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Mail aus Valencia: Tim und Struffi als ‚Gamechanger‘ für Zverev im Davis Cup

Das letztlich siegreiche 4:45-Stunden Doppel von Jan-Lennard Struff und Tim Pütz im Davis Cup-Viertelfinale von Valencia und die darauffolgenden Reaktionen müssen sich für die Kritiker des Davis Cup wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt haben. Gegen Ende dieser Woche lässt sich festhalten: Valencia eint alle Komponenten, die den Davis Cup einst haben so populär werden lassen. Dabei steht der Showdown noch aus.

Michael Kohlmann ist, zumindest in der Öffentlichkeit, ein eher ruhiger Zeitgenosse. Stammtisch-Weisheiten und Parolen gehören nicht zum Repertoire des deutschen Davis Cup-Kapitäns. In der Euphorie des siegreichen Doppels seiner beiden Schützlinge, die er vor nicht mal ganz einem dreiviertel Jahr eigens zum neuen DTB-Doppel ernannte, machte er nur wenige Momente nach dem verwandelten Matchball eine Ansage, auf englisch, live im TV.

„Mister Haggerty, this is Davis Cup“, sagte er mit Blickrichtung Kamera und meinte damit unter anderem all das, was sich in den vergangenen fünf Stunden abgespielt hatte. In den sozialen Medien verbreitete sich das Kurzvideo rasant. Denn Liebhaber des Davis Cup in Reinform gint es allemal. Die sahen Jan Lennard Struff und Tim Pütz in den ersten beiden Sätzen am Samstag davon eilen. Die French Open-Sieger von 2016 Feliciano und Marc Lopez um jeden Zentimeter roter Asche kämpfen, ausgleichen und trotz des wechselnden Momentums an den Deutschen scheitern. Krachend und zum Entsetzen von rund 7000 Spaniern.

Davis Cup: Keine Sau kannte Pütz in Spanien

Und während ,Struffi‘, wie er im Team nur genannt wird, völlig überfordert erstmal zu Boden sank, schlurfte der nicht nur in Spanien gänzlich unbekannte Pütz erleichtert ans Netz. Tim Pütz, die Nummer 308 der Welt, die 120 der Doppelwelt. Der Frankfurter, der nach einer langwierigen Knieverletzung zumeist auf kleineren Turnieren unterwegs ist und daher nicht mit seinem Kumpel spielen kann. Dieser Tennis-Außenseiter steigerte sich während des Matches und behielt im Entscheidungssatz die Nerven (HIER geht es zur Analyse).

Zumindest nach außen hin wirkte seine Gemütszustand aber nicht, als hätte er gerade das beste Spiel seines Lebens gemacht. „Der Start war unterirdisch, danach war es ok“, sagte er völlig emotionslos. Ob er sich nicht ein bisschen bestätigt fühle? „Ich bin damals in Portugal wie heute nicht zum Davis Cup gekommen, um mich bestätigt zu fühlen. Wenn dann müsste sich Michael bestätigt fühlen. Denn er hat mich nominiert“, sagte er ruhig und schaute zu seinem Kapitän. Der fing an zu lachen, da hatte Struff schon ein breites Lächeln im Gesicht.

Um das große Ganze zu sehen. Der deutsche Doppelspezi im Team war emotional nach dem Spiel einfach völlig platt, ausgelaugt. Dieses Doppel, das für die überraschende 2:1-Führung sorgte, hatte nicht nur körperlich Kraft gekostet. Selbst ein Top 20-Spieler absolviert solch ein Match vor dieser Kulisse nicht jede Woche. Dementsprechend überfordernd waren die ersten Stunden nach dem dritten Fünfsatzsieg im dritten Davis-Cup-Match. In Hintergrundgesprächen gab sich der sympathische Hesse schon gelöster.

Davis Cup: Lopez hat nichts als Respekt für DTB übrig

Die Spanier zollten dem deutschen Duo im Moment der Enttäuschung den größtmöglichen Respekt. „Sie erhalten von mir jede Menge Credits, dass sie trotz unserer Aufholjagd im Spiel geblieben sind“, bekannte Feliciano Lopez. Der war im Laufe des Matches zum Zauberer aufgestiegen und hätte sein Team fast im Alleingang in Führung gebracht. Stattdessen musste er ob der knappen Pleite kleinlaut zugeben: „Das war eine der bittersten Niederlagen in meiner Davis Cup-Karriere.“

 

Tim Pütz kannte er vorher nicht wirklich. „Wir wussten, dass sie ungeschlagen sind. Er hat heute gezeigt, dass er ein großes Repertoire besitzt und richtig gefährlich spielen kann“, ergänzte Lopez. Anschließend richtete sein Kapitän Sergi Bruguera den Blick auf den Sonntag. Allerdings ausschließlich auf spanisch. Doch die selbstbewussten Iberer glauben selbstredend noch an ein Comeback.

Davis Cup Showdown: Prinz Zverev gegen König Nadal

Nicht zuletzt wegen Rafael Nadal und den Showdown im ersten Einzel ab 11:30 gegen Alexander Zverev. Während des samstägigen Dopppels tippte ein spanischer Kollege bereits seine Sonntagsvorschau in seinen PC. ,Der König tifft auf den Prinzen‘, lautete der Titel. In der Kolumne von Freitag ging es bereits, darum, was die beiden Spitzenspieler eint.

Was sie trennt? Im direkten Vergleich zunächst einmal drei Siege. 3:0 lautet die Bilanz für Nadal. Das prominenteste Duell war sicherlich das Drittrundenmatch bei den Australien Open 2017, eines der ersten Ausrufezeichen von Zverev auf großer Bühne, dem damals etwas die Luft ausging im Entscheidungssatz. Dank des Vier-Jahres-Plans von Fitnesscoach Jez Green ist er damals schon im Soll gewesen und nun noch stabiler. Der Erfolg des Doppels nimmt Zverev zudem den Druck, zum Siegen verdammt zu sein, wie schon in Australien, als er Nick Kyrgios glatt besiegte und für den Endstand sorgte.

Zverevs Rückhand kann Nadals Vorhand wehtun

Eine These könnte lauten: Je länger das Match andauert, desto besser für Deutschland. Zverev hat zudem bewiesen, dass er mit seiner beidhändigen Rückhand Nadals Spin nicht nur kontrollieren, sondern auch kontern kann. Im direkten Vergleich Vorhand mit Vorhand liegt aber noch eine kleine Welt zwischen den Protagonisten. Zum einen, weil dies noch eine Baustelle der deutschen Nummer eins ist, gemessen an seinem Niveau. Zum anderen: Weil es Rafael Nadal ist und diese Vorhand, zumal auf Sand, jeden Spieler penetrieren kann.

Gelingt dem DTB die nächste Überraschung, steht Deutschland zum ersten Mal seit 2007 im Halbfinale. Spanien würde die erste Heimpleite seit 1999 kassieren und das erste Mal mit Nadal überhaupt verlieren. Kohlmann hat bereits am Freitg vermittelt, dass er an einen Sieg im Doppel glaubt. Am Samstag tat er selbiges mit Blick auf seine Nummer eins. Und wenn es nicht klappt? „Ich habe bereits am Freitag erklärt: Wenn wir jeden Tag einen Punkt holen…“

Davis Cup-Kapitäne taktieren

Beide Kapitände stünden im Fall der Fälle vor komplizierten Entscheidungen. Kohlmann müsste wählen zwischen einem fitten und auf Sand mehr als soliden Philipp Kohlschreiber . Und Struff. Der Hardhitter, der knapp fünf Stunden in den Beinen hat und am Samstag wieder einmal ablieferte. „Im Vordergrund steht jetzt die Regeneration“, sagte Kohlmann zu diesem Thema und lächelte. Die solidere Entscheidung wäre wohl Kohlschreiber. Bei Struff kann das Pendel sowohl in die eine als auch andere Richtung stärker ausschlagen.

Bruguera hat David Ferrer, der am Freitag gegen Zverev enorme Probleme beim Aufschlag hatte und Roberto Bautista Agut, der am Samstagmorgen sehr gut trainierte. Tendenz: Bautista-Agut.

Alleine die Intensität, mit der über diese Gedankenspiele bei Fans, Journalisten und insgeheim auch in den Teams diskutiert wird, zeigt, welche Bedeutung diese Partie hat. Klar ist aber auch trotz aller Euphorie: Der Davis Cup benötigt kleinere Veränderungen, um langfristig attraktiv für die absoluten Topspieler zu sein. Ohne Nadal und Zverev wäre weniger Euphorie und weniger Aufmerksamkeit. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, die Top 10-Spieler nicht nur dann anziehen, wenn sie gerade aus einer Verletzung kommen und Matchhärte suchen oder eben wie Zverev noch jung und heiß auf diesen Titel sind.

Sind sie nämlich erst einmal vor Ort, ist dieser Wettbewerb mit der Heimspielatmosphäre ein Selbstläufer. Und Doppel haben, eingebettet  zwischen den Gladiatorentreffen freitags und sonntags, ihren ganz eigenen Charme. Das alles meinte Kohlmann, als er den ITF-Präsidenten daran erinnerte, was diesen Wettbewerb ausmacht.

 

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