2016 Australian Open – Day 13

Djokovic und Becker: Wunderbare Jahre

Mal ehrlich: Wer hat im Dezember 2013 allen Ernstes daran glaubt, dass die überraschende Verpflichtung von Boris Becker als Coach an der Seite von Novak Djokovic drei Jahre andauern würde? Die Berliner Zeitung schrieb damals jahreszeitengerecht: „Die Nachricht schlug ein wie ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum, der aus zehn Metern Höhe auf das Dach eines Glühweinstandes kracht“ – Bumm!

Ich glaubte nicht an diese Liaison. Mit einem Kollegen hatte ich sogar eine Wette laufen, dass Becker spätestens nach einem halben Jahr wieder dafür Zeit hat, was er damals besonders gerne tat: sich in aller Öffentlichkeit zum Affen zu machen. Sei es via Twitter oder im TV (Stichwort: Fliegenklatschen) – Beckers Auftritte waren im Winter 2013 unter aller Kanone. Und er sollte in dieser Verfassung Trainer von einem der besten Tennisspieler der Welt werden? Das musste doch schief gehen.

Hochphase nach dem Wimbledon-Sieg 2014

Ging es aber nicht. Gut, es dauerte ein wenig, bis die beiden so richtig zueinander fanden. Bei ihrem ersten großen gemeinsamen Auftritt als „Beckovic“ in Melbourne 2014 flog Djokovic als dreifacher Titelträger (2011, 2012, 2013) schon im Viertelfinale gegen Stan Wawrinka raus. Bei den French Open 2014 verlor er im Finale gegen Rafael Nadal. Aber dann: Djokovic siegte in Wimbledon, also in Beckers viel zitiertem Wohnzimmer – besser konnte die Hochphase ihrer Zusammenarbeit kaum eingeläutet werden.

Djokovic und Becker

WIMBLEDON 2014: Der erste von insgesamt sechs Grand Slam-Titeln von Djokovic und Becker.

tennis MAGAZIN hatte während des Wimbledon-Turniers 2014 die Gelegenheit, ein langes Interview mit Becker zu führen. Es war ein Gespräch allein über Tennis – nicht über Frauen, nicht über Eskapaden und nicht über ungünstige Twitter-Posts oder über Trottel-Fotos. Es war: eine Wohltat. Becker so reden zu hören, wie er völlig befreit über sein Lieblingsthema sprach, offenbarte eine fast schon vergessene Seite dieser deutschen Sportikone: dass er ein kompletter Tennis-Enthusiast ist – fachlich auf dem neuesten Stand, hoch angesehen in der Szene und fast schon virtuos im Nacherzählen alter und neuer Anekdoten aus dem Profileben.

Es ging um ein bis zwei Prozent Leistungszuwachs

„Wenn ich mit Novak über Tennis rede, dann hört jeder im Team staunend zu. Novak und ich haben die gleichen Situationen auf dem Platz erlebt. Das sind Momente, die man nicht erklären kann, sondern die man gelebt haben muss“, schilderte er uns damals das Besondere an seiner Zusammenarbeit mit Djokovic. Natürlich konnte Becker aus Djokovic keinen neuen Spieler formen, aber er sorgte mit seiner Präsenz und seinem Wissen für jene oft beschworenen ein bis zwei Prozent Leistungszuwachs, die in der Weltspitze den Unterschied ausmachen können.

Nach dem Wimbledon-Triumph 2014 erklomm Djokovic wieder die Spitze der Weltrangliste, die er bis Anfang November 2016, als Andy Murray ihn ablöste, hielt. Es waren wunderbare Jahre – vor allem für Becker, der endlich wieder nur mit Tennis in Verbindung gebracht wurde. Aber auch für Djokovic, der mit Becker insgesamt sechs Grand Slam-Titel gewann.

Ist das Ende ihrer Zusammenarbeit nun auch ein Ende von Beckers „zweiter Tenniskarriere“? Mit Sicherheit nicht. Er wird bei den Australian Open zunächst bei Eurosport als Experte auftreten und er wird nach den drei erfolgreichen Jahren mit Djokovic genügend Anfragen anderer Profis bekommen.

Was Beckers Wert in den drei Jahren zudem steigerte: Er lernte, sich zurückzunehmen. Er, die Rampensau, hielt sich im Hintergrund, gerade bei den Majors. Becker überließ Djokovic die große Bühne. Er war der Strippenzieher im Verborgenen, derjenige, der morgens die Trainingsplätze und die Bälle klarmachte. Dass er sich so unterordnen und sich in ein Team einfügen konnte, um den Hauptdarsteller Djokovic zu seinen besten sportlichen Leistungen zu führen, ist seine größte Errungenschaft.

Djokovic und Becker

TEAMPLAYER BECKER: Mit Jelena Djokovic, Physio Milan Amanovic, Fitnesscoach Gebhard Gritsch und Co-Trainer Marian Vajda (v.l.n.r.) bei den French Open 2015.

Guru Imaz, Experte Becker – das kann nicht gut gehen

Aber er ließ sich nicht alles gefallen. Wäre es nach Djokovic gegangen (so berichtet es zumindest die Süddeutsche Zeitung), hätte Becker auch 2017 noch zum Trainerstab gehören sollen. Doch Becker konnte es sich nicht vorstellen, gemeinsam mit Pepe Imaz in einem Team zu arbeiten – und mit dieser Einschätzung liegt er sicher richtig. Imaz ist seit ein paar Wochen an der Seite von Djokovic, um ihn mental aufzubauen. Sein Credo: „Frieden und Liebe“. Guru Imaz und Experte Becker – das wäre auf Dauer nicht gut gegangen.

Was nun bleibt, ist ein Becker, der zurück zu seinen Wurzeln gefunden hat, der wieder dort heimisch geworden ist, wo er auch hingehört. Angesichts dieser Entwicklung habe ich meine Wette von 2013, als er den Trainerposten bei Djokovic übernahm, gerne verloren.

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