Sloane Stephens

Mail aus Melbourne: US-Desaster an Tag eins

Mit dem ersten Hauptfeldtag haben die Australian Open offiziell begonnen. Unser Reporter Jannik Schneider bekam vor Ort nicht nur eine gehörige Portion Grand Slam-Feeling ab, sondern zeigte sich solidarisch mit den amerikanischen Kollegen. Denn während die deutschen Asse ganz gut starteten, erlebten die Spielerinnen und Spieler aus den USA einen mehr als gebrauchten Tag. Neues gibt es auch von der Davis Cup-Planung.

Eingefleischte Tennisfans werden sich sicher noch an Boris Beckers legendäre Pressekonferenz in Wimbledon 1987 erinnern – oder wenn sie nicht geboren waren – werden sie es in irgendeiner Erzählung oder Rückblick aufgeschnappt haben. Der zweifache London-Champion hatte damals völlig überraschend in der zweiten Runde seines Lieblingsturnieres verloren und entgegnete den verdutzten anwesenden Reportern. „Ich habe keinen Krieg verloren und niemand ist gestorben. Das war nur ein Tennisspiel.“

Die Aussagen, die Sloane Stephens heute Nachmittag im Pressekonferenzraum eins des Medienzentrums hier in Melbourne tätigte, erinnerten, ohne zu pathetisch zu werden, eindeutig an die Überlieferungen von einst. Die aktuelle US Open-Siegerin war gerade, nicht ganz so sensationell, aber dennoch überraschend, in Runde eins an Zhang Shuai gescheitert, als sie die Fragen der zumeist heimischen Journalisten mit einer gehörigen Portion Entspanntheit beantwortete.

„Leute, alles ist gut. Entspannt euch. Alles wird gut, keine Sorge. Wir werden schon bald wieder gemeinsam Spaß haben. Gebt mir einfach ein bisschen, um mich zu fangen“, erklärte die 24-Jährige und ließ den ein oder anderen Kollegen mit verdutzten Blicken zurück.

Seit der außergewöhnlichen Siegerpressekonferenz in New York wissen Journalisten, dass sie besser kein Frage-Antwort-Spiel mit der Rechtshänderin aus Florida verpassen sollten. Dass sie aber auch nach einer so taffen Niederlage, immerhin servierte sie im zweiten Satz bereits zum Matchgewinn, so redselig sein würde, überraschte dann doch noch mal.

Sie lobte ihre chinesische Gegnerin spielerisch und menschlich, versprach den Anwesenden ob ihrer seit New York anhaltenden Niederlagenserie (8 Pleiten) das „beste Instagrambild, das ihr gesehen habt, wenn die Serie endet“, philosophierte über Karma, ihr vieles Geld auf der Bank, ihre Stiftung und ein Schuhprojekt. Einige Aussagen muteten gar realitätsfern an.

Die Folge war dennoch, dass eigentlich alle Kollegen den Saal mit einem Lächeln verließen. Die amerikanischen Kollegen ahnten da noch nicht, dass es ihnen bald wieder vergehen würde. Die prominentesten Opfer bisher: Venus Williams (gegen die endlich verletzungsfreie Belinda Bencic), Coco Vandeweghe und John Isner. Der an der Hüfte angeschlagene Jack Sock wurde das bisher letzte Opfer der prominenten Gruppe.

Vor dem amerikanischen Kollektivversagen bot sich zum offiziellen Startschuss um 11 Uhr die Möglichkeit, echtes Grand Slam-Feeling zu schnuppern. Trotz der mehr als 44.000 Zuschauer an Tag eins war es nicht allzu stressig, über die Anlage zu schlendern. „Genieß es, in Paris ist das ganz anders“, wusste ein erfahrener Kollege ob der Weitläufigkeit zu berichten.

So entwickelte sich ein spätvormittaglicher Spaziergang, der immer wieder von Weltklasse-Tennis und mitreißender Atmosphäre unterbrochen wurde. Da waren zum einen dutzende euphorische israelische Fans, die Dudi Sela auf einem Außenplatz in typischer Davis Cup-Manier in den fünften Satz schrien. Genutzt hat es einem der kleinsten Spieler der Tour nichts. Im Entscheidungssatz musste er sich ausgerechnet dem einzigen erfolgreichen Amerikaner Harrison geschlagen geben.

Zum anderen gab es auch auf den weiteren, kleineren Plätzen Matches, die das Herz rasch höherschlagen ließen. Das Generationenduell des wiedererstarkten David Ferrer, der sich Next-Gen-Star Andrey Rublev in fünf Sätzen geschlagen geben musste. Oder das reine Nachwuchsduell zwischen Denis Shapovalov und Stefan Tsitspas, dass der Kanadier für sich entschied. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Görges: „Tennis ist ein wunderbarer Sport”

Doch in den ersten Tagen geht es hier Schlag auf Schlag und es galt, die Deutschen, nicht nur oberflächlich zu beobachten. Also rein in das drittgrößte Stadion, die Hisense Arena, in der Julia Görges gegen die junge Amerikanerin Sofia Kenin dort weitermachte, wo sie bei den vergangenen drei Turnieren aufgehört hatte. Herausragend gut aufschlagen, nachgehen und mit diesem Selbstvertrauen- und Verständnis beim Return attackieren – das Vertrauen in die eigene Stärke war bis ganz oben hin auf die Pressetribüne greifbar.

Nach dem 15. Sieg in Folge und einer treffenden Analyse stellte Görges später die momentan aussichtsreiche Ausgangslage der deutschen Spieler in einen größeren Kontext. „Allgemein ist es fürs deutsche Tennis in diesen Tagen einfach wichtig, dass möglichst viele heimische Spieler weit kommen. Tennis ist ein wunderbarer Sport, der möglichst viel Anerkennung bekommen sollte. Je mehr Spieler dazu beitragen können, desto besser.“

Da sei sie sehr patriotisch. Auf die wiedererstarkte Angelique Kerber, die wie der ambitionierte Alexander Zverev erst am Dienstag ins Geschehen eingreifen, sagte sie: „In den Jahren zuvor habe ich viel von dem profitiert, was Angie alles erreicht hat mit ihren Erfolgen, vor allem an Anerkennung fürs deutsche Tennis. Also kann auch die jetzige Situation, dass sie wieder da ist und ich gut spiele, nur positiv sein fürs deutsche Tennis.“

Da passte es auch ins Bild, dass Mona Barthel mit ihrem Erfolg gegen Monica Niculescu ihren ersten Jahressieg einfuhr. Dass sie hier im vergangenen Jahr mit dem Achtelfinaleinzug Punkte zu verteidigen hat, störe sie nicht. „Ich konzentriere mich lieber darauf, dass ich hier ein gutes Gefühl habe.“

Davis Cup ohne Kohlschreiber

Von Glücksgefühlen war Philipp Kohlschreiber in der deutschen Presserunde nach seiner Achterbahnfahrt und Fünfsatzniederlage gegen den weitestgehend unbekannten Japaner Yoshihito Nishioka so weit entfernt wie von einer Davis Cup-Teilnahme Anfang Februar im australischen Brisbane.

„Gibt es die in den kommenden zwei Tagen nicht, fliege ich erst mal heim – empfohlen habe ich mich heute sowieso nicht“ sagte der von einer Schulterverletzung und einer Grippe geschwächte Augsburger niedergeschlagen. Teamchef Michael Kohlmann wird auf die deutsche Nummer zwei nun auch verzichten. „In dieser Verfassung würde er uns nicht helfen können.”

Weitestgehend beschäftigungslos könnten alsbald einige amerikanische Kollegen sein, wenn am Dienstag auch noch Madison Keys ausscheiden würde. Die US Open-Finalistin ist ähnlich wie Stephens, die eine Knieverletzung plagte, nicht bei voller Fitness. Erstaunliche Pressekonferenzen kann aber auch sie geben. Dafür wird aller Voraussicht nach, kaum Zeit bleiben. Am Dienstag ist deutscher Großkampftag mit 13 Spielen!

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