Davis-Cup-Team Deutschland

Mail aus Brisbane: „Das war erst der Anfang“

Mit einer seiner bisher beeindruckendsten Karriere-Leistungen hat Alexander Zverev das deutsche Davis Cup-Team in das erste Viertelfinale seit 2014 geführt und damit eine tagelang homogene Teamleistung belohnt. Nick Kyrgios hatte derweil mehr mit sich und seinem Körper zu kämpfen. Der Jubel hält sich aber nicht deswegen in Grenzen. Denn, so viel wird am Ende in Brisbane deutlich: Das Team verfolgt größere Ziele.

Nach einer seiner mental stärksten, weil konstantesten Leistungen in seiner immer noch blutjungen Karriere drehte sich Alexander Zverev kurz jubelnd zu seinem Team um, schritt dann aber ruhig zum Netz. Dort gratulierte ihm Nick Kyrgios, der, das wusste Zverev, nicht ganz an die Spitze seines Leistungsvermögens herangekommen war – der Arm und die Halsmuskulatur hatten ihn wohl gehindert.

Es herrschte kurzzeitig fast Stille im Moment des größten deutschen Davis Cup-Erfolgs seit nunmehr vier Jahren. Die 6000 australischen Fans sahen schweigend zu, wie ihr Team fluchtartig und ohne zu grüßen den Platz verließ. Auch wenn Teamkapitän Lleyton Hewitt, auf und abseits der Tennisplätze ein echter Kämpfer, die ganze Woche betont hatte, hier in Brisbane auf ein „echtes Weltklasseteam“ zu treffen. Mit derartiger Gegenwehr samt Teamspirit hatte wohl auch er nicht gerechnet.

Wie kleine Kinder in der Pat-Rafter-Arena

Folgerichtig ließen Jan-Lennard Struff, Tim Pütz und Peter Gojowczyk ihre Nummer eins dann doch noch in einer waschechten Jubeltraube verschwinden und hüpften für wenige Momente wie kleine Kinder in der Pat-Rafter-Arena hier in Brisbane an der Ostküste Australiens. Danach klatschten und umarmten sie das Team hinter dem Team. Zverev hatte gerade noch Zeit, sich eine Deutschlandflagge umzubinden und sich in alle vier Richtungen mit einem Griff ans Herz bei den deutschen und einheimischen Fans (die das mit großem Applaus quittierten) zu bedanken, da ging es schnurstracks zum Interview auf dem Platz.

Nachdem er sich bei jedem einzelnen aus dem Team bedankt und sich bei den Fans für seinen zweiten Sieg entschuldigt hatte, wurde er zu dem Stellenwert dieses Erstrundensiegs befragt. Mit gewohnt selbstbewussten Tönen bestätigte der 20-Jährige direkt, was das gesamte deutsche Team die ganze Woche über gedacht und auch ausgezeichnet hatte. „Wir sind super zufrieden. Ich hoffe aber, dass das erst der Anfang gewesen ist.“ Mit diesen Jungs sei alles möglich.

„Seine“ Jungs, die ihm an Samstag dank eines Doppelerfolges in Form von Pütz und Struff eine tolle Ausgangslage verschafft hatten, ein Gojowczyk, der, das ließ Michael Kohlmann durchblicken, im Falle einer Niederlage wohl zum Einsatz gekommen wäre sowie das Funktionsteam hatten sich auf einen langen Nachmittag eingestellt.

Kurzer statt langer Nachmittag

Doch Zverev beendete seinen Arbeitstag nach nicht mal zwei Stunden (1:47) und glich seine Einzelstatistik im Davis Cup nun zum 3:3 aus. Knackpunkt waren zweifelsfrei zwei abgewehrte Satzbälle in Durchgang zwei beim Stand von 5:6. Letzteren mit einem ewig langen Gundlinienduell samt Slicevariation. „Da habe ich eigentlich gar nichts gedacht. Nur, dass der erste Aufschlag nach Möglichkeit einschlägt und Nick den Return ins Dach schießt“, erklärte die deutsche Nummer eins später lachend.  Das habe leider nicht geklappt.

Trotzdem war Zverevs Service am Sonntag ein Garant für eine weitestgehend sorgenfreie Partie. 15 Asse produzierte das jüngste Teammitglied, brachte seine erste Waffe zu 71 Prozent ins Feld und punktete anschließend in exakt vier von fünf Fällen. Folgerichtig blieb Kyrgios bei seinen vier Breakbällen chancenlos – auch wegen solcher Bälle.

Ohnehin überzeugte Zverev längst nicht nur mit seiner üblichen Kraft. Der Deutsche spielte Slice und punktete mehrere Male mit der Rückhand und einem außergewöhnlichen Vorhandstoppball, der ihm den Weg in den Tiebreak ebnete.

„Bei Nick weiß man nie so genau, wie sehr sich die Schmerzen nun tatsächlich auswirken. Er kam von seinem Medical Timeout zurück und hat mir die Dinger mit 225 Kilometern pro Stunde um die Ohren gehauen“, urteilte Zverev und erklärte, dass es wichtig gewesen sei, den Fokus durchgehend halten zu können. Tatsächlich hatte Kyrgios nach einem Doppelbreak im ersten Satz seine Leistung steigern können.

Signal an andere Nationen

Er hielt seinen Service und nahm beim 4:3 im zweiten Durchgang eine Auszeit, wurde anschließend an Schultermuskulatur und Schlagarm behandelt. Anschließend forderte er Zverev bis zu erwähnten Satzbällen. Im Tiebreak flog dann aber erst ein Ball aus dem Stadion und der Schläger auf den schuldlosen Hartplatz. „Im dritten Durchgang konnte ich dann meine stärkste Waffe nicht mehr einsetzen“, berichtete der körperlich Angeschlagene später selbst im Bezug auf den Aufschlag. „Das hat natürlich frustriert, nicht alles für mein Land geben zu können.“

„Du musst einen Spieler seines Kalibers aber auch erst einmal zu diesem Punkt bringen, an dem er den Druck spürt. Das hat Alexander Zverev heute geschafft und wirklich Großes geleistet. Kyrgios hatte die ganze Woche schon Probleme und hat dennoch gegen Struff drei Sätze klasse serviert“, relativierte Boris Becker hinterher.

Der Sieg in Australien sei in erster Linie mal ein Signal an die anderen Nationen. „Deutschland ist wieder da. Wir erleben ja nicht erst seit diesem Jahr eine Renaissance. Die fing an mit Angelique Kerbers Erfolgen an, wird mit diesem Sieg heute fortgesetzt und durch die Leistungen der anderen deutschen Spielerinnen verstärkt.“

Das Team um Kohlmann und Zverev indes sah noch keinen großen Grund, zu feiern. „Alexander hat das ja vorhin schon gesagt. Das soll erst der Anfang gewesen sein“, wiederholte Kohlmann. Dass der Teamchef nach drei Erstrundenniederlagen am Stück jedoch mehr als glücklich ist, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Zverev gibt schon Zusage fürs Viertelfinale

Im DTB hat sich aber zweifelsfrei eine Situation gebildet, die noch vor Monaten so nicht absehbar gewesen ist. Ein Boris Becker, der im Hintergrund hilft, die Spieler zu einen. Ein Kohlmann, der mit seiner loyalen Art bei den Spielern Rückendeckung genießt und ganz nebenbei, eine bis dato unbekannte Doppelformation ins Aufgebot berief, die sich nun auf der nächst größeren Bühne profiliert hat. Und ein Spitzenspieler, der dem DTB mit seiner Leistungsstärke, seiner ehrlichen und selbstbewussten Art geholfen hat, im Davis Cup endlich wieder positive Schlagzeilen zu produzieren.

Doch auch Zverev selbst, das wird er wissen, kann von diesem Wettbewerb profitieren, und hat bereits profitiert. In welcher Manier er den 1:2-Rückstand gegen Namensvetter de Minaur umbog und die von Becker angesprochene Situation heute können ihm auch für seine Einzelkarriere wichtige Erfahrungswerte vermitteln. Folgerichtig bestätigte das Aushängeschild bereits nach dem Spiel: „Ich werde spielen im Viertelfinale. Und noch mal: Ich hoffe, es war erst der Anfang.“

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