Angelique Kerber

Mail aus Melbourne: Kerber – Den Zaubertank ausgereizt

Wie sich Angelique Kerber in ihr Halbfinale gegen Simona Halep bei den Australian Open kämpfte, hat nicht nur unseren Reporter vor Ort beeindruckt. Die Zuschauer kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sich die Kontrahentinnen bis in die Verlängerung des Entscheidungssatz an der Grundlinie auf allerhöchstem Niveau duellierten. Kerber reizte ihren fitnesstechnisch nicht mehr ganz vollen Zaubertank über den letzten Tropfen hinaus aus. Dabei gewann Halep das jetzt schon legendäre Match gar nicht wegen der Mammutballwechsel.

Nach dem verwandelten Matchball von Simona Halep ging plötzlich alles ganz schnell. Unter tosendem Applaus packte Angelique Kerber nach einem zunächst herzlichen Handschlag samt Umarmung und Küsschen in Windeseile ihre Tasche, schulterte diese und ging mit schnellen, kurzen Schritten in Richtung des Spielerausgangs. Da machte sie ihrem Ruf als eine der schnellsten Spielerinnen der Tour auf andere Art und Weise alle Ehre.

Wer gedacht hätte, dass der Siegerapplaus für die Rumänin niemals würde getoppt werden können, sah sich eines Besseren belehrt. Doch die Standing Ovations für Kerber ebbten eben schnell wieder ab, weil die Deutsche nach einem kurzen freundlichen Winken den Ort des Geschehens verließ.

Das ganze Ausmaß der Enttäuschung nach diesem herausragenden Halbfinale gegen Simona Halep, das die Rumänin mit 6:3, 4:6 und 9:7 für sich entschied, war aus der Distanz nur zu erahnen und wurde erst knapp anderthalb Stunden später bei ihrer Pressekonferenz deutlich. Die 30-Jährige betrat den größten Interviewraum des Pressezentrums mit gesenktem Kopf. Kleine Schritte leiteten ihr den Weg zum Platz auf dem Podium. Kerbers Naturbräune der vergangenen Tage war einer Blässe gewichen, die so nur aus einem besonderen Mix aus Niedergeschlagenheit und totaler Erschöpfung entstanden sein konnte.

Kampfgeist und Herz immer da

Die Farbe kam im englischen Teil der Pressekonferenz von Frage zu Frage ein wenig zurück. Mit der Zeit entspannten sich die Gesichtszüge der zweifachen Grand Slam-Siegerin gar ein wenig. Als habe sie aus den Fragen heraus erkennen können, dass das, was sie, die nun mehr wieder beste deutsche Tennisspielerin, in der ehrwürdigen Rod-Laver-Arena geleistet hatte, doch nun alles andere als enttäuschend gewesen war. Aus den Antworten heraus wurde wiederum deutlich, dass der sonst schier endlos scheinende Kräftetank der Kielerin, an diesem Donnerstag nicht perfekt gefüllt war.

„Das habe ich mich auch gefragt“, entgegnete Kerber im deutschen Teil der Medienrunde einer Reporterfrage, woher sie vor allem im Entscheidungssatz die Kraft hergenommen habe – und musste dabei selbst das erste Mal schmunzeln. „Das ist ja eigentlich das, was mich auszeichnet. Dass ich alles aus meinem Tank heraushole bis zum Schluss, selbst wenn da eigentlich nichts mehr drin ist“, führte die Unterlegene aus. Sie habe gewusst, dass der Kampfgeist und ihr Herz immer da waren. Doch woher die Initialzündung dafür gekommen sei? „Keine Ahnung, wirklich.“

Die Fed Cup-Spielerin gab unumwunden zu, sich am Wettkampftag von Anfang an müde gefühlt zu haben. „Meine Beine haben vom Start weg nicht ganz so gewollt, wie ich das gerne gehabt hätte. Das könnte auch herhalten für den hier in Melbourne ungewohnt schwachen Start der Deutschen, die rasch 0:3 zurücklag.

Halep mit 50 Winnern

Obwohl ihr vom Start weg beim Versuch, aggressiv zu agieren, zu viele Fehler unterlaufen seien, lobte Kerber ihr Gegenüber: „Simona hat zu Beginn gut gespielt, viele Winner gespielt. Da konnte ich einfach nur probieren, im Spiel zu bleiben.“ 50 Winner waren es am Ende für die rumänische Volksheldin. „Und acht Asse, der Wahnsinn, oder?“, scherzte Halep später während ihrer Pressekonferenz. Es ist ein mehr als offenes Geheimnis, dass Halep ähnlich wie Kerber schon länger daran arbeitet, offensiver und aggressiver zu spielen. „Ich hoffe, dass war nicht das letzte Mal“, betonte Halep dann auch mit einem breiten Grinsen.

Während die Nummer eins der Welt mit den neu hinzugewonnenen Qualitäten den ersten Durchgang dominierte und Kerber viel durch die Mitte und nur ganz wenig in der Vorhand anspielte, hatte Kerber selbst Probleme mit ihrem natürlichen Balltreffpunkt. Hatten sich Journalisten gegen Madison Keys noch darüber gewundert, dass Kerber die Filzkugel wie ein großer Fußball vorgekommen sein musste, traf sie den Ball am Donnerstag zunächst mehr als unsauber. Hinzu kamen Probleme beim ersten Aufschlag; die Quote lag Mitte des Satzes bei unter 40 Prozent.

Die Quote bekam der Champion von 2016 noch bis zum Verlust des Satzes in den Griff (62 Prozent). Allerdings machte sie nur bei 38 Prozent ihres ersten Service auch den Punkt. Halep bewies, dass sie wohl oder übel mit dem besten Return der Tour ausgestattet ist.

„Nicht mehr zurückblicken, nicht mehr vorausschauen”

Später würde Kerber beeindruckende Sätze sagen: „Das wichtigste ist, dass ich alles auf dem Platz gelassen habe und das ist auch das, was ich für 2018 hier aus Melbourne mitnehme. Nicht mehr zurückzublicken, nicht mehr all zu weit vorauszuschauen. Aber mit dem Gefühl zu wissen, dass egal, wie es mir geht, ich immer alles geben kann und wieder Spaß am Tennis habe.“

Dass es überhaupt zu so einem Kampf, ja zu so einem Drama Down Under kam, ist einer neuen Spontaneität und Variabilität der Deutschen zu verdanken. Statt die Vorhand weiter flach und glatt – und dabei heute leider unsauber zu treffen – spielte Kerber im zweiten Durchgang vornehmlich langsamere, spinnreiche, weiche Vorhände, meistens in die Rückhand der Rumänin.

Damit schaffte es die Deutsche, ihre Gegnerin auf ihr heutiges Niveau hinunterzuziehen. Gegen Ende des zweiten Satzes waren die Kontrahentinnen sogar gleich auf bei den Unforced Errors (23). Im ersten Satz waren Kerber fast doppelt so viele unterlaufen wie Halep (12) und damit mehr als im ganzen Spiel gegen Keys. Zum Schluss feuerte Halep gar vier Schläge mit der ansonsten brandgefährlichen Rückhand ins Aus.

Im Entscheidungssatz entwickelte sich alsbald ein hochklassiges Duell auf Augenhöhe, bei dem es plötzlich die vorher von allen erwarteten langen Grundlinienduelle gab. Die Stimmung in der Rod-Laver-Arena stieg proportional zur Leistungssteigerung der Deutschen an. Kerber selbst habe gespürt, dass viele Zuschauer auf ihrer Seite gewesen seien. Mit ein wenig Pathos sagte sie: „Die Rod-Laver-Arena wird immer etwas ganz Außergewöhnliches für mich sein.“

Außergewöhnlich wurde es dann bei 5:5 und Einstand. Auf einen eigentlich harmlosen zweiten Aufschlag von Halep spielte Kerber einen Rückhand-Slice-Stoppball, erlief den Gegenstopp und passierte die Nummer eins der Welt – Gänsehautstimmung in Melbourne. Wenige Momente später gelang ihr das Break. Bereits ein Spiel zuvor wehrte Kerber zwei Matchbälle ab.

„Es gibt da gar keinen großen Unterschied zwischen Matchball abwehren und Matchball selbst haben“, philosophierte die Deutsche später. „Ich habe mir auch bei meinen Matchbällen nichts vorzuwerfen, da hat sie gut gespielt.“ In der Tat: Als Kerber wenig später bei 6:5 das Match schon gedreht zu haben schien, wehrte die Rumänin zwei Matchbälle ab. „Bei einem musste ich schmunzeln, weil ich das hier ja schon mal hatte“, erklärte Halep. Die Rumänin spielte wirklich hochklassig, aber der ein oder andere Beobachter hätte sich in diesen Momenten etwas mehr Mut beim Aufschlag von Kerber gewünscht.

Der Hauptgrund, warum es am Donnerstag nicht reichte, war in den kürzeren Ballwechseln begründet. Halep gewann 65 Ballwechsel, die nach dem vierten Ball beendet waren (Kerber 53). Bei den längeren Ballwechseln war es ein Duell auf Augenhöhe.

Stattdessen wurden die Zuschauer noch mehrere Spiele erstklassig unterhalten. Das Match wird rückblickend schon bald als eines der besten Frauenspiele des vergangenen Jahrzehnts eingeordnet werden.

Nach zwei Stunden und 20 Minuten verwandelte Halep ihren vierten Matchball und blickte umgehend mit weitaufgerissenen Augen zu ihrem australischen Coach Darren Cahill. „Er hat mir ein Stück weit mehr Gelassenheit und eine positivere Art beigebracht“, erklärte sie später. Das gebe ihr für das Finale ein gutes Gefühl.

Das bestreitet sie gegen Caroline Wozniacki, die den Lauf der Belgierin Elise Mertens beendete. Es ist das erste Finale in Melbourne zweier topgesetzter Frauen seit Serena Williams und Maria Sharapova im Jahr 2014. Die Dänin hat 2018 erst ein Match verloren (das Finale von Auckland gegen Julia Görges); Halep selbst ist nach dem Turniersieg in Shenzhen und dem makellosen Spiel hier in Melbourne gar noch ungeschlagen.

Doch im Finale am Samstag müssen die Spielerinnen der Stunde einen Makel bekämpfen. Beide haben ihre jeweils zwei Grand Slam-Finals verloren – Halep in Paris, Wozniacki in New York. In Melbourne wird also definitiv eine neue Grand Slam-Siegerin gekürt. „Der Titel würde mir mehr bedeuten als der Nummer-eins-Status“, erklärte Halep vielsagend.

Von solchen Wertungen hat sich Angelique Kerber in den vergangenen zwei Jahren freigemacht. Klar: Sie hat bereits zwei Major-Titel eingesackt. Aber sie hat der Welt auch gezeigt, dass sie zurückkommen kann. Langfristig zum ersten Mal seit August in die Top Ten und kurzfristig in einem Match wie heute. „Ich durfte schon mit meinem Team sprechen und habe viele Nachrichten aus der Heimat bekommen, dass sie stolz auf mich sind, wie ich mein Herz auf dem Platz gelassen habe. Das macht mich stolz und gibt mir Mut.“

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