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Mail aus Wimbledon: Julia Roberts, Venus Williams und ein bärenstarker Russe

tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic berichtet in seiner Kolumne „Mail aus Wimbledon“ täglich aus London vom All England Lawn Tennis and Croquet Club.



Zu Gast bei Julia Roberts

Am Montag, als der Schreiber dieser Zeilen, in Wimbledon, oder besser gesagt im angrenzenden Stadtteil Southfields ankommt, fühlt er sich ein bisschen wie im Kino. Die Gastgeberin der Bed-and-Breakfast-Pension (bei jedem anderen Grand Slam-Turnier geht’s ins Hotel, aber die Unterkünfte in Wimbledon mit Familienanschluss sind viel besser!) heißt nämlich – kein Scherz – Julia Roberts. Okay, sie sieht nicht aus wie Julia Roberts. Es ist eine ältere Dame, aber man denkt an Hollywood. Beziehungsweise an diese Komödie, in der Hugh Grant, als Reporter getarnt, den Star interviewt.

Wir bleiben beim Thema Film. Als mich Julia Roberts die knarrende Treppe zu meinem Zimmer hinaufführt (oder besser gesagt, zu dem ihres Sohnes. Auch das ist üblich während des Aufenthalts in Wimbledon – man schläft in Kinderzimmern!), ist das Setting wie in einem dieser schrulligen Miss Marple-Filme. Hinter meinem Zimmer donnert ein Zug vorbei – de-düm, de-düm, de-düm. So nah, dass man die Insassen sehen kann. Ermordet wird aber niemand wie in „Der Wachsblumenstrauß“.

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Der Zug fährt direkt hinter dem Schlafzimmer vorbei.

Venus ringt mit den Tränen

Dafür ist die Stimmung in Wimbledon gespenstisch, als ich BBC 1 (erstmals habe ich sogar einen Fernseher auf meinem Zimmer in Wimbledon) einschalte. Es laufen Bilder von der Pressekonferenz mit Venus Williams. Die fünfmalige Siegerin hat in der ersten Runde die Belgierin Elise Mertens in zwei Sätzen geschlagen. Aber das ist völlig unwichtig. Sie soll – die traurige Meldung kreist schon tagelang durch die Medien – schuld am Tod eines 78-jährigen Mannes sein, der an den Folgen eines offenbar von Williams verursachten Autounfalls am 9. Juni in Florida starb. „Können Sie zu dem, was Sie auf Ihrer Facebook-Seite veröffentlicht haben, noch etwas hinzufügen?“, fragt ein Reporter einfühlsam. Dort schrieb Venus, dass sie „am Boden zerstört und untröstlich“ sei. Venus ringt mit den Tränen und weint. Die Pressekonferenz muss abgebrochen werden.

Trotz ihres Sieges gegen die Belgierin Elise Mertens brach Venus Williams nach dem Spiel auf der Pressekonferenz in Tränen aus.1

Trotz ihres Sieges gegen die Belgierin Elise Mertens brach Venus Williams nach dem Spiel auf der Pressekonferenz in Tränen aus.

Wimbledon zeigt sich von seiner besten Seite

Wie profan scheint da das normale Leben (die Frage ist natürlich, ob man das Leben während der zwei Wochen in Wimbledon überhaupt als normal bezeichnen kann): lachende Menschen in der Sonne im Wimbledon Park, die vor ihren Zelten in der sogenannten Queue, der berühmten Schlange, sitzen, Frisbee oder Tennis spielen.

Fünf Minuten Fußweg durch den Park, noch einmal fünf Minuten die legendäre Church Road entlang, die schmiedeeisernen Pforten passieren und dann ist man drin im Heiligtum. Auf dieser proppenvollen Anlage, die wie immer, mit Blumen an jeder Ecke, rausgeputzt ist. Keine Spur von einer Baustelle, die sie vor ein paar Wochen noch war. Denn Wimbledon baut um. Erkennen kann man das an der halbfertigen Dachkonstruktion des Nummer 1 Courts. Erst 2019 soll sie fertig sein.

Petkovic total sauer

Die Menschen rauschen vorbei wie die Ergebnisse und Ereignisse: Tommy Haas verliert bei seinem letzten Auftritt in Wimbledon gegen den belgischen Qualifikanten Ruben Bemelmans in vier Sätzen, aber Court 16 ist so voll, dass man nur Haas‘ rechten Arm und seine verkehrtherum getragene Basecap sieht. Andrea Petkovic verliert mit 7:9 im dritten Satz gegen Dominika Cibulkova, wehrt fünf Matchbälle ab und ihr Auftritt in der Pressekonferenz erinnert ein bisschen an den Boxer Norbert Grupe alias der „Prinz von Homburg“. Okay, im Gegensatz zu dessen legendärem Auftritt im Aktuellen Sportstudio redet Petkovic. Aber es ist nicht viel. Ihr Blick wandert genervt hin und her, sie trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte – ebenfalls genervt – und es ist allen Beteiligten schnell klar, dass sie auf diese Fragestunde weniger Lust hat als auf eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Chance vertan: Andrea Petkovic wehrte gegen Dominika Cibulkova fünf Matchbälle ab und verlor am Ende trotzdem gegen die Nummer neun der Weltrangliste.

Chance vertan: Andrea Petkovic (re.) wehrte gegen Dominika Cibulkova (li.) fünf Matchbälle ab und verlor am Ende trotzdem gegen die Nummer neun der Weltrangliste.

„Sie war total sauer“, sagt Petkovic Coach Sascha Nensel, „aber das kann man ihr auch nicht verdenken, wenn man so nah dran ist, eine Top Ten-Spielerin zu schlagen.“ Er steht auf der Terrasse mit Blick auf Court 14. Da spielt Sabine Lisicki gegen Ana Konjuh. Carina Witthöft guckt mit ihrem Trainer Jacek Szygowski auch ein paar Minuten zu. Vor Stunden hat die Hamburgerin nach 0:5 im dritten Satz gegen Mirjana Lucic-Baroni das Kunststück fertiggebracht, noch mit 8:6 zu gewinnen – da kann man nur gratulieren.

„Danke“, sagt sie und geht wenig später Richtung Spielerbereich, während sich Lisicki tapfer gegen die Niederlage stemmt. Aber am Ende ist ihr Comeback-Versuch in Runde eins gescheitert – 1:6, 4:6.

Sympathischer Medvedev

Eine Story des Tages nach einem Wimbledon-Auftakt voller Dramen, Highlights und Tiefschläge: der Viersatz-Sieg des „Next Gen“-Stars Danil Medvedev, 21, gegen den an Nummer fünf gesetzten Stan Wawrinka. Okay, Wawrinka soll am linken Knie verletzt gewesen sein, aber die Art wie Medvedev auftrat, war dennoch beeindruckend.

Bis er im Interviewraum 2 Platz vor einer Hand voll Reporter Platz genommen hat, vergehen Stunden. Nein, er sei nicht mit Andrei Medvedev, dem Ex von Anke Huber, verwandt, sagt er – die Frage komme immer wieder. Ein sympathischer Typ, dieser Russe, der gerade in der Weltrangliste nach oben schießt, aktuell auf Platz 49 steht. Seine Karriere teilt er in zwei Abschnitte ein: Die Jugend verbringt er in Moskau, mit 18 Jahren geht er nach Frankreich, trainiert in Antibes. Mittlerweile lebt er in Monte Carlo.

Pfeiffersches Drüsenfieber bei Medvedev

Bei seiner Premiere auf dem Centre Court sei er ziemlich nervös gewesen. Aber das hat man ihm nicht angemerkt: „Ich habe versucht, es zu verbergen“, grinst er. Was ihm Auftrieb gab: die Rasensaison. In s’Hertogenbosch und Queen’s verliert er erst jeweils im Viertelfinale, spielte insgesamt acht Rasenmatches als Vorbereitung.

Danil Medvedev gelang die Überraschung des Tages. Der Russe kegelte Stan Wawrinka aus dem Turnier.

Danil Medvedev gelang die Überraschung des Tages. Der Russe kegelte Stan Wawrinka aus dem Turnier.

Gedacht, dass es so gut klappt, hätte er vor ein paar Wochen nicht. In Indian Wells diagnostizieren die Ärzte Pfeiffersches Drüsenfieber. Wochenlang ist er schlapp. Jetzt ist der 1,90-Meter-Mann wieder genesen, wie er sagt. Und einer, den man in Wimbledon auf dem Zettel haben sollte.

Draußen ist es dunkel geworden. Auf der Anlage sind kaum noch Zuschauer. „Good Night“, wünscht der Steward am Ausgang. Zurück zu Julia Roberts…

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