Day One – Nitto ATP World Tour Finals

Mail aus London: Big Ben und Big Sascha

Was für ein Auftakt bei den ATP-Finals in London: Die englische Hauptstadt präsentiert sich angenehm herbstlich und Debütant Alexander Zverev gewinnt sein erstes Masters-Match.



Die britische Hauptstadt zeigt sich in diesen Tagen von seiner Schokoladenseite – auch wenn Big Ben, das britischste aller Wahrzeichen der Neun-Millionen-Einwohner-Metropole eingerüstet ist. Es wird gebaut am Parliament Square. Der Himmel über London – ein sattes Blau. Aber klirrend kalt ist es.

Wer es warm haben will, muss nur per Rolltreppe immer tiefer in die Underground eintauchen. Von Westminster fährt die  Jubillee-Linie direkt zum Tennisvergnügen – über Waterloo, Southwark, London Bridge, Bermondsey, Canada Water, Canary Wharf und North Greenwich. Von hier ist es nur ein kurzer Fußweg zur O2-Arena – oder wie die Briten sagen: „The O2“.

Djokovic an allen Ecken

Kurioserweise wird man nicht von Federer oder Nadal, den designierten Finalisten, auf Plakaten begrüßt, sondern von Novak Djokovic. Man kann dem Serben, der verletzungsbedingt fehlt, gar nicht ausweichen, so oft sieht man sein Konterfei. Djokovic, in einen dunklen Mantel gehüllt, schlägt auf einem verschneiten Court Schneebälle. Sein neuer Ausrüster, der auch die Ballkinder und Linienrichter ausstaffiert, hat die Arena mit Werbeplakaten vollgehängt.

Anschließend bietet sich das Bild, das den Schreiber dieser Zeilen schon vor neun Jahren – bei der Premiere der ATP-Finals in London – überwältigt hat: Gedränge. Menschenmassen, die zum Tennis strömen. Rund 17.000 Zuschauer passen rein in den Tennistempel. Sie stehen brav Schlange vor der Arena, wo sie ihre Rucksäcke scannen lassen. Sie warten geduldig vor den Treppen, die zum Court führen. Sie stauen sich vor den Restaurants, essen Burger und Sushi, trinken Wein und Bier. Nur vor dem Kino, der Cineworld, steht kein Mensch.

Sonntagspublikum in der Arena

Klar, dass wahre Kino findet im Herzen dieser gigantischen Halle statt. Wobei: Am Sonntag, dem ersten Tag des Saionfinals, will der Funke noch nicht überspringen. „Sonntagspublikum“, raunt eine Kollegin, die die meisten Jahre hier vor Ort war. Allerdings passten auch die Matches zum britischen Understatement – phasenweise ganz ansehnlich, aber nicht berauschend. Zwischen den Ballwechseln war das monotone Rauschen der Klimaanlage lauter als die Zuschauer.

Jedenfalls war das 6:4, 7:6 der Eröffnungspartie zwischen Roger Federer und Jack Sock schnell abgehakt. Der Maestro sprach über das Kilt, das er neulich beim Showkampf gegen Andy Murray in Schottland trug. Über den Bodenbelag, den er ein bisschen schneller als bei den letzten Malen findet, über die „camaraderie“, die „cool rivalry“ beim Laver Cup („Jeder hat jetzt von jedem die Telefonnummer“) und über Nadals erneuten Vorstoß, das Saisonfinale doch mal auf Asche zu spielen.

Federer: „Nicht die Zeit für Sand“

Federers diplomatische Antwort gipfelte in dem Satz: „Ich denke es ist nicht die Jahreszeit für Sand.“ Dann grinste er. Immerhin zollte er Nadal an anderer Stelle Tribut. Als es um die Nummer eins ging, die Federer auch im Falle eines Titelgewinns am Saisonende knapp verpassen wird, sagte der Schweizer: „Er hatte mehr Benzin im Tank als ich.“

Als Alexander „Sascha“ Zverev sechs Stunden nach Federer auf dem taubenblauen Court stand, hatte man das Gefühl, er habe überhaupt kein Benzin mehr im Tank. 1:3 und 0:30 lag er gegen Marin Cilic nach fast zwei Stunden Spielzeit im dritten Satz zurück. Zverev schmiss den Schläger und dann passierte etwas, wovon man in ein paar Wochen in der Retrospektive noch lange erzählen könnte: Zverev spielte fantastisch, ging längere Rallys wieder mit, machte kaum noch Fehler und überließ dem Kroaten beim 6:4, 3:6, 6:4-Sieg nur noch ein Spiel.

Was noch fast außergewöhnlicher war, als der gemessen am Spielverlauf unerwartete Sieg: Als die Zuschauer die Ränge verlassen hatten, schlug Zverev weiter Bälle in der leeren Arena. So als wolle er damit sagen: Das ist mein Platz. Ich werde hier so lange Bälle schlagen, wie ich will. Big Sascha muss man in London erstmal schlagen.

Als sein Kopf rund eine halbe Stunde vor Mitternacht und rund eine Stunde nach dem Match in dem Interviewraum mit den dekorativen Bäumchen hinter einer grünen und einer weißen Mineralwasserflasche auftauchte, klang das alles etwas demütiger: „Ich war ein bisschen nervös bei meinem ersten Auftritt.“ Und angesprochen auf Federer, gegen den er Dienstag spielt: „Er ist definitiv der Favorit in all seinen Matches.“

Kurz vor Mitternacht sitzt der Reporter in der U-Bahn über Canary Wharf, Canada Water, Bermondsey, London Bridge, Southwark und Waterloo nach Westminster und denkt: Als die letzten beiden Deutschen bei einem ATP-Finale, Rainer Schüttler (2003 in Houston) und Nicolas Kiefer (1999 in Hannover), dabei waren, kamen sie jeweils in Halbfinale. Kein schlechtes Omen für Zverev.

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