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Warum der Davis Cup nur im Livestream läuft

Wenn am diesem Wochenende im dominikanischen Santo Domingo die Davis Cup-Relegation zwischen der Dominikanischen Republik und Deutschland stattfindet, wird davon im klassischen TV nichts zu sehen sein. Die ProSiebenSat1-Gruppe, die mit dem Deutschen Tennis Bund 2013 einen Zehn-Jahres-Vertrag zur Übertragung aller Davis- und Fed Cup-Spiele abschloss, lagert die Partie auf ihren Online-Ableger ran.de aus. Dort (und auf tennis.de) wird das Abstiegsspiel kostenlos und in voller Länge zu sehen sein. Kommentator ist Experte Matthias Stach, der die Begegnung allerdings von Deutschland aus verfolgt. Ein Team der Sendergruppe ist nicht vor Ort. Es wird keine Interviews mit den deutschen Spielern geben, keine Hintergrundberichte. Beim TV-Sender Sat.1-Gold, wo zuletzt immer die deutschen Tennis-Nationalmannschaften parallel zum Livestream zu sehen waren, wird kein Tennis gezeigt. Stattdessen begnügt man sich dort mit der x-ten Wiederholung gängiger Uralt-Formate. „Diagnose Mord“ oder „Mord ist ihr Hobby“ werden auf der Resterampe angeboten, während die deutschen Profis um den Klassenerhalt kämpfen.

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FREUNDLICHE GASTGEBER: Die Dominikanische Republik hofft auf ein Tenniswunder gegen Deutschland.

„Schmalspur-Übertragung“ ein Skandal?

Man kann sich nun über die „Schmalspur-Übertragung“ aufregen und sie zum Skandal erklären: Ein Spiel der deutschen Davis Cup-Mannschaft und im Fernsehen läuft nichts – Frechheit! Oder man freut sich, dass immerhin via Internet jeder Ballwechsel zu sehen ist. Deutsches Herrentennis, so viel sollte jedem Fan klar sein, ist längst kein Straßenfeger mehr. Im Gegenteil: Die Zuschauerzahlen sind besorgniserregend. Als im März das Heimspiel gegen Frankreich stattfand und Sat.1-Gold aus Frankfurt übertrug, schauten am Freitag anfangs zwar noch knapp über 100.000 Fans zu. Beim zweiten Einzel waren es aber nur noch 80.000 und das Doppel am Samstag verfolgten gerade einmal 20.000 Zuschauer vor ihren Fernsehgeräten. Das entsprach einem Marktanteil von 0,2 Prozent, was selbst für den Mini-Sender Sat.1-Gold eine unterirdische Quote ist. Es ist also nicht sonderlich überraschend, dass ProSiebenSat1 von ihrem Vertragsrecht Gebrauch macht und ein Davis Cup-Auswärtsspiel nicht im Fernsehen zeigt. Ein Heimspiel müsste die Sendergruppe dagegen im Free-TV ausstrahlen.

Die Verantwortlichen von ProSiebenSat1 kommentieren die Quoten und auch die Livestream-Strategie für das Play-Off-Match in der Dominikanischen Republik nicht. Ein Sendersprecher ließ lediglich mitteilen, dass es „alle Matches im kostenlosen Livestream gibt“. Als kleines Extra ist parallel dazu das Davis Cup-Halbfinale zwischen Großbritannien und Australien in einem zweiten Livestream abrufbar. Zur Entscheidung, auf eine TV-Übertragung zu verzichten, heißt es: „Aus programmstrategischen Gründen.“ Es ist nicht viel Aufwand erforderlich, um diese Gründe genauer zu benennen. Sat.1-Gold erreicht mit der Wiederverwertung gut abgehangener Serienhits aus der eigenen Konserve einfach wesentlich bessere Quoten. Die Pseudo-Doku-Formate „Niedrig und Kuhnt – Kommissare ermitteln“ und „K11 – Kommissare im Einsatz“, die heute Abend parallel zum zweiten Einzel auf Sat.1-Gold ausgestrahlt werden, wurden jüngst von 550.000 bzw. 610.000 Zuschauern angesehen. Der Brachendienst DWDL sprach von „echten Primetime-Hits“ angesichts der Quoten, die bei 2,8 bzw. 3,1 Prozent lagen.

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  1. Volker

    es mag ja sein, dass die Einschaltquoten sehr niedrig sind; was ich auf der anderen Seite nicht
    nachvollziehen kann, warum auf den Sportkanälen stundenlang zB. Billardspiele oder Sommerski-
    Springen übertragen wird, was bestimmt nicht für tolle Quoten sorgt.

  2. Tennisfan

    Das war ein sehr guter Hintergrundbericht. Besser geht’s kaum.
    Das die Erfolge und Talente im Herrentennis immer weniger werden, ist vielen Ursachen geschuldet. Als der DTB noch Geld hatte, wurde in Bauten (siehe Hamburg) statt in die Jugendarbeit investiert. Auch die dezentralen Strukturen im DTB sind einer gute Jugendarbeit abträglich. Der demografische Wandel und die Schulreformen (z.B. Ganztagsschule) tragen ihren Anteil bei. Und auch die immer stärkere Verschiebung des öffentlichen Interesses mit seinen Folgewirkungen (z.B. rückgängige Sponsorengelder und Fernsehzeiten) in Richtung Fußball macht Tennis ebenso wie vielen anderen Sportarten zu schaffen.


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