Roger Federer

Mail aus Melbourne: Federers Nummer 20!

Roger Federer hat mit einem Fünfsatzsieg gegen Marin Cilic im Finale der Australian Open seinen 20. Grand Slam-Titel und seinen sechsten Einzeltitel in Melbourne gefeiert. Dass es kein, wie zunächst befürchtet, Schnellfeuer des Schweizers wurde, lang an einem ungewöhnlichen Wechsel des Momentums in der geschlossenen Rod-Laver-Arena. Am Ende gab es jedoch eine große Portion Emotionen für diejenigen, die es mit dem Schweizer hielten. Unser Reporter mit seiner letzten Analyse aus Melbourne.

Die Siegerzeremonie neigte sich bereits dem Ende entgegen. Der Unterlegene Marin Cilic war nach warmen Worten in Richtung des alten und neuen Champions, gegenüber seinem Team und den Turnierverantwortlichen bereits wieder ins zweite Glied zurückgekehrt und Roger Federer hatte ebenfalls bereits alles gesagt – fast alles.

Er habe vergessen, dem Team des Kroaten zu danken, was er umgehend nachholte. „Und jetzt habe ich mein eigenes Team ganz vergessen“, fügte er an, holte kurz Luft und plötzlich kullerte erst eine und dann mehrere Tränen über Wangen des erfolgreichsten Grand Slam-Siegers aller Zeiten.

Das war der 36-Jährige schon einige Zeit vor seinem heute 20. Majortitel. Bereits 2009 hatte Federer mit seinem 15. Titel Pete Sampras überholt. In der Zwischenzeit ist Rafael Nadal an dieser Marke vorbeigezogen und die beiden Weltstars übertrumpften sich im Vintage-Jahr 2017 gegenseitig mit je zwei Titeln.

Dass Federer mit seinem nächsten Titelgewinn Down Under nahtlos an diese Erfolgsstory anknüpfte, schien den „Maestro“ selbst zu überfordern. Der Titelträger ließ den Tränen freien Lauf, was die Sympathien nochmals verstärkte. Die Fans in der 17.500 fassenden Arena machten einen ohrenbetäubenden Lärm für Federer, der sich von Herzen bedankte. „Wegen Euch bin ich immer noch nervös, wegen Euch trainiere ich, Ihr füllt die Stadien.“

Auf dem Centre Court war es der emotionsgeladene Abschluss eines nicht alltäglichen Matches, in dem Federer rasch wie der sichere Sieger aussah. Dass der Tennis-Oldie jedoch erst nach 3:03-Stunden jubeln durfte und auf eine echte Jubel-Odyssee über die Anlage geschickt wurde (tausende Fans blieben dafür auf der Anlage), hatte nach dem ersten Satz niemand für möglich gehalten.

Fehlstart wegen Dach?

Ähnlich wie Halep im Damenfinale am Vortag erwischte Cilic einen Fehlstart – der allerdings wesentlich mehr Einfluss auf den Matchverlauf hatte. Nach nicht mal einer Viertelstunde lag der Kroate gegen den Titelverteidiger mit Doppelbreak 0:4 zurück. Als die Nummer sechs der Welt zwischenzeitlich zur Bank schlich, um den Schläger zu tauschen, wirkte er regelrecht geschockt.

„Ich glaube, dass die Entscheidung unter geschlossenem Dach zu spielen, auch anders hätte getroffen werden können. Es war ein bisschen schwer für mich, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen, vor allem am Anfang. Es war viel kühler, als erwartet. Ich habe alle meine Spiele hier draußen absolviert, mich auf 38 Grad vorbereitet“, berichtete der Kroate, der anders als Federer (gegen Chung) noch nicht unterm Hallendach spielte. Später würde Federer in dem restlos besetzten Raum der Pressekonferenz mit einem Sektglas in der Hand ergänzen: „Ich war mir auch nicht sicher, ob es für mich gut war, aber natürlich habe ich mich auf diese Bedingungen vorbereitet.“

Obwohl die Aufschlagquote des Herausforderers in der Folge des ersten Satzes immer noch erbärmliche Statistiken nachwies, stabilisierte sich der 29-Jährige zumindest und brachte zweimal in Folge seinen Aufschlag durch. Dennoch war der eröffnende Durchgang nach nur 24 Minuten und einem glatten 6:2 Geschichte. Herausragend: Federer gab nur mickrige zwei Punkte bei eigenem Service ab. „Ich habe mich im Finale anders als gegen Nadal nicht so gut beim Aufschlag gefühlt. Roger dagegen hat sehr gut und konstant aufgeschlagen“, bekannte Cilic. Federer punktete exakt in 80 Prozent der Fälle, in denen sein erster Aufschlag kam. Diese Quote hielt er immerhin bei 60 Prozent.

Federer: „Habe Nerven gezeigt“

Im zweiten Durchgang hatte der Kroate beim Stand von 1:1 ein äußerst kritisches Aufschlagspiel zu überstehen, in dem ihn Federer mehrmals über den Umweg Einstand zwang. Anschließend hob der US Open-Champion von 2014 sein Niveau peu à peu an. Vor allem die berüchtigte Vorhand setzt er nun fehlerfreier und mit einer sehr guten Länge ein (zehn Winner). So entwickelten sich tolle Vorhand-Vorhand-Duelle beider Kontrahenten.

Federer hatte bis zum Stad von 5:4 dennoch keinerlei Probleme beim eigenen Aufschlag. Ein bisschen aus dem Nichts schnupperte Cilic bei 5:4 am Satzausgleich. Doch der 19-fache Grand Slam-Titelträger wehrte den einzigen Breakball gekonnt ab und erspielte sich wenig später den Tiebreak.

Dort angelangt präsentierte sich Cilic mutig und startete mit einem der bis dato seltenen Rückhand-Winner. Auch von zwei Assen des Schweizers in Serie ließ er sich nicht abbringen. Nachdem er ein Minibreak aufgeholt hatte, gelang ihm selbiges und wenig später der Satzausgleich mit 7:5 im Tiebreak. Federer bekannte später: „Den habe ich wegen meinen Nerven verloren.“

Federer wirkte danach ganz leicht angeschlagen. Doch Cilic vermochte es zu Beginn des Satzes nicht, seine Offensivkräfte entscheidend zu bündeln – und verlor den ersten Wechsel des Momentums sofort wieder. Stattdessen gelang Federer bei 3:2 das entscheidende Break. Cilic unterlief dabei ein Vorhandfehler von der Grundlinie. Insgesamt leistete er sich mit acht Unforced Errors in Satz drei die wenigsten Fehler. Mit nur fünf Winnern brachte er Federer jedoch zu keinem Zeitpunkt mehr in Schwierigkeiten.

Cilics Probleme mit den Breakchancen

Anders als Cilic hielt Federer in Satz vier umgehend den Druck auf den Kroaten hoch und breakte erneut mit seiner zweiten Möglichkeit im ersten Servicegame von Cilic. Bis zum 3:1 hatte er erneut erst einen Punkt beim ersten Aufschlag abgegeben. Doch dann geriet Federers Aufschlagroutine plötzlich ohne ersichtlichen Grund ins Stocken. Am Ende des Satzes war seine Aufschlagquote beim ersten Service bei unterirdischen 36 Prozent angelangt. Nur folgerichtig, dass Cilic zunächst das Rebreak und dann noch ein weiteres gelang. Es waren die ersten verwandelten Chancen im gesamten Match (davor 0:3). Zum ersten Mal schaffte es Cilic zudem, mehr Punkte in den kurzen Ballwechseln (weniger als vier Schläge) zu erzielen (22:19). „Der vierte Satz hat mir mächtig Auftrieb gegeben, ich habe anschließend großartiges Tennis gespielt, den Ball toll getroffen“, meinte Cilic.

Doch im abschließenden Satz setzte sich das Dilemma bei den Breakchancen fort. Cilic vergab direkt im ersten Spiel gleich zwei. Federer rettete sich unter lauten Anfeuerungen seiner Frau Mirka und seines Coaches Severin Lüthi zur 1:0-Führung – nur um dann selbst zu breaken und dabei bezeichnenderweise seine allererste Chance zu nutzen. „Das erste Spiel war mehr oder weniger entscheidend“, erklärte ein aufgeräumt wirkender Cilic, der am Montag auf Rang drei der Weltrangliste platziert sein wird – Bestwert für den Kroaten. Doch das Momentum am Finaltag konnte er noch nicht verwerten.

Federer bricht das Momentum

Cilic blieb dennoch dran im letzten Satz, Federer musste erneut über Einstand, aber hielt den Aufschlag. Die Folge war die vorentscheidende 3:0-Führung, ergänzt vom zweiten Break zum 5:1. „Für mich ging es in diesem Moment wirklich nur darum, sein Momentum zu brechen, zu kämpfen, gut aufzuschlagen“, philosophierte Federer.

Anschließend ging es der Presse aber weniger um Takt als um Nummern. „20? Ich hatte bisher keinen speziellen Bezug zur 20 und habe mich heute geweigert, zu sehr an den Titel zu denken, gerade, weil das Finale erst abends war. Das macht das Warten ganz schön schwer“, sagte Federer. Natürlich seien 20 Grand Slam-Titel aber sehr speziell.

Der Rekordmann holte speziell bei den Australian Open Novak Djokovic und Roy Emerson mit seinem ebenfalls sechsten Titel ein. „Ich weiß nicht, wie ich Euch das erklären kann, aber darum geht es nicht. Es geht nur um die Emotionen, die ich nach solchen Erfolgen erleben darf.“

Die hat der Schweizer – mal wieder – auf authentische Art und Weise ausgelebt. Die Siegerehrung, sie erinnerte ein wenig an jene aus dem Jahr 2009. Als Federer bittere Tränen nach einer Finalniederlage gegen Rafael Nadal weinte vor seinem Idol Rod Laver.

Heute machte die Legende, mit den neuen Medien gut zur Hand, ein Handyfoto vom weinenden Schweizer. „Ich wollte eigentlich nicht, dass Rod in diesem Zustand so ein Foto macht“, sagte Federer und begann zu lachen.

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/