2017 Australian Open – Day 4

Wo ist die Gier geblieben, Novak Djokovic?

Novak Djokovic verliert in der zweiten Runde eines Grand Slam-Turniers gegen die Nummer 117 der Welt. Nie musste er sich bei einem Major gegen einen schlechter platzierten Gegner geschlagen geben. Was sagt diese überraschende Niederlage über den derzeitigen Zustand der Nummer zwei aus? Ein Erklärungsversuch.

Eines muss man Novak Djokovic lassen, im bitteren Moment der Niederlage zeigt er stets Haltung, gratuliert seinem Gegner artig zu einem großartigen Match, klopft ihm am Netz anerkennend auf die Brust und umarmt ihn freundschaftlich. So geschehen im vergangenen Jahr bei seiner Pleite in der dritten Runde von Wimbledon gegen Sam Querrey. So geschehen auch am Donnerstag, nach seinem erneut überraschenden Ausscheiden, diesmal bereits in zweiten Runde von Melbourne. Dort, wo er Rekordsieger ist. Gegen Denis Istomin, Nummer 117 der Welt aus Usbekistan. Es war die erste Niederlage in Melbourne seit 1.094 Tagen für den sechsfachen Sieger. Und sein frühestes Ausscheiden bei den Australian Open seit 2006.

Die Bilder gleichen sich: Novak Djokovic nach seiner Pleite gegen Querrey in Wimbledon (li.) und jüngst gegen Istomin.

Die Bilder gleichen sich: Djokovic nach seiner Pleite gegen Querrey in Wimbledon (li.) und jüngst gegen Istomin.

Das Ungewöhnliche: Im letzten halben Jahr häuften sich diese Bilder. Seit dem dieses eine große Ziel, seinen Kalender-Grand Slam in Paris bei den French Open zu komplettieren, erfüllt ist, erlebt man einen anderen, anfälligeren Novak Djokovic.

Kritische Gedanken über das eigene Spiel? Fehlanzeige

Noch ungewöhnlicher: Den Gegenüber für ein tolles Match zu loben, ist anständig. Das machen Champions so. Was dem Serben aber völlig abgeht, ist die Selbstkritik. Kaum ein Wort über die eigene Leistung, kein Erklärungsversuch für das Ausscheiden. Das überrascht bei einem Perfektionisten wie dem „Djoker“. Ein Auszug aus der Pressekonferenz: „Große Anerkennung für Denis. Er hat verdient gewonnen und war in den entscheidenden Momenten der bessere Spieler.“  Was seine Leistung anging, blieb er wortkarg: „Natürlich bin ich mit meiner heutigen Vorstellung nicht zufrieden. Aber ich muss meinem Gegner gratulieren. Hut ab!“ Weiter: „Es ist wie es ist, ich muss damit klarkommen.“  Djokovic wirkt dabei sachlich, nicht sauer, nicht genervt. Entweder er ist ein guter Schauspieler oder seine Prioritäten haben sich irgendwie verschoben.

Klar, Istomin spielte das Match seines Lebens, das verdient zweifellos Anerkennung. Doch der, der das ermöglichte, war Djokovic. „Novak hat viel zu defensiv und viel zu passiv gespielt“, analysierte Boris Becker, Eurosport-Experte in Melbourne und Djokovic-Coach a.D., der nach dem Match sichtlich überrascht war, ob der Vorstellung seines Ex-Schützlings. „Wir waren perplex über das Nicht-Dasein von Novak.“ Für Becker der entscheidende Punkt, ohne ins Detail zu gehen: Der Fokus von Djokovic scheint derzeit nicht voll auf Tennis zu liegen.

Ernährungs- oder Kopfprobleme wegen Imaz?

Seine Fitness oder Verletzungen scheinen nicht das Problem zu sein – Djokovic wirkt austrainiert wie eh und je. Vielleicht zu austrainiert? Spekulationen über seine Ernährung machten die Runde, wonach er vorrangig nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen würde. Ausgehen würde diese Einstellung von seinem neuen Mental-Mentor Pepe Imaz, der, sagen wir mal, einen etwas anderen Ansatz als Vorgänger Becker verfolgt.

Guru hin oder her. Im fünften Satz gegen Istomin wirkte Djokovic jedenfalls nicht so, als sei er übermäßig körperlich am Ende. Also kann der Fehler im System durchaus woanders liegen. Im Kopf. Vielleicht hat aber Imaz, dessen Motto „Liebe und Frieden“ ist, hier bereits größeren Einfluss genommen. Das wäre zumindest eine Erklärung für Djokovics unkritisches Verhalten nach solchen Niederlagen wie gegen Istomin. Und auch während des Matches: Man wurde das Gefühl nicht los, dass er sich nicht mit aller Macht gegen die Niederlage wehrte. Ist die ehemalige „Maschine“ zu lieb geworden?

Körperlich oder mental: Irgendwo müssen die Formschwankungen des Weltranglistenzweiten herkommen. Beispiel Doha zu Jahresbeginn: Gegen Fernando Verdasco ist Djokovic eigentlich schon ausgeschieden. Er rettet sich mit Ach und Krach inklusive fünf abgewehrter Matchbälle ins Endspiel, um dort in einem hochklassigen Match Andy Murray zu schlagen. Es war sein erster Turniersieg seit Toronto im Juli 2016, der allen Djokovic-Fans Hoffnung für die neue Saison machte, auf einen Neustart, auf den Angriff auf die Spitze. Doch vielleicht müssen sich seine Anhänger damit arrangieren, dass neuerdings nach einem Hoch schneller als gewohnt ein Tief folgt.

Becker: Zu viel gefeiert, zu wenig trainiert

Im Netz stellte man die Frage, ob es die größte Sensation bei einem Major in diesem Jahrhundert sei. Das kann man so sehen. Nur: Hätte Istomin gegen den Djokovic vor zwölf Monaten gewonnen, wäre das gewiss noch sensationeller einzustufen gewesen. Nach den ausbleibenden Siegen in der zweiten Jahreshälfte 2016 kritisierte Becker bereits, dass  „Nole“ etwas zu viel gefeiert und zu wenig trainiert habe. Auch private Probleme spielten eine Rolle.  2017 sollte ein Neustart sein. Der muss nun auf Februar verschoben werden. Djokovics Ziel muss es jetzt sein, wieder die alte Gier nach neuen Zielen zu entwickeln. Ob ihm das mit Imaz so gut gelingt, wie seinerzeit mit Becker, ist offen. Auch wenn es Djokovic verneint: Stand jetzt hat er die neue Motivation nach seinem Karriere-Grand Slam noch nicht gefunden.

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