Mail aus Wimbledon: Die Show von Brown gegen Nadal

Es ist bisher die Story des diesjährigen Wimbledon-Turniers: Der Sieg von Brown gegen Nadal. Unser Reporter Felix Grewe ist live in London vor Ort und schildert in seiner „Mail aus Wimbledon“ die Eindrücke vom Centre Court.

Wimbledon 2015 hat seine erste Sensation. Die erste Story in diesem Jahr, die den All England Club erschüttert wie ein Erdbeben. Einen Kracher, einen „Big Upset“ wie man so schön sagt. Ja, man wusste, dass Dustin Brown schon einmal gegen Rafael Nadal gewonnen hatte, im einzigen Duell der beiden bisher, 2014 in Halle, ebenfalls auf Rasen. Und man wusste auch, dass der Spanier die letzten drei Jahre in Wimbledon früh gegen Spieler ausgeschieden war, die jenseits der Top 100 platziert waren. Und dennoch: Ein Triumph Browns, der Nummer 102, der sich durch die Qualifikation kämpfte, gegen einen früheren Wimbledon-Champion – Formkrise hin oder her – erschien eigentlich so unmöglich wie zwei regenfreie Wochen in London. Hier geht’s zum Wimbledon-Special vom tennis MAGAZIN

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Moment des Glücks: Dustin Brown bezwingt Rafael Nadal auf dem Centre Court von Wimbledon.

Als Dustin Brown an diesem frühen Donnerstagabend nach 39 Minuten Spielzeit den ersten Satz auf dem Centre Court gegen Nadal 7:5 gewinnt, sitzt der Autor dieser Zeilen noch in einem kleinen Presseraum im Bauch der großen Arena und führt ein Interview mit Timea Bacsinszky – man kann sich die Zeitpunkte für solche Termine eben nicht aussuchen. Danach geht es kurz rüber zum Damendoppel auf Court 19, ganz im Norden der Anlage: Andrea Petkovic und Magdalena Rybarikova spielen gegen Anastasia Pavlyuchenkova und Alla Kudryavtseva. Beileibe kein Pflichttermin – allerdings sitzt Fed Cup-Teamchefin Barbara Rittner dort und man plaudert ein wenig über die Siege von Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Tatjana Maria. Eine gute halbe Stunde später steht es auf dem Centre Court eins zu eins in Sätzen – also, im Laufschritt zurück zur großen Arena. Geht dort noch etwas für Dustin „Dreddy“ Brown?

Brown missachtet alle Grundregeln

Und wie! Der Deutsch-Jamaikaner spielt sich im dritten und vierten Satz in einen Rausch. Er agiert so spektakulär, dass man ihn phasenweise am liebsten greifen und durchschütteln würde. Nach dem Motto: Bist du noch bei Sinnen?! Man kennt seine irre Spielweise, für die ein normaler Vereinstrainer seinen Schüler mit Liegestützen und Kängurusprüngen bestrafen würde. Brown missachtet alle Grundregeln, die Begriffe wie Rhythmus, Kontrolle und Sicherheit beinhalten. Er spielt Stoppbälle mit dem Return; er serviert zweite Aufschläge mit mehr als 200 km/h; er rennt nach jedem Service ans Netz, wie man es seit gefühlten Jahrzehnten kaum mehr präsentiert bekommt. Er spielt immer so, nicht nur heute gegen Nadal. Es ist seine Art und Weise auf dem Platz zu performen, mit der er gegen jeden Gegner auf der Tour untergehen – oder eben gegen einen der Besten aller Zeiten das Spiel seines Lebens bestreiten kann.

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  1. Alex

    Es ist eigentlich wieder mal typisch, wie ein Zufallssieg eines Underdogs unmöglich hochgejubelt wird. Ich sage nicht, dass der Sieg gegen Nadal Zufall war, sondern dass er, wie 95% aller Spieler die mal einen Topspieler schlagen, es nicht schaffen den Sieg in der nächsten Runde zu bestätigen. Ich frage mich außerdem, wie viele Leute die ihm jetzt gratulieren, den Namen Dustin Brown überhaupt schon einmal gehört haben. Ja, die Deutschen kennen ihn, aber sonst? Schafft man keinen weiteren Sieg, ist der schönste Sieg gegen einen Topstar nichts wert. Traurig, aber wahr! Und schon bald gibt es jemand anderen, der gehypt wird. Nichts ist älter als die Nachrichten von gestern, wie jeder weiß.


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