe, fühle mich aber überhaupt nicht wohl, weil mich die marineblau-gewandeten British Airways-Stewardessen so streng ansehen, als hätte ich die Kronjuwelen geklaut. Den Tomatensaft verschütten sie dann absichtlich und ich lande mit nasser Hose auf der Insel.

Der arme Djokovic

Nach drei Stunden Schlange stehen vor der Immigration, grinst mich Boris Johnson als Pappkamerad vor der Gepäckabgabe an. Ich denke wahlweise an Donald Trump und Boris Becker und irre zum Bankautomaten. Dort verlasse ich für kurze Zeit das Alptraum-Szenario, weil ich den besten Deal aller Zeiten mache. Ich tausche 100 Euro und bekomme 500 Pfund. Gleichzeitig tut mir Djokovic leid, der ja wohl wieder siegen wird und dafür zwei Millionen britische Pfund Preisgeld bekommt. Wenn das Turnier am 10. Juli zu Ende ist, muss er wahrscheinlich draufzahlen.

Zwar konnte Novak Djokovic seinen Titel in Wimbledon verteidigen, von seinen zwei Millionen Pfund Preisgeld wird allerdings nichts übrig bleiben.

Zwar konnte Novak Djokovic seinen Titel in Wimbledon verteidigen, von seinen zwei Millionen Pfund Preisgeld wird allerdings nichts übrig bleiben.

Die weitere Reise zur Anlage gleicht einem Spießrutenlauf. In der Piccadilly Line skandieren einige ältere Herren ohrenbetäubend „Leave! Leave! Leave!“. Am Earl’s Court, inzwischen in der District Line, steigen 15 junge Männer ein, die sich als Schotten herausstellen. Einer könnte Andy Murray sein. Die Schotten verprügeln die älteren Herren, halten mich für einen von ihnen und ich bekomme auch auf die Fresse.

Völlig erschöpft erreiche ich meine Bed and Breakfast-Pension in Southfields. Meine „Hosts“ sind zwar vergleichsweise freundlich, aber setzen mir gleich die Pistole auf die Brust: Entweder ich zahle das fünffache, damit sie ungefähr das rauskriegen, was vorher verabredet war oder ich muss jeden Morgen Porridge essen. „Ich zahle“, rufe ich, „ich zahle, bitte nur kein Porridge!“

Wimbledon als nationale Meisterschaften

Von meiner Bleibe während der Wimbledon-Tage gehe ich zu Fuß 15 Minuten zur Anlage. Am Gate 5 dauert die Kontrolle drei Stunden.

Ebenso wie ich warten hunderte andere Menschen auf den Einlass auf das Gelände. Viele erfolglos.

Ebenso wie ich warten hunderte andere Menschen auf den Einlass auf das Gelände. Viele Deutsche erfolglos.

Der Grund: Ich habe zwar einen ausländischen Namen, aber einen deutschen Pass. Ich habe Glück, dass ich an einen „Remainer“ gerate, der auch noch aussieht wie Winston Churchill. „Ich gebe Dir einen Rat“, sagt er, „komm’ nie wieder nach Wimbledon. Im nächsten Jahr spielt hier ohnehin kein Ausländer. Und ich bin auch bald weg.“

Puff. Schweißgebadet wache ich auf. Es war alles nur ein böser Traum. Ich dusche, frühstücke, steige ins Taxi ein. In vier Stunden bin ich im All England Club. Ich freue mich auf Wimbledon!

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