2016 Australian Open – Day 1

Mail aus Melbourne: Die große Aussi-Show

Nick Kyrgios ist raus, Lleyton Hewitt hat sich verabschiedet. Ist das australische Tennis am Boden? Nein, es blüht geradezu.

Am Mittwoch morgen gab es eine Starparade im Melbourne Park. Zehn australische Legenden präsentierten sich der Presse. Alles klangvolle Namen: Tony Roche, John Newcombe, Ken Rosewall, Pat Cash, Patrick Rafter. Es war eine Demonstration der Stärke. Die Botschaft: Das australische Tennis ist präsent. Auch wenn der letzte Sieg eines Australiers (Mark Edmonson) 40 Jahre her ist, auch wenn es wohl auch in diesem Jahr keinen australischen Major-Champion geben wird, auch wenn Nick Kyrgios, einem der aktuell größten Entertainer seiner Sportart, sich gegen Thomas Berdych verabschiedet hat – die Australier feiern sich und ihr Grand Slam-Turnier mit einer Freude, der sich niemand entziehen kann.

Jahrlang waren die Australian Open nur die Nummer vier unter den Majors. „Wir hatten einen Minderwertigkeitskomplex“, sagte mir ein ranghoher Tennis Australia- Funktionär. Aber jetzt setzt Melbourne die Maßstäbe für alle anderen Slams. Die Anlage ist die größte, doppelt so groß wie die zweitgrößte in New York. Gegenüber den rund 70.000 Fans täglich mutieren die ehrwürdigen French Open zum Grand Slam-Zwerg (rund 500.000 Zuschauer in zwei Wochen).

Die Multimedia-Technologie ist die Beste, die es je gab. Wenn bei den Seitenwechseln, die Bandenwerbung erstrahlt, hat man fast das Gefühl, die Werbestars gesellen sich zu den Spielern auf den Platz – so beeindruckend ist das 3D-Gefühl.

Als am Samstagabend Bernard Tomic und John Millman zur Night Session in der Rod Laver Arena antraten, war die Stimmung so ausgelassen, wie man es bei keinem anderen Grand Slam-Turnier erlebt. Zwei Tage zuvor schwelgten die großen Zeitungen „The Age“ und „Herald Sun“ in einer „Mill-Mania“, als die Nummer 95 der Welt Gilles Muller in fünf Sätzen schlug und zum ersten Mal in die dritte Runde eines Majors einzog.

Hewitts Show

Die größte Show aber, da waren sich alle einig, war die von Lleyton Hewitt. Was für ein Abgang! Was für eine Story! Steven Spielberg hätte es nicht besser inszenieren können. Noch nie ist eine ehemalige Nummer eins und aktuelle Nummer 308 eindrucksvoller abgetreten – auch dank Twitter und Periskope, die die Gefühle ins Unendliche potenzierten: die Tränen der Frau Bec, die neugierigen Gesichter seiner Kids, die er mit auf den Court holte und später in die Pressekonferenz mitnahm, die Huldigungen aus aller Welt für „Hew-Beauty“.

Den Moment, in dem der ansonsten so stille David Ferrer nach seinem Zweitrunden-Sieg über die Aussi-Legende vor 15.000 Zuschauern verriet, dass Hewitt der einzige sei, von dem er ein Autogramm habe – diesen Moment kann man sich einrahmen und ins Album der Tennishistorie einkleben. Am Samstag trat Hewitt mit Sam Groth im Doppel in der Hisense Arena an – ein Volksfest. Und es geht weiter. Die beiden Aussis siegten.

Speedy Gavrilova

Bei den Damen nimmt der Hype um Daria Gavrilova Fahrt auf, nachdem sie in der zweiten Runde Petra Kvitova ausschaltete. Die 21-jährige gebürtige Russin, früher die Nummer eins bei den Junioren, spielt erst seit ein paar Wochen für Australien. Sam Stosur, die in Melbourne nie mit dem Druck umgehen konnte, wird die aktuelle Nummer 39 wohl überholen. Serena-Coach Patrick Mouratoglou, der sie früher in seiner Akademie in Paris trainierte, sieht sie in den Top 20.

Allerdings: Eine echte Waffe fehlt der quirligen Rechtshänderin. Einen Punch hat sie nicht, dafür läuft sie wie früher „Speedy“ Amanda Coetzer. Ob sie Australien zu neuen Höhen führt? Eher unwahrscheinlich. Aber egal – die Aussis feiern ihre Party trotzdem weiter.

 

 

 

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