Angelique Kerber

Mail aus Melbourne: Kerber und ihr erfolgreiches Understatement

Madison Keys war mit ihrem harten Grundlinienspiel die bislang souveränste Spielerin der diesjährigen Australian Open. Am Mittwoch wurde sie von Angelique Keber mit 6:1 und 6:2 deklassiert, weil sie die einzige Spielerin mit einem Plan war. Der geht weit über den Tennisplatz hinaus. In der Vorschlussrunde wartet nun Simona Halep.

Understatement. Die Eigenschaft in Pressekonferenzen und Interviews nicht übereifrig und selbstbewusst Parolen herauszuposaunen, kann für einen Tennisprofi vor und während eines Grand Slams mitunter wichtiger sein als die eigene Vorhand, der Return oder der Aufschlag. Wer so ein Jahr 2017 hinter sich hat wie Angelique Kerber, die nach dem Erreichen der obersten Weltranglistenposition spürbar mit den medialen und eigenen Erwartungen sowie den gestiegenen Verpflichtungen gegenüber der Marke Kerber zu kämpfen hatte, der steht eine Brise Understatement ohnehin gut zu Gesicht.

Die 30-Jährige war noch nie ein extrovertierter Lautsprecher. Aber es scheint in diesen Tagen von Melbourne, als habe sich die Deutsche gemeinsam mit ihrem neuen Trainer Wim Fissette neben klaren Zielen auf dem Platz eine mindestens so klare Marschroute für das Spiel mit den Medien vorgenommen. „Ich habe mich eigentlich gar nicht mit unserem direkten Vergleich beschäftigt, mit ihr als Spielerin oder mit ihrer Person. Ich habe mich nur auf mich und diesen einzelnen Tag fokussiert, wie ich das auch schon vor dem Turnier gesagt habe und vor jedem Spiel.“

Viele Bälle zurückbringen und aggressiv sein 

In der Tat: Angelique Kerber ist in Melbourne ganz bei sich und sie wird in den vergangenen knapp zwei Wochen auch nicht müde, das zu betonen. Der Erfolg gibt ihr zunehmend recht. Die bislang neueste Bestätigung war die kurze morgendliche Karussellfahrt gegen Madison Keys, die nach nicht mal einer Stunde entnervt ausstieg nach einem 1:6, 2:6.  Die frühe Ansetzung um 11 Uhr Ortszeit überraschte dabei nur auf dem ersten Blick.

Keys, die mit ihren harten Grundlinienschlägen das US Open-Finale erreicht hat, steht bei IMG Tennis unter Vertrag. Ihr Manager, Max Eisenbud, als einflussreicher Strippenzieher von seine Klienten Na Li und Maria Sharapova bekannt, wollte Keys prominent im Schaufenster sehen . 11 Uhr australischer Zeit bedeutet Primetime in den USA.

Doch ihrem heimischen Publikum konnte sie nicht zeigen, was sie während der diesjährigen Australian Open ausgezeichnet hatte. Kraftvolle Winner von beiden Seiten des Courts, die einer ausgewogenen Schlagauswahl zugrunde lagen. Gegen Kerber war allerdings nichts ausgewogen. Das fing bereits beim Aufschlag an.

Gegen Ende des ersten Durchgangs hatte die junge Amerikanerin ihr Service noch nicht ein einziges Mal variiert, immer wieder segelten Keys harten Aufschläge in Kerbers Vorhand. Die Deutsche nutzte das Tempo und returnierte blendend. Anschließend ging sie in den Kerbermodus über. Laufen und zurückspielen. Doch die Qualität der Bälle ist 2018 eine Besondere. Die Länge macht den Unterschied. Kerber spielt nicht mehr ausschließlich einen Ball mehr zurück. Sie setzt die Gegnerin oft genug unter Druck. „Ich denke, dass diese Spielweise in den vergangenen Wochen zu meinem Spiel dazu gehört. Viele Bälle zurückbringen, aber auch selbst aggressiv zu sein und das Spiel in meine Hände zunehmen.“

Lieblingsgegnerin Keys

Anders als Kerber hatte Keys, die auf der WTA-Tour mehr Spiele gegen Linkshänder verloren hat als gewonnen, keinen ersichtlichen Matchplan. Die von allen Seiten vorher gelobte Schlagauswahl war ebenfalls dahin. Mit dem eigenen Tempo von Kerber nach außen gescheucht, verzog Keys ein ums andere Mal Grundlinienbälle, die in diesem Spiel nur im Ansatz als Winner zu erkennen waren. Nach 14 Minuten stad es 4:0, acht Minuten danach war der erste Satz Geschichte. „Ich weiß nicht wirklich, was heute das Problem war, aber ich zahle ja Leute dafür, dass sie mir das sagen“, resümierte Keys bezeichnenderweise in ihrer Pressekonferenz. „Ich habe ausschließlich mein Spiel gespielt, nicht über Winner oder Unforced Errors nachgedacht. Ich wollte nur im Moment bleiben und jeden einzelnen Punkt für mich spielen.“ Kerbers Understatement dagegen funktioniert auch auf dem Platz herausragend. Ihr unterliefen nur acht dieser Fehler.

Kerber ist ein Kopfmensch. „Was in den vergangenen 24 Monaten passiert ist, war nicht leicht aufzunehmen und zu verarbeiten. Es hat eine Weile gedauert runterzukommen und sich selbst zu finden“, erklärte Barbara Rittner in diesen Tagen und erkannte wie andere Experten ebenfalls: Angelique Kerber hat wieder Spaß auf den Plätzen dieser Welt – im Speziellen auf den ganz großen Centre Courts. „Ich wusste, dass ich in der Vorbereitung sehr gut gearbeitet habe. Mit den Siegen kam auch das Gefühl zurück, enge Matches gewinnen zu können und auf der großen Bühne gewinnen zu können“, erklärt Kerber selbst. Um das alte Gefühl wieder zurückzuerlangen sei aber auch das gute Gefühl außerhalb des Platzes wichtig. „Das habe ich wieder.“

Gegen Keys war es ebenfalls eine Erfahrungssache. Kerber war bereits seit ihrem Sieg über Maria Sharapova die einzige Grand Slam-Siegerin im Turnier. Keys hatte schon im US Open-Finale gegen Sloane Stephens ein mentales Problem (ihr gelangen nur drei Spiele) und auch heute schien sie der Herausforderung nicht gewachsen. Vor der Pleite am Mittwoch war sie bereits vier Spiele gegen Kerber ohne Sieg, insgesamt steht sie nun bei 1:7. Gegen die nach dem Turner in die Top 10 zurückkehrende Kerber hätte die Hardhitterin ohnehin einen Sahnetag erwischen müssen. Doch heute war nicht mal ein durchschnittlicher Tag.

Nun gegen die Nummer 1

Ganz anders lief der Wettkampftag bei Kerbers Halbfinalgegnerin Simona Halep. Nach einem schnellen 0:3 gewann sie gegen Karina Pliskova neun Spiele in Serie. Beim 6:3 und 6:2 beeindruckte insbesondere ihr Return. Mit dem Statement-Sieg gegen die ähnlich eingeschätzte Pliskova vervollständigte die Rumänin ihre Halbfinalteilnahmen bei nun allen vier Grand Slams. Der ganz große Wurf fehlt ihr noch – bislang verlor sie zwei Majorfinals. Um das zu ändern, muss der Körper der Rumänin mitspielen. Auf der Pressekonferenz gab sie an, keine Schmerzen mehr im Knöchel zu verspüren. Bei den vergangenen French Open startete Halep ebenfalls mit Knöchelproblemen und erreichte anschließend das Finale gegen Garbine Muguruza – ein gutes Omen?

Für das Duell gegen Kerber jedenfalls ist ein verletzungsfreies Spiel mit längeren Bachwechseln programmiert. Wim Fissette kennt Halep aus der gemeinsamen Zeit. Im direkten Vergleich ist die Deutsche mit 5:4 vorne, das vorerst letzte Duell entschied Kerber bei den WTA-Finals 2016 für sich mit 6:3, 6:2.

„Es wird definitiv ein längeres Match gegen Simona mit vielen langen Ballwechseln. Die Spiele waren immer taff und eng.“ Understatement – aber der Erfolg gibt der Deutschen recht.  Zum Schluss der Pressekonferenz dann doch noch ein Hauch von Kampfansage: „Nach den ganzen Erfahrungen, nicht nur der vergangene zwei Jahre, auch aus 2014 und 2015, bin ich stolz, hier wieder im Halbfinale zu stehen. Die Erfahrungen geben mir Selbstvertrauen. Ich weiß mittlerweile einfach mehr, was mich erwartet.“ Wobei das keine Kampfansage ist, sondern nicht mehr als eine reflektierte und gesunde Selbsteinschätzung der Deutschen, die nun Turnierfavoritin ist.

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