2018 Australian Open – Day 13

Mail aus Melbourne: Wozniacki – „Davon habe ich geträumt“

Eine Negativ-Serie, das war klar, würde weitergehen nach diesem ersten Grand Slam-Finale 2018 bei den Australian Open, in dem Caroline Wozniacki mit 7:6, 3:6 und 6:4 gegen Simona Halep ihren ersten Grand Slam gewann.  Es war ein echter Tennis-Krimi, in dem mentale Nuancen den kleinen aber feinen Unterschied ausmachten.



Keinen einzigen, mickrigen Doppelfehler hatte Simona Halep bis zu diesem Zeitpunkt serviert, ihre Kontrahentin derlei sechs. Doch beim Stand von 4:5 und 30:15 im Entscheidungssatz wackelte die Rumänin plötzlich. Da war er nun, der so oft zitierte und beschworene Bigpoint beim Stand von 30:30 – und die Nummer eins hatte sich selbst in die Predouille gebracht: Match- oder Spielball lautete nun die Frage.

Ausgerechnet dieser Bigpoint wurde zu einem der herausragendsten Ballwechsel dieses Finals bei den diesjährigen Australian Open. 16-mal wechselte der Ball über das Netz der restlos gefüllten Rod Laver-Arena. Halep dominierte den Ballwechsel, doch Caroline Wozniacki befreite sich in Weltklassemanier aus der Defensive und punktete gekonnt mit einem Vorhandvolley am Netz. Wenige Augenblicke später verwandelte die dänische Volksheldin ihren ersten Matchball.  Während Halep sofort einen fragenden und gleichzeitig leeren Blick zu ihrem australischen Coach Darren Cahill warf, hatte es die Siegerin schon auf den Hartplatz verschlagen – mit allen Vieren von sich gestreckt. Freudestrahlen- und Tränen wechselten sich ab. Unterschiedlicher können Gemütszustände kaum sein.

Wozniacki

UMGEHAUEN: Caroline Wozniacki im Moment ihres bisher größten Sieges.

Klar in einem Grand Slam-Finale gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer. Dass beide Finalistinnen aber schon mehrere Majorendspiele verloren haben und eben noch keinen der vier großen Titel in ihrer Vita stehen haben, ist da schon seltener. Dementsprechend mental und emotional wurde es auch während und nach dem Spiel.

„Weiß nur zu gut, wie Du Dich fühlst“

„Ich weiß nur zu gut, wie Du Dich nun fühlst“, richtete Wozniacki dann auch in ihrer Siegesrede eine direkte Ansprache mit Augenkontakt an die Unterlegene. „Es tut mir leid, dass ich heute gewinnen musste“, erklärte die 27Jährige halb verlegen, halb grinsend und auch Halep und weite Teile des Publikums mussten schmunzeln.  Die frischgebackene Australian Open-Siegerin hatte ihre bisherigen zwei großen Endspiele 2009 und 2014 bei den US Open verloren und dabei nicht einen Satzgewinn feiern dürfen. Halep verlor vergangenes Jahr überraschend und nach Führung im dritten Satz im Endspiel von Paris gegen die gänzlich unerfahrene Jelena Ostapenko; drei Jahre zuvor hatte sie an gleicher Stelle ebenfalls verloren.

Die derzeitigen in der Weltrangliste führenden Spielerinnen, die nach diesem Finale nun die Plätze tauschen, wissen also, von welchen Gefühlen sie bei der Siegerehrung sprachen. „Es ist überhaupt nicht leicht, jetzt hier vor Euch zu sprechen“, richtete Halep bereits vorher direkte Worte an das Publikum. Anschließend beglückwünschte die 26-Jährige die immer noch mit den Tränen kämpfende Wozniacki. Was sie seit ihrem Profidebüt erreicht habe, sei außergewöhnlich. Dann blickte sie zu ihrer Box zu ihrem Betreuerteam und der anwesenden Familie. „Noch weniger leicht fällt es mir, jetzt hoch zu Euch zu blicken, die ihr immer alles für mich gebt. Es tut mir leid, dass ich es heute zum dritten Mal nicht geschafft habe. Vielleicht habe ich beim vierten Mal ja mehr Glück.“

Wozniacki

ENDLICH CHAMPION: Seit 2005 ist Caroline Wozniacki als Profi unterwegs, 13 Jahre später in Melbourne gewinnt sie ihren ersten Grand Slam-Titel.

Zu Spielbeginn war Halep die Anspannung – äußerlich – deutlicher anzumerken. Sie erwischte im ersten Durchgang einen klassischen Fehlstart, lag rasch mit 0:3 zurück. Am Ende des Satzes waren ihr bereits 14 unerzwungene Fehler unterlaufen. Am Ende waren es satte 47 (Wozniacki 28). Beim Seitenwechsel stand ihr die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Die Rumänin setzte sich und holte ein einziges Mal ganz tief Luft. Nicht nur in diesem Moment suchte sie aktiv Blickkontakt zu ihrem Coach Darren Cahill, der heute emotional enorm mit seinem Schützling in der Box mitfieberte.

Wozniacki  mit dem mutigeren Tiebreak

Anschließend hielt die Nummer eins der Welt ihre Aufschlagspiele und wurde prompt etwas mutiger. Beim Stand von 3:5 leitete Halep die Aufholjagd ein, nach dem Break rettete sich Wozniacki mit ungewohnt offensivem Spiel in den Tiebreak. Den dominierte die Nummer zwei der Setzliste mit tollen Rückhandschlägen. „Ich hätte etwas aggressiver sein müssen im Tiebreak, aber es ging körperlich nicht“, bekannte Halep später. Insgesamt hatte die Dänin den effektiveren Service und machte bei 81 Prozent ihres ersten Aufschlags den Punkt (beim zweiten noch 60 Prozent) – was ihr enorm Halt gab.

Signifikant mutiger und dabei effektiver wurde Halep im zweiten Satz erst nach dem 3:3; zuvor hatte die eigentlich beste Returnspielerin der Welt ein unterirdisches Rückschlagspiel abgeliefert. Danach hielt die 26-Jährige ihren Aufschlag und beantragte währenddessen eine medizinische Auszeit. Allerdings wurde Halep nicht an ihrem zu Beginn des Turniers angeschlagenen Knöchel behandelt. Stattdessen wurde der Blutdruck gemessen. „Ich hatte Krämpfe, mir war etwas schwindelig und ich hatte Kopfschmerzen.“ Im Entscheidungssatz sei es aber besser geworden.

Ihre Fans mussten sich ohnehin nicht allzu lang Gedanken machen. Im Gegenteil: Nur wenige Augenblicke später nutzte sie ihren einzigen Breakball zum vorentscheidenden 5:3. Wozniacki dagegen nutzte in Satz zwei keinen einzigen ihrer sieben Chancen, Halep den Aufschlag abzunehmen. So glich Halep mit Satzball Nummer drei nach 1:38 Stunden aus. Nicht ohne vorher gemeinsam mit Coach Cahill schmunzelnden Blicke nach der ersten vergebenen Satzchance auszutauschen.

Hätte Halep an diesem Tag den Platz als Sieger verlassen, würde diese Szene sinnbildlich für die mental positive Veränderung der Rumänin unter ihrem neuen Coach stehen. „Er hat es geschafft, dass ich mental stabiler, lockerer und positiver bin“, hatte sie bereits nach dem Halbfinale bekannt. „Er ist sehr stolz auf mich“, erklärte sie nach dem verlorenen Finale. Am Samstag waren es letztlich Nuancen, die den Unterschied machten, wie der eingangs beschriebene Doppelfehler. Als Wozniacki  die Siegertrophäe in den Melbourner Himmel strecken durfte, hatte sich lediglich mickrige zwei Punkte mehr erzielt als Halep (106).

Zwei mickrige Punkte Unterschied

Ein Spiel auf Augenhöhe entwickelte sich spätestens im Entscheidungssatz. Dort angelangt, rief Wozniacki beim Stand von 3:4 den Arzt zu ihrer Bank und lies sich am rechten Knie behandeln und tapen. Wie schon die Unterbrechungen zuvor wickelte sie sich parallel die mit eisgefüllten Handtücher um den Hals. Die 27-fache Turnersiegerin auf der WTA-Tour hatte sichtlich mit den Bedingungen zu kämpfen.

Doch Halep war nach den langen Matches gegen Kerber und Lauren Davis ebenfalls nicht mehr bei 100 Prozent. „Ich hatte überall Schmerzen noch von den vorigen Matches, um ehrlich zu sein. Deshalb ging es im ersten Satz auch anfangs so schnell“, erklärte sie in der Pressekonferenz. Ob Sie das Timeout etwas aus der Verfassung gebracht habe? „Ein bisschen vielleicht, ja. Ich war gerade obenauf. Trotzdem hat Caroline den ganzen Kredit verdient. Sie hatte immer eine Antwort und fantastisch gespielt.“

Halep selbst habe sich im Vergleich zum French Open-Finale mental bereit gefühlt. „Ich habe mich weiterentwickelt, auch spielerisch war es viel besser. Aber körperlich war ich nicht bereit heute.“

Wozniacki hatte im Entscheidungssatz den deutlich besseren Start und führte trotz des vorigen Satzverlusts schnell mit 2:0. Halep aber kämpfte sich im bis dato längsten Aufschlagspiel des Matches zurück – sechsmal ging es bei teils hochklassigen Grundlinenduellen, die an das Halbfinale Haleps gegen Angelique Kerber erinnerten, über Einstand. Dann erst gelang Halep das Break. „Simona, Simona“-Sprechchöre halten durch die Rod Laver-Arena. Das spätere 1:3 wandelte Halep in eine 4:3-Führung um.

Schwächeln beim Aufschlag

Beide schwächelten nun beim eigenen Service, hielten ihre Quote beim ersten Service nur ganz knapp über 50 Prozent. Dementsprechend hart umkämpft war nun jedes Spiel. Bei 4:4 hatte Halep viermal und Wozniacki bereits fünfmal einen Aufschlagverlust hinnehmen müssen. Doch diese ganz kleinen Unterschiede änderten rein gar nichts an der Tatsache, dass dieses erste Endspiel zweier topgesetzter Damen seit den Australian Open 2012 (Williams gegen Sharapova) nun komplett ausgeglichen war. Als Wozniacki auf 5:4 erhöhte, standen beide Spielerin bei jeweils exakt 106 Punkten. Nach dem beschriebenen Doppelfehler und dem Monsterballwechsel war das Match dann schneller beendet als erwartet.

Wozniacki

VOLLER EINSATZ: Wozniacki gab im Finale mal wieder alles.

„Meine Stimme zittert. Von diesem Moment habe ich geträumt, seit ich als kleines Kind meine ersten Schläge gemacht habe“, erklärte Wozniacki nach dem Sieg und dankte ihrem ganzen Team – allen voran ihrem Vater, der sie als Trainer von kleinauf begleitet hat. Warme Worte gab es ebenfalls für ihren Verlobten, den US-Basketballer David Lee. Ihr Manager, Julien Cassaigne, bekam ebenfalls ein Lob. Im Moment des überschwänglichen Jubels ließ sich die Siegerin gar zu einem ordentlichen Seitenhieb gegenüber einer großen Zeitschrift hinreißen. „Vielleicht klappt es ja nun endlich mit dem Cover“, rief sie Cassaigne zu. Wenn das Finaldilemma erstmal beendet ist, sind das die verbliebenen Probleme.

Simona Halep dagegen erklärte später: „Ich kann schon wieder lachen. Vorhin habe ich geweint. Jetzt geht es wieder.“

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