Roger Federer, Alexander Zverev – ATP World Tour Finals

Mail aus London: Zverev – Noch ein Treffen mit Federer?

Alexander Zverev verlor bei den ATP World Tour Finals in London sein Gruppenspiel gegen Roger Federer in drei Sätzen. Die Chancen auf den Einzug ins Halbfinale sind trotzdem intakt. Ein Sieg am Donnerstag gegen Jack Sock muss her. Und vielleicht kommt es am Sonntag zum Wiedersehen mit Federer – im Finale. 



Wenn es Szenen gibt, die von dieser Woche im Osten von London im Gedächtnis haften bleiben, dann vielleicht diese: Alexander Zverev steht auf dem blauen Hartplatz im Zentrum der O2-Arena – irgendwie ist hier alles blau. Die Ränge sind leer. Reinigungskräfte machen nach der Day Session sauber. Die Zuschauer für die Night Session, die in rund einer Stunde mit dem Doppel beginnt, dürfen noch nicht rein.

Man ist so nah dran, dass einem kein Detail entgeht. Zum Beispiel die präzisen Schläge von Zverev-Coach Juan Carlos Ferrero, der dem Jungstar von der anderen Seite Bälle zuspielt. Der Spanier, Akademiebesitzer in Alicante, ist immer noch verdammt drahtig. Andererseits: Er ist auch erst 37, nur ein knappes Jahr älter als Federer.

Auf Zverevs Seite steht sein Vater und Coach im weißen Trainingsanzug und schaufelt mechanisch Bälle ins Spiel. Fitnesscoach Jez Green steht am Rand des Courts und sieht sich alles an – das Kernteam Zverev bei der Arbeit.

Die Begegnung, die elektrisiert

Bei manchen Schlägen stöhnt Zverev im Treffpunkt und es erinnert ein bisschen an Thomas Muster. Das Stöhnen macht er jetzt gelegentlich auch in den Matches. Das ist neu. Ein weiteres Detail, um das Beste aus sich herauszuholen? Eine neue Atemtechnik? Der Reporter notiert sich, dass er die Frage demnächst mal stellen will.

Dann betritt Roger Federer eskortiert von seinen Trainern Ivan Ljubicic und Severin Lüthi die Arena. Federer – grüne Hose, lässiges T-Shirt – gibt noch ein Interview, steht im Scheinwerferlicht der Kamera. Die Zverevs beenden ihre Einheit, der Federer-Clan übernimmt.

Es ist wie der Aufgalopp zu dem, was an diesem Abend um 20 Uhr steigt, ein erstes Abtasten aus der Entfernung, die Tuchfühlung vor dem Showdown – Zverev gegen Federer, Jung- gegen Superstar. Wenn man sich in diesen Tagen in London umhört, gibt es nur eine Meinung: Zverev gegen Federer – das ist in Abwesenheit von Nadal DAS Duell. Die Begegnung, die elektrisiert wie keine andere.

Elektrisierender Einmarsch: Alexander Zverev betritt die O2-Arena in London.

Als sich die beiden dann ein paar Stunden später im offiziellen Match der „Boris Becker Gruppe“ vor mehr als 17.000 Zuschauern gegenüberstehen, kann man nur attestieren. Dieses 7:6 (8:6), 5:7, 6:1 aus Sicht von Federer war bis dato das beste Match des Turniers. Die Atmosphäre war intensiv wie bei einem Finale. Teilweise waren die Ballwechsel hochklassig, teilweise gab es leichte Fehler. Spannend war es immer.

Etwa als Zverev gleich im ersten Spiel ein 0:40 bei Aufschlag Federer nicht verwerten kann. Bei 6:5 im Tiebreak hat er einen Satzball, aber am Ende gewinnt Federer, der seinerseits beim Stand von 5:6 vor dem Tiebreak zwei Satzbälle vergibt, mit 8:6. Im zweiten Satz führt der Schweizer schnell 2:0. Es sieht nach einer flotten Angelegenheit aus, doch Zverev breakt zurück, wirkt im Spiel immer ruhiger, entscheidet lange Rallys für sich, knallt Asse durch die Mitte und findet ein probates Mittel gegen Federer: Grundschläge durch die Mitte, mit denen er dem Gegner keine Winkel lässt.

Wohlgefühlt habe er sich auf dem Platz, auch wenn er im dritten Satz die Konzentration verloren habe, verrät Zverev später. Und weiter: „Wenn ich so spiele, habe ich große Chancen auf das Halbfinale.” Zverev sah kein bisschen traurig aus. Warum nicht? Die Antwort: „Wer mich kennt, weiß, wie enttäuscht ich sonst nach Niederlagen bin, aber das hier war sehr, sehr positiv.”

Im Klartext: Die Niederlage gegen Federer kann ihm egal sein, wenn Zverev am Donnerstag im letzten Gruppenspiel Jack Sock schlägt – der Round Robin-Modus macht es möglich.

Stürmt Zverev die Festung Federer?

Gibt es ein zweites Treffen mit Federer im Finale? Es wäre das Beste, was dem Turnier passieren kann. „Beängstigend”, sagte Federer in dieser Woche, sei das Spiel von Zverev gelegentlich, wenn er gut spielt. So wie in Montreal im Finale gegen einen allerdings im zweiten Satz angeschlagenen Federer. Klar, die Schwankungen beim 20-Jährigen sind ebenfalls eklatant, aber die Wortwahl des Schweizers macht deutlich, wie sehr er spürt, dass Zverev ihm immer näher rückt.

Als Federer 2008 erstmals ein Wimbledonfinale gegen Rafael Nadal verlor, hatte die Times einen wunderschönen Vergleich: Es sei, als wenn jemand immer wieder gegen eine Festung anliefe, irgendwann bricht das Burgtor und der Feind dringt ein.

Vielleicht kann Zverev die Festung Federer stürmen. Es wird interessant zu beobachten, ob und wann das sein wird. Möglicherweise bekommt er am Sonntag die nächste Chance. Im Leben sieht man sich immer mindestens zweimal. Beim ATP-Finale manchmal sogar in einer Woche.

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