Tennis – Olympics: Day 8

Juan Martin del Potro und der Glaube an Olympia

Es ist Zeit für ein Geständnis: Vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio hatte ich keine Lust auf dieses Mega-Event. Doping, Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Umweltsünden – ne, das wurde mir alles zu viel. Sollen sich doch alle anderen für die vom IOC mit aller Macht in Szene gesetzten Heldengeschichten begeistern – ich werde diesem einfachen Mechanismus nicht auf den Leim gehen. Schöne Bilder von schönen Athleten, die alles geben, sich verausgaben und am Ende ihre Medaillen stolz um den Hals hängen haben, damit das IOC sich in ihrem Glanze sonnen kann. Das ist so durchschaubar wie verlogen.



Spezielle Gemengelage im Tennis

Holger Gertz, sportaffiner Autor der Süddeutschen Zeitung, hat es in seinem Seite-Drei-Artikel der Samstagsausgabe so treffend wie kein anderer formuliert: „Je länger man Olympia anschaut – und je älter man wird – desto klarer zeichnen sich die Umrisse des Spiels ab, das die IOC-Bosse spielen. Sie leihen sich den Esprit der Athleten, den Glamour ihrer Schönheit, auch den Charme der rührenden Entschlossenheit all derer, die überfordert sind. […] Sie nutzen die Begeisterungsfähigkeit und den Wagemut dieser jungen Leute, sie kalkulieren auch mit deren naiven Blick. Um ein Image zu schaffen: Olympia als bessere Welt. Aber von den Bossen selbst wird dieses Image ständig konterkariert.“

Speziell im Tennis kam zu dieser Gemengelage hinzu, dass namhafte Profis – aus welchen Gründen auch immer – den Spielen fernblieben. Meine ganz persönliche Ansicht dazu verfestigte sich irgendwann in der steilen These: Tennis hat bei Olympia eigentlich nichts verloren. Vielen Profis sind unterm Strich eben doch Weltranglistenpunkte und Preisgelder, die es in Rio nicht gab, wichtiger. Und Olympia ist nur ein weiteres Turnier im eh schon dichten Terminkalender. Ein Wimbledontitel, den man jedes Jahr gewinnen kann, ist am Ende des Tages den meisten Spielern doch mehr wert als eine olympische Medaille, die man nur alle vier Jahre erringen kann. Also, überlasst die olympische Plattform den Sportarten, die sie wirklich brauchen. Denn Tennis braucht sie eigentlich nicht.

del Potro

MÜDE, ABER ENTSCHLOSSEN: Juan Martin del Potro in Rio.

Und dann kam Juan Martin del Potro. Er litt, er quälte sich, er kämpfte immer weiter und gab nie auf – in all seinen sechs Matches des Olympischen Tennisturniers riss er die Fans mit und lieferte genau das ab, was man sich beim IOC doch so sehr wünschte: Heldenfotos, Siegerposen, Kämpferqualitäten, Tränen, innige Umarmungen mit den Gegnern.

Beim Halbfinale gegen Rafael Nadal wurde mein Widerstand gebrochen. Ich konnte der Anziehungskraft dieser Schlacht nicht länger widerstehen und hing auf einer Party am Samstagabend nur noch am Liveticker meines Smartphones, saugte Bilder und Einschätzungen des Matches bei Twitter auf und freute mich über jeden Videoschnipsel zur Partie, den das Netz hergab. Spätestens nach dem Einzug del Potros ins Finale waren meine Vorbehalte, die ich eine Woche schwer mit mir rumtrug, verflogen.

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  1. Stefan Höfel

    Klasse Artikel Herr Böseler! Vielen Dank!
    Ich habe das Herrenfinale im Live-Stream der ARD verfolgt. Eine bessere „Zeitüberbrückung“ bis zum 100m-Halbfinale mit Usain Bolt hätte es nicht geben können. Die Siegerehrung im Tennis „überbrückte“ dann ebenso wie der 400m-Weltrekord die letzten Minuten vor dem 100m-Finale mit Usain. Eine gelungene Nacht, um 3.45 Uhr ging es ins Bett. Schade nur, dass Poldi heute aus Nationalmannschaft zurückgetreten ist.
    Eine Frage noch zu Tennis bei Olympia 1988. Da fehlten bei den Männern ja immerhin Wilander, Lendl, Becker und der aufstrebende Agassi. Wimbledonsieger Edberg wurde ja Dritter, wie auch Brad Gilbert. Aber warum fehlten eigentlich Wilander und Becker? Lendl war ja damals länger verletzt, denn er spielte nicht zwischen dem US-Open-Finale und dem Masters. Ich meine auch, dass er damals nicht (mehr) für die damalige CSSR antreten wollte, um seine Einbürgerung in die USA, nie er erst 1992 erhielt, zu gefährden. Danke!


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