Day Eight – Nitto ATP World Tour Finals

Grigor Dimitrov: Bereit für den ganz großen Sprung

Die Gunst der Stunde genutzt: Grigor Dimitrov wird ATP-Weltmeister und bestätigt erstmals die riesigen Erwartungen, die seit Juniortagen auf ihm lasten. 2018 könnte seine Saison werden.



Natürlich melden sich jetzt die Nörgler und Kritiker zu Wort. Und natürlich muss man ihnen auch Recht geben. Doch den neuen ATP-Weltmeister Grigor Dimitrov, der sich den Titel als erster WM-Debütant seit Alex Corretja 1998 holte, jetzt als reinen Profiteur eines Saisonabschluss-Turniers darzustellen, dessen Besetzung eines Masters nicht würdig war, geht dann doch zu weit.

Sicher: Ohne Murray, Djokovic und Wawrinka, die verletzungsbedingt die Saison vorzeitig beendet hatten, war das Feld in London zumindest auf dem Papier nicht das allerbeste. Und als sich Rafael Nadal nach seinem ersten Match – ebenfalls verletzungsbedingt – vorzeitig in die Winterpause verabschiedete, nutzte das vor allem einem: Grigor Dimitrov. Statt Nadal bekam er es in der Gruppenphase mit Pablo Carreno Busta zu tun, den er bei seinem 6:1, 6:1-Sieg regelrecht vorführte.

Im Halbfinale traf er auf den Überraschungsmann in London, Jack Sock, der sich erst als Letzter für das ATP-Finale in London qualifiziert hatte. Auch das begünstigte Dimitrov. Im Finale schließlich traf er nicht auf Roger Federer, den dort 99,9 Prozent der Tenniswelt sicher erwartet hatten, sondern auf David Goffin. Nicht Goliath, sondern David sozusagen. Und gegen den Belgier hatte Dimitrov in der Vorrunde 6:0, 6:2 gewonnen. Gut, das Finale wurde dann knapper, manche nannten es einen „echten Abnutzungskampf“. Am Ende gewann aber Dimitrov auch das fünfte Match in London. Ungeschlagener Weltmeister – das ist der mit Abstand größte Triumph des Bulgaren. Allerdings: Er musste für diesen Titel keinen „Big Name“ besiegen – und dieser Makel wird haften bleiben.

In den vergangenen Jahren war es – überspitzt formuliert – nie einfacher, die ATP-Finals zu gewinnen als für Dimitrov 2017. Zum Vorwurf kann man ihm das aber nicht machen. Er hat die Gunst der Stunde genutzt, was oft schwer genug ist. Und: Bei allen Lobpreisungen für das Superjahr von Federer und Nadal, bei all den Hymnen, die 2017 schon auf Alexander Zverev angestimmt wurden – Grigor Dimitrov spielte eine starke Saison.

Überragender Turniersieg

Vier Turniersiege verbuchte er, darunter sein erster Masters-1000er-Titel in Cincinnati. Überragend war sein Saisonbeginn: Turniersiege in Brisbane und Sofia, dazwischen die Halbfinalniederlage bei den Australian Open gegen Rafael Nadal. Das war, auch wenn es später durch den alles überstrahlenden Final-Klassiker Federer gegen Nadal fast in Vergessenheit geriet, eines der besten Matches des kompletten Tennisjahres.

Grigor Dimitrov

BULGARISCHES BALLETT: Grigor Dimitrov bei seinem Paradeschlag, der einhändigen Rückhand.

Mit Platz drei im Ranking steht Dimitrov nun so gut da wie noch nie in seiner Karriere. Dafür wurde es allerdings auch höchste Zeit. Seitdem der 26-Jährige als früherer weltbester Junior auf der Tour unterwegs ist, wird von ihm nichts weniger erwartet, als die Nachfolge von Roger Federer anzutreten – mindestens. Das liegt vor allem an ihrem sehr ähnlichen Spielstil, wovon noch Dimitrovs abgedroschener Spitzname „Baby Fed“ zeugt. Darin erschöpfen sich aber auch schon ihre Gemeinsamkeiten. Dimitrov stellte jüngst in London noch einmal klar: „Es ist falsch zu versuchen, so zu werden wie jemand anderes. Ich kümmere mich vor allem um mein eigenes Spiel. Die ewigen Vergleiche mit Roger interessieren doch niemanden mehr.“

Schon 2014 in den Top 10

Dimitrov war 2014 schon in den Top 10 angelangt, zwei Jahre später fand er sich auf Rang 40 wieder. Jetzt hat er die Basis dafür geschaffen, 2018 zum ganz großen Sprung anzusetzen. Zu zeigen, dass die sogenannte „Lost Generation“ nach Federer & Co. doch gewinnen kann. Allerdings: 2018, wenn Murray, Djokovic, Wawrinka und all die anderen Rekonvaleszenten wieder zurück auf der Tour sein werden, sind die großen Titel für Dimitrov nicht so einfach zu holen wie jetzt in London.

„Mein größtes Ziel ist ein Sieg bei einem Grand Slam-Turnier – das war schon immer so“, sagte Dimitrov nach seinem Weltmeister-Titel. Sollte er dieses Ziel im nächsten Jahr erreichen, werden auch die Nörgler und Kritiker verstummen.

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  1. Stefan Höfel

    Ein merkwürdiges, aber auch denkwürdiges Tennisjahr geht zu Ende, denn es gab einerseits viele Parallelen in Damen- und Herrentennis, aber andererseits auch sehr große Unterschiede

    Sowohl bei Frauen als auch bei Männern konnte die Jahresend-Nr.1 nicht ansatzweise an die Erfolge des Vorjahres anknüpfen, wobei man bei Andy Murray berücksichtigen muss, dass er nach seiner Viertelfinal-Niederlage in Wimbledon kein Match mehr bestreiten konnte. Das ist deshalb erwähnenswert, weil Murray noch am 30.10.2017 die Nr. 3 der Welt war und in den darauf folgenden Woche immerhin 2.500 seiner 4.790 Weltranglistenpunkte verlor, da er die Turniersiege in Paris-Bercy und London (ATP-Finale) nicht verteidigen konnte, weshalb er auf Platz 16 zurückfiel. Innerhalb einer Woche! Angie Kerber fiel nach der „B-WM“ sogar noch auf Platz 21 zurück (2.121 Punkte). Serena Williams, die 2017 nur zwei Turniere, im Januar, spielte, darunter der Sieg bei den Australian Open, liegt mit 2.030 Punkten nur einen Platz dahinter. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch Stan Wawrinka, der sich, obwohl er wie Murray nach Wimbledon kein Match bestritten hat, sogar noch für das „Masters“ qualifiziert hat, da er im „Race to London“ Platz 7 belegt. Er hat wohl selbst nicht damit gerechnet, dass er trotz dieser viermonatigen Turnierpause am Jahresabschlussturnier hätte teilnehmen können. Murray und Wawrinka verbindet aber auch noch ihr letztes Duell. Das war das Halbfinale der diesjährigen French Open, dass der Schweizer trotz 1:2-Satzrückstand noch gewinnen konnte. Wäre Murray ins Finale eingezogen, hätte er dort 480 Punkte mehr erzielt (1.200 statt 720), Wawrinka dementsprechend 480 Punkte weniger, vorausgesetzt ein ansonsten identischer Saisonverlauf.
    Murray wäre mit 2.770 auf Platz 8 der Weltrangliste gelandet und wäre wohl in London angetreten, denn am 07.11.2017 unterlag er in einem Schaukampf Roger Federer mit 6:3, 3:6 und 6:10 (Match-Tiebreak). Wawrinka wäre mit 2.670 Punkten auf Platz 10 gelandet.

    Wie Murray hat auch Kerber die erneute Teilnahme am Jahresend-Turnier verpasst, wobei sich bemerkenswerter Weise auch ihre jeweiligen Endspielteilgegner Novak Djokovic (ebenfalls seit Wimbledon wegen Verletzung keine Matches mehr) und Dominika Cibulkova nicht qualifiziert haben.

    Ein guter Beweis für die verrückten Verlauf des Tennisjahres, hier in Bezug auf den Herren-Bereich, zeigt eine Auswertung der Jahresende-2017-Top-Ten-Tipps der folgenden damaligen sechs tennisnet.com-Redakteure:
    Manuel Wachta, Björn Walter, Jörg Huiber, Florian Goosmann, Stefan Bergmann und Christian Albrecht Barschel.

    Insgesamt wurde 15 Spielern zugetraut, dass sie am Jahresende 2017 in den Top Ten sind. Murray, Djokovic, Milos Raonic, Kei Nishikori und Rafael Nadal wurden dabei von allen sechs Redakteuren in den Top Ten erwartet. Roger Federer und Stan Wawrinka wurden je fünfmal genannt, Dominic Thiem, Marin Cilic und Nick Kyrgios je viermal, Juan-Martin del Potro dreimal, Alexander Zverev immerhin noch zweimal („Zweirev“). Auf je eine Nennung kamen Tomas Berdych, Lucas Pouille und David Goffin.

    Murray wurde viermal auf Platz 1 und zweimal auf Platz 2 erwartet, Djokovic je zweimal auf 1 und je einmal auf 3 und 4, Raonic (1×2, 3×3, 1×4 und 1×5), Wawrinka (u. a. 1×2), Nishikori und Nadal (jeweils u. a. 1×3). Thiem wurde als höchste Placierung einmal Platz 4 zugetraut, Federer und Cilic jeweils einmal Platz 5, Delpo, Pouille und Kyrgios jeweils einmal Platz 7, während Berdych, Goffin und Zverev jeweils nur auf Platz 9 und damit außerhalb des achtköpfigen Masters-Teilnehmerfeld gesehen wurden! Zumindest was Zverev angeht, liegen alle doch mehr als deutlich daneben.
    Von den 15 genannten möglichen Top-Ten-Spielern waren mit del Potro (11), Djokovic (12), Murray (16), Pouille (18), Berdych (19), Kyrgios (21), Nishikori (22) und Raonic (24) immerhin über die Hälfte (8 von 15) nicht am Jahresende in den Top Ten!
    Nicht erwartet in den Top Ten wurden Grigor Dimitrov (3!), Jack Sock (8) und Pablo Carreno Busta (10).
    Der einzige Spieler, der, wie von allen erwartet, in den Top Ten landete, ist Nadal (1)!

    Von den insgesamt 60 getippten Placierungen zum Jahresende stimmten nur zwei!!
    Je einmal wurden Thiem (5) und Cilic (6) richtig getippt. Vier der sechs Tipper hatten keinen Spieler exakt getippt. Je drei Tipper haben vier bzw. fünf Spieler richtig in den Top Ten erwartet. Der einzige dieser sechs Tipper, der Federer nicht in den Top Ten sah, ist jetzt TM-Redakteur!!!
    Apropos Federer: Der ist auch jetzt wieder genau einen Platz vor Dimitrov, jetzt als Nr.2, Ende 2016 als Nr. 16.
    Murray und Djokovic wurden von allen Redakteuren jeweils vor Nadal und Federer erwartet, Nadal viermal vor Federer, aber Raonic je fünfmal vor Nadal und Federer!

    Aufgrund der unglaublich hohen Zahl von Verletzungen und längeren Verletzungspausen sind in den Top Ten und im Teilnehmerfeld des ATP-Finales doch sehr überraschende Namen vertreten.
    Außerdem sind Spieler, die man in den Top Ten erwartet hat, durch die Verletzungen von Konkurrenten nun viel höher placiert als man annehmen durfte, z. B. Zverev.

    Hier zum Vergleich das „Masters“-Teilnehmerfeld von 2016 und deren „Status Quo“!

    Vorab: Die Top Five von 2016 haben alle die US Open und das Masters verpasst!
    Der einzige Spieler, der aus „eigener Kraft“ am Masters 2016 und 2017 teilgenommen hat, war Cilic! Der spielte übrigens zwischen Wimbledon und den US Open nicht!

    Nr. Spieler Letzte/s Turnier/e Besonderheiten
    1 Murray Wimbledon VF-Niederlage nach 2:1-Satzführung
    2 Djokovic Wimbledon Aufgabe
    3 Raonic Montreal+Tokio Aufgabe bei 0:1 in Satz 1 des 2. Matches
    4 Wawrinka Wimbledon Auf Platz 7 vor ATP-Finale in London!
    5 Nishikori Montreal Niederlage gegen Monfils (s. u.)
    6 Cilic Paris-Bercy Kein Match zw. Wimbledon und US Open
    7 Monfils (Aus, 2 Matches) US Open Aufgabe im 3. Match
    8 Thiem (nachgerückt) Paris-Bercy
    9 Nadal (2016 abgesagt) Paris-Bercy Zum VF wg. Verletzung nicht angetreten,
    Masters Nach Niederlage im 1 Match abgesagt
    Goffin (Ersatz, 1 Match) Paris-Bercy

    Apropos Goffin,
    Der ist zwar „nur“ Vizeweltmeister geworden und war Finalist beim Davis-Cup, hat aber als einziger Spieler im Jahr 2017 Nadal und Federer bezwungen.
    Er ist damit auch der einzige Spieler, der die beiden Führenden der aktuellen Weltrangliste
    und alle Grand-Slam-Titelgewinner dieser Saison bezwungen hat.
    Und das ist im auch noch im selben Turnier gelungen, bei der WM!

    Noch einmal zurück zu den Damen:

    Halep ein Titel, kein Grand-Slam, Matchbilanz 45:17, gewann 2 der letzten 5 Matches
    Muguruza zwei Titel, davon ein Grand-Slam, 47:21, gewann 1 der letzten 5 Matches
    Wozniacki ein Titel, kein Grand-Slam, 60:21, gewann 4 der letzten 6 Matches
    Ka. Pliskova drei Titel, kein Grand-Slam, 53:18, gewann 2 der letzten 5 Matches
    V. Williams kein Titel, 38:14, gewann 3 der letzten 6 Matches
    Svitolina fünf Titel, kein Grand-Slam, 53:14, gewann 2 der letzten 5 Matches
    Ostapenko zwei Titel, davon ein Grand-Slam, 48:20, gewann 2 der letzten 5 Matches
    Garcia zwei Titel, kein Grand-Slam, 45:17, gewann 3 der letzten 5 Matches und als einzige der acht Teilnehmerinnen ihr letztes Turnier vor dem Masters!

    Ohne Worte! 🙂
    Stefan Höfel


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