Day Two: The Championships – Wimbledon 2017

Mail aus Wimbledon: Novak Djokovic, der Erleuchtete

tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic berichtet in seiner Kolumne „Mail aus Wimbledon“ täglich aus London vom All England Lawn Tennis and Croquet Club.



Veränderungen bei Djokovic

Boris Becker hat einmal gesagt, Tennisjahre fühlen sich an wie Hundejahre. Frei übersetzt: Ein Jahr im Tennis Jetset dauert eigentlich sieben Jahre. Auf Novak Djokovic, Beckers ehemaligen Schützling, scheint der Satz perfekt zu treffen. Was ist nicht alles passiert zwischen Anfang Juli 2016 und Anfang Juli 2017? Der Dauersieger wurde (teilweise) zum Mitläufer. Er hatte familiäre Probleme (näher muss man darauf nicht eingehen). Er ist dünn geworden wie ein Putter. Er hat sich erst von Becker getrennt und dann von seinem ganzen Team, mit dem er jahrelang gearbeitet hat. Vor allem von Marjan Vajda, der einstigen Überfigur in seinem Kosmos.

Er hat alles auf Reset gestellt. Neuanfang. Mit den Neu-Coaches André Agassi, Teilzeitberater seit Paris, und Mario Ancic, der seit Wimbledon zum Team gehört. Vor drei, vier Wochen haben die beiden telefoniert. Ancic arbeitet inzwischen als Investmentbanker für die Credit Suisse an der New Yorker Wall Street, ironischerweise der Sponsor von Roger Federer. Als Banker lag die Finanzmetropole London ohnehin auf Termin bei Ancic.

Den Kroaten Ancic bezeichnet der Serbe Djokovic als „sehr guten Freund“, den er „schon so viele Jahre kennt“. Ancic, sagt Djokovic war „top of the list“ – die frühere Nummer sieben, der seine Karriere wegen schweren Pfeifferschen Drüsenfiebers früh beenden musste, war also Wunschkandidat. Wobei: Ob Ancic neben seinen beruflichen Pflichten zum Dauercoach taugt, wird man sehen. Was in jedem Fall für Ancic spricht – die Sprache. Man darf dieses Detail nicht unterschätzen.

Der Kroate Mario Ancic schaffte es im Jahr 2006 bis auf Rang sieben in der Weltrangliste.

Der Kroate Mario Ancic schaffte es im Jahr 2006 bis auf Rang sieben in der Weltrangliste.

Djokovic der Philosoph

Ein Jahr also ist nach der Viersatz-Pleite in Runde drei gegen Sam Querrey vergangen. Ein Jahr, in dem sich so vieles beim „Djoker“ verändert hat. Wimbledon ist die Klammer. Findet die frühere Nummer eins wieder in die Spur, weil Wimbledon Dinge mit einem anstellen kann, die nirgendwo anders passieren?

Hört man Djokovic in diesen Tagen zu, klingt er wie ein Erleuchteter, was definitiv am Einfluss von Pepe Imaz liegt, dem Mann, mit dem Djokovic schon lange arbeitet und der als eine Art Guru (Credo: „Armor y Paz“ – Liebe und Frieden) im letzten Jahr immer mehr Einfluss gewonnen hat.

In Wimbledon gleichen Djokovics Pressekonferenzen Seminaren für ausgebrannte Manager. Die Antworten sind lang. Es sind Botschaften. Es mag sich oft platt anhören, weil man die Formeln schon so oft gehört hat, aber aus Djokovics Mund klingen sie überzeugend. Authentisch. Anders formuliert die Djokovic-Auftritte im Bauch des Millenium-Gebäudes heben sich wohltuend ab von dem Einheitsbrei, der einem sonst oft geboten wird.

Des einen Freud, des anderen Leid: 2016 gewann Sam Querrey (re.) in der dritten Runde völlig überraschend gegen Novak Djokovic (li.).

Des einen Freud, des anderen Leid: 2016 gewann Sam Querrey (re.) in der dritten Runde völlig überraschend gegen Novak Djokovic (li.).

Des einen Freud, des anderen Leid: 2016 gewann Sam Querrey (re.) in Runde drei völlig überraschend gegen Novak Djokovic (li.).

Kostproben: „Man lernt seine Lektionen, man wird weiser, erfahrener.“ – „Das Leben ist so eingerichtet, dass man sich als Wesen entwickelt“ – „Ich habe meine Ernährung umgestellt und ich hatte nie wieder Allergien in meinem Leben.“ – „Der Prozess, eine neue Balance in seinem Leben zu finden, dauert nicht ein paar Wochen, er dauert das ganze Leben. Es ist eine konstante Evolution.“ – „Das Leben generell ist einfach, die Leute machen es kompliziert.“

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Andre Agassi in einem Interview mit tennis MAGAZIN genau den Satz gesagt hat. Agassi hatte immer den philosophischen Ansatz, den Blick über den Tellerrand, für das große Ganze.

Die meisten Spieler machen ihr Glück von Matches abhängig

Der neue Djokovic klingt so: „Ich habe früher all mein Glück vom Gewinnen eines Tennismatches abhängig gemacht. Die meisten Spieler machen das, denke ich. Ich versuche, das nicht mehr zu tun, nicht, weil es mich nicht kümmert, ein Match zu gewinnen oder zu verlieren. Natürlich würde ich gerne jedes einzelne Match gewinnen, aber das ist für mich nicht das Wichtigste. Es entscheidet nicht über mein Glück.“

Man wird sehen, wohin ihn die neue Sicht der Dinge bringt. In jedem Fall wird es interessant sein, Djokovics Weg in Wimbledon – ein Jahr nach der Krise – zu beobachten.

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