2016 US Open – Day 8

Mail aus Wimbledon: Günter Bresnik, der Meistermacher

tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic berichtet in seiner Kolumne „Mail aus Wimbledon“ täglich aus London vom All England Lawn Tennis and Croquet Club.



Shootingstar Sebastian Ofner

Am Freitagmorgen sitzt Günter Bresnik im kleinen Spielerrestaurant im Aorangi Park, dem Trainingsgelände auf der Anlage. Hier ist es viel ruhiger als im Millenium-Gebäude, wo sich zur Rush Hour alle auf dem kleinen Stück Rasen im Spielerbereich drängeln: Spieler, Manager, Sponsoren, Eltern, Freunde, Journalisten. Im zweiten Stock des Gebäudes im Aorangi Park kann man entspannt reden, während wie überall auf der Anlage die Matches auf den Screens flimmern.

Bresnik spricht gerade mit Sebastian Ofner, dem Shootingstar, der Nummer 217 der Welt, der plötzlich in der dritten Runde gegen Alexander Zverev steht, eine Geschichte, die mindestens genauso verrückt ist wie die von Marcus Willis anno 2016. Aber dazu später mehr.

Sebastian Ofner schaltete in der zweiten Runde den US-Amerikaner Jack Sock aus.

Sebastian Ofner schaltete in der zweiten Runde den US-Amerikaner Jack Sock aus.

Ofner wird trainiert von Wolfgang Thiem, dem Vater von Dominic – und Thiem senior ist ein Angestellter in Günter Bresniks Tennisakademie in der Wiener Südstadt. Wobei: Bresnik selbst bezeichnet Wolfgang Thiem nicht als Mitarbeiter, sondern als „einen meiner besten Freunde“. Da schließt sich der Kreis und auch Bresniks Verbindung zu Ofner, dem Längst-nicht-mehr-Nobody in Wimbledon mit dem Gespür für Gras. Seit rund einem Jahr trainiert Ofner bei Bresnik, parallel leistet er als Korporal seinen Militärdienst in Wien ab, wird vom Bundesheer finanziell unterstützt.

Bresnik gefragt wie nie zuvor

Ofner ist der Mann der Stunde im Südwesten Londons, aber Bresnik ist es auch. Es dürfte wohl keinen Coach geben, der fast am Ende der ersten Woche noch drei „Pferde“ im Rennen hat.

Drei? Genau. Die Nummer eins auf der Liste ist natürlich Dominic Thiem, die Nummer acht der Welt, der Ziehsohn, den Bresnik seit Ewigkeiten betreut und mit dem er gerade in Sphären durchstartet, die schwindelerregend sind. Wer einmal Thiems Aufschlag (er serviert konstant mit 134 Meilen pro Stunde, rund 210 km/h) und seine Rückhand live auf einem Court erlebt hat, bekommt eine Ahnung, was man von Thiem in Zukunft noch erwarten kann.

Neben den Österreichern Thiem und Ofner gibt es noch zwei Spieler, die in der Wiener Südstadt trainieren, die die Saisonvorbereitung in Teneriffa mitgemacht haben und die – und das ist das Entscheidende – auf Bresniks Rat hören. Der Ex-Trainer von Boris Becker steht jetzt mit 56 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Trainerlaufbahn. Nie war er so erfolgreich, nie wurde seine Expertise so geschätzt. Über seine Art, Tennis zu sehen, hat er ein hochinformatives Buch geschrieben – „Die Dominic-Thiem-Methode“

Ernests Gulbis ließ dem Argentinier Juan Martin del Potro keine Chance.

Ernests Gulbis ließ dem Argentinier Juan Martin del Potro keine Chance.

Gulbis und Janowicz überzeugen

Der eine der beiden Spieler heißt Ernests Gulbis, Bresniks frühere Nummer eins, der dem Team aber den Rücken kehrte, weil die Nummer zwei, Thiem, ihn überholt hatte. Gulbis ist der Anti-Thiem. Kein Arbeiter, sondern Lebemann. Einer, der im kleinen Finger mehr Talent haben als andere im ganzen Körper. Aber auch einer, der sich schwer damit tut zu begreifen, was eine professionelle Einstellung ist. Inzwischen trainiert Gulbis wieder regelmäßig bei Bresnik.

In Wimbledon startete der frühere Top Ten-Mann dank eines „Frozen Rankings“ als Nummer 99. In Wirklichkeit ist der Lette, nach zahlreichen Verletzungen auf Platz 589 abgestürzt. Seit den French Open 2016 hatte er kein einziges Match auf ATP-Level gewonnen. Jetzt steht er in der dritten Runde. Und wie! Keine Chance ließ er Juan Martin del Potro – glatter Dreisatz-Sieg.

Ein anderer guter Bekannter, der gerade in der dritten Runde ausgeschieden ist, gehört seit ein paar Monaten ebenfalls zur munteren Bresnik-Truppe – Jercy Janowicz. 2013 war der lange Pole die Sensation von Wimbledon, als er Andy Murray im Halbfinale an den Rand einer Niederlage brachte. Dann verschwand er. War verletzt. Zoffte sich mit dem polnischen Verband. Und machte Karriere als Zocker bei Videospielen. Es gab kaum einen Besseren in ganz Polen in stupiden Ballerspielen. Kann man mit ihm jetzt wieder auf der Tour rechnen? In jedem Fall war es beeindruckend, wie er am Mittwoch den hochgeschätzten Lucas Pouille (Nummer 14 der Setzliste) vom Court 3 prügelte. Profitiert auch er von der Bresnik-Methode? Es sieht so aus.

Poland's Jerzy Janowicz returns a shot to France's Benoit Paire during an ATP tennis tournament quarterfinal match in Stuttgart, southwestern Germany, on June 16, 2017.  / AFP PHOTO / THOMAS KIENZLE        (Photo credit should read THOMAS KIENZLE/AFP/Getty Images)

In der dritten Runde hatte Jerzy Janowicz gegen Benoit Paire das Nachsehen. Der Pole präsentierte sich in Wimbledon dennoch in guter Form. 

Vorhand und Aufschlag die Stärken von Ofner

Zurück zu Ofner, Sebastian Ofner. Was für eine Story! Er startete als Qualifikant und ist mittlerweile schon viermal umgezogen in London, weil er nie und nimmer damit gerechnet hätte, noch dabei zu sein. Er hatte zuvor noch nie auf Rasen gespielt (vor der Partie gegen Alexander Zverev sind es nun fünf Siege in Roehampton und Wimbledon). Er hatte keine Outfits, also kaufte er sich ein buntes Sammelsurium von Marken zusammen. Er war so cool, dass er nach 2:0 Satzführung gegen Jack Sock, die Nummer 18 der Welt, einen Satzausgleich hinnahm, um dann doch noch am Donnerstagabend kurz vor Sonnenuntergang zu siegen.

Und zwar hochverdient: Aufschlag und Vorhand sind die großen Trümpfe in seinem Spiel. Die beidhändige Rückhand ist solide und springt schön flach ab. Der Slice ist eher schwach, aber den braucht er kaum.

Jetzt ist ganz Österreich elektrisiert. Und auch Günter Bresnik, der Mann, der zur Zeit alles im Griff zu haben scheint, dürfte ziemlich baff sein.

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  1. Vifzack

    Counterstrike als „stupides Ballerspiel“ zu bezeichnen, kann man eigentlich nur als arrogante Dummheit bezeichnen.

    Bei aller Liebe zum Tennis: Es gibt auch andere coole Sachen auf der Welt.


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