Roger Federer: Dauer-Darling der Fans

Als Roger Federer nach der Niederlage gegen Milos Raonic im Halbfinale von Wimbledon Anfang Juli den Platz verließ, ahnte noch niemand, dass dies sein letzter Auftritt im Tennisjahr 2016 war. Federer klinkte sich aus, gönnte Rücken und Knie eine halbjährliche Auszeit und verschwand von den Courts dieser Welt. Olympia, US Open, das nun laufende ATP World Tour-Final in London – alles ohne Federer.

Der wanderte lieber durch die Schweizer Berge, genoss das Familienleben und bereitet sich nun intensiv auf die neue Saison vor. 2016 spielte er nur sieben Turniere (Match-Bilanz 21:7 Siege), gewann zum ersten Mal seit 2000 keinen Titel, rutschte aus den Top 10 und steht jetzt nur noch auf Platz 16 im Ranking. Seit seinen Anfängen als Profi war Federer noch nie so wenig präsent auf der ATP Tour.

Abwesenheit schadet Federer nicht

Das Verrückte dabei: Seiner Beliebtheit, seinem Status als globaler Sport-Superstar, schadet das alles überhaupt nicht – im Gegenteil. Bei der Wahl zum beliebtesten ATP-Spieler des Jahres, den die Fans via Web-Voting bestimmen können, gewann Federer zum 14. Mal in Folge. Er ist der Dauer-Darling der Fans.

Er erhielt 56 Prozent der abgegebenen Stimmen. Andy Murray und Rafael Nadal folgen mit weitem Abstand. 2002, vor Tennis-Urzeiten also, war er zuletzt nicht der „Fan’s-Favourite“. Damals stand der Russe Marat Safin in der Gunst der Fans ganz oben. Zum elften Mal erhielt Federer auch den „Stefan Edberg Sportsmanship Award“, womit das faire Verhalten eines Spielers honoriert werden soll. Das Besondere dabei: Es sind die ATP-Profis selbst, die über diese Ehrung abstimmen.

Federer glänzte 2016 durch Abwesenheit, aber die Sympathien der Fans und der Profikollegen fliegen ihm trotzdem zu. Es ist anzunehmen, dass er die Awards auch bekommen hätte, wenn er 2016 kein einziges Match bestritten hätte. Das Label „Federer“ hat sich von dem Spieler Roger Federer längst entkoppelt.

Roger Federer

Bild mit Symbolcharakter? Federer am Boden im Halbfinale von Wimbledon 2016, das er gegen Milos Raonic verlor.

Allein der Name sorgt für ekstatische Erregungszustände – nicht nur bei den Fans. Der US-Wirtschaftsdienstleister „Forbes“ taxierte den Wert der Marke „Federer“ jüngst auf 37 Millionen Dollar. Heißt: Der 35-Jährige ist 2016 trotz seiner Inaktivität der wertvollste Athlet der Welt – vor US-Basketballstar  LeBron James (34 Millionen), Golfer Phil Mickelson (28 Millionen) und Leichtathlet Usain Bolt (25 Millionen). Der Vollständigkeit halber: Cristiano Ronaldo (19 Millionen) folgt als bester Fußballer erst auf Platz sechs.

Die Konkurrenz kann machen, was sie will

Für seine Konkurrenten bedeutet das: Egal, wie sehr sie sich anstrengen, wie viele Titel sie noch holen und wie gut sie spielen werden – in Sachen Popularität kommt keiner von ihnen an Federer vorbei. Andy Murray eroberte sich durch einen fantastischen Lauf im Spätsommer und Herbst den ersten Platz der Weltrangliste, aber der Jubel der globalen Tennis-Community fiel – gelinde gesagt – verhalten aus. Novak Djokovic schaffte in Paris mit seinem vierten Majortitel in Serie etwas Historisches, doch die Anerkennung dafür war überschaubar. Nicht auszudenken, was los wäre, wenn Federer derartige Leistungen auf seine alten Tage noch einmal abrufen würde.

Sicher, Federer hat sich den Respekt der Fangemeinde und seiner Kollegen vor allem selbst erarbeitet. Er hat es geschafft, die Schönheit des Spiels, diese „Poesie der Bewegung“, wie es der US-Autor David Foster Wallace einmal schrieb, nicht nur mit Siegesserien, Erfolgen und Triumphen zu vereinen – sondern auch mit Fairness, Höflichkeit und Ehrlichkeit.

Dafür gebührt ihm zurecht so viel Anerkennung. Dennoch ist es erstaunlich, wenn die sogenannten „Federer-Momente“ auf dem Platz seltener werden und auch große Triumphe ausbleiben, dass die Wertschätzung für Federer weiter ansteigt. Sich als Profi lossagen zu können von sportlichen Erfolgen, ohne an Ansehen zu verlieren, ist eine Kunst, die nur eine Handvoll Sportler überhaupt beherrschten.

2017 wird Federer wieder spielen. Am Ende des nächsten Jahres wird er – dafür muss man kein Prophet sein – wieder zum „Fan’s-Favourite“ gewählt werden. Und wenn irgendwann der Tag X kommt und Federer seinen Rücktritt erklärt, wird es Initiativen und Online-Petitionen dafür geben, einen Federer im Ruhestand noch immer zum Spieler des Jahres zu wählen.

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