Next Gen ATP Finals

Was taugen die neuen Regeln der Next Gen ATP-Finals?

Die ATP wollte mit den neuen Regeln bei den Next Gen ATP-Finals das Erlebnis „Tennis“ in der Halle und vor dem Bildschirm verbessern. Basierend auf umfangreichen Befragungen. Uns hat aber niemand gefragt. Was wir als Sandplatzgötter natürlich so nicht auf uns sitzen lassen können. Deshalb hier unsere wiederum von der ATP komplett ungefragte Beurteilung der für uns wichtigsten Änderungen.



Hawk-Eye statt Linienrichter

Schlüssige Argumente dagegen sind schwer zu finden. Wenn jede Entscheidung auf den Millimeter genau mit elektronischer Hilfe getroffen wird, führt das definitiv dazu, dass Tennis im Spitzenbereich gerechter wird und es weniger Fehlentscheidungen gibt. Ähnlich wie bei der Challenge in ihrer jetzigen Form ergeben sich aber wieder neue Ungerechtigkeiten, falls das System nicht auf allen Plätzen und damit bei allen Matches eines Turniers eingesetzt wird.

Das Götter-Urteil: Vielleicht bleiben die Sandplätze der Welt ein Hort für Sentimentale, Traditionalisten und sentimentale Traditionalisten, weil dort das Hawk-Eye bisher weniger gut funktioniert und nicht eingesetzt wird. Auf allen anderen Belägen werden Linienrichter aber über kurz oder lang ein Auslaufmodell sein, weil echte Argumente dagegen fehlen.

Free-Movement-Policy

Die Eingänge bleiben nicht bis zum Seitenwechsel geschlossen, man kann auch im laufenden Spiel das Stadion betreten und verlassen. Ist dem Fernsehzuschauer herzlich egal und die Spieler werden sich wahrscheinlich auch daran gewöhnen. Es ist auch für den Zuschauer vor Ort durchaus nervig, wenn man am Eingang gefühlt ewig auf den Einlass warten muss, weil ein Aufschlagspiel diverse Male über Einstand geht. Oh. Viele Male Einstand gibt es ja im Zweifel gar nicht mehr. Das Argument schwächt sich im Zusammenspiel mit „No-Ad“ also schon wieder ab.

Was uns bei der Diskussion um diese Regel aber vor allen Dingen ein wenig fehlt, ist der Blickwinkel des Zuschauers, der schon brav auf seinem Platz sitzt und einfach ein komplettes Tennisspiel live genießen will. Der „darf“ jetzt auch während des laufenden Ballwechsels aufgrund der Enge in den meisten Stadien immer aufstehen, wenn andere Zuschauer zu ihren Plätze in der gleichen Sitzreihe gelangen wollen. Während er sie durchlässt, sieht er nichts vom Match. Er sieht auch nichts vom Spiel, wenn sie dann wieder zurück zum Getränkestand wollen. Und er sieht auch nichts vom Spiel, wenn das gleiche in der Reihe vor ihm passiert, weil dann dort aufgestanden werden muss. Das ist eine Verbesserung?

Das Götter-Urteil: Würde dem Tennissport nicht entscheidend schaden, ob es allerdings vor Ort nicht auch einen gehörigen Teil der Zuschauer schwer auf die Nerven geht, wagen wir zu bezweifeln. Wir möchten jedenfalls lieber in Ruhe Tennis gucken, als regelmäßig „‘Tschuldigung, darf ich mal durch?“ zu hören.

Die Shot-Clock

Ein klar definierter Zeitraum zwischen den Aufschlagspielen sorgt für mehr Gerechtigkeit und weniger Willkür auf der ATP-Tour. Diese Zeit nicht zu lang werden zu lassen, ist auch ein Kontrapunkt in Bezug auf die körperliche Belastung zu den kürzeren Sätzen. Allerdings: Bei den allermeisten Tennisspielen auf der Welt unterhalb der höchsten Profi-Ebene, wird es eine Shot-Clock in absehbarer Zeit nicht geben.

25 Sekunden sind auch echt kurz, wenn man in der Verbandsliga vor dem Aufschlag erst einen von drei vorhandenen Bällen vom Gegner bekommen  und den anderen aus dem Gebüsch holen muss. Im gesamten Spielbetrieb ohne Balljungen und –mädchen bleiben die Spielpausen also tendenziell so lang wie bisher. Schafft man in diesem Bereich trotzdem die Vorteils-Regel ab und spielt kürzere Sätzen, reduziert man die körperliche Komponente des Spiels überproportional. Spielt man nur außerhalb der Profi-Ebene weiter nach den alten Regeln, entfernt sich das Profitennis ungesund weit vom Amateursport.

Das Götter-Urteil: Im Profisport muss tatsächlich eine überprüfbare Regelung her. Schiedsrichter-Augenmaß ist bei eigentlich klar definierten Zeiten fehl am Platz. Die Zeit sollte aber so gewählt sein, dass man trotzdem auch lange Sätze noch spielen kann.

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  1. SCHWAMBORN Dirk

    Die No-Ad-Regel finde ich okay, da schon bei 30:30 sich nur durch den nächsten Punkt für mich 40:30 und dann mit dem den nächsten gewonnen Punkt das Spiel für mich sich dann entscheidet. Also bei 1. Einstand geht es schon in die Vorteilsphase. Nur sollte bei 2. Einstand 40:40 der Aufschläger festlegen von welche Seite er aufschlägt. Bei den Grand Slams sollte im 5 Satz bei 6:6 nur noch Tiebreak gespielt werden.

  2. Stefan Höfel

    Sehr guter Kommentar! Ein Vorteil hat die Fast4-Regel schon, da der Gewinner des ominösen 7. Spiels immer auch den entsprechenden Satz gewinnt! 🙂
    Während man also im Tennis verkürzen will, hat man das nicht schon bei den Endspielen in Monte Carlo, Rom, Paris-Bercy,… gemacht, ja selbst bei der WM(!), wird zum Beispiel im Fußball durch die Einführung von Videobeweis das Spiel bzw. die Übertragungszeit länger.
    Irgendwie ist Tennis schon „schlecht genug“ geworden, z. B. Präsenz in ARD und ZDF. Und Fußball war auch besser, als in Liga 1 alle Spiele zeitgleich am Samstag um 15.30 Uhr waren.
    Europapokal war Mittwoch. Und Länderspiele nicht am Dienstag und Freitag!

  3. Christian

    Ich frage mich immer, was das tatsächliche Ziel hinter all diesen Bestrebungen ist. Meine dumpfe Vermutung ist die, dass es halt wie bei vielen Sportarten (u.a. Fußball) ist, Gewinnmaximierung durch noch höhere Werbeeinnahmen.
    Aber dem Argument der Moderinisierungsbestrebungen (vorausberechenbare Zeiten) kann ich nicht so ganz folgen. Schaut man sich die Dauer der Matches in Mailand an, liegen sie auch bei einer bis zweieinhalb Stunden. Das entspricht im Prinzip einem schnellen Zwei-Satz-Match (eine Stunde) oder einem längeren Drei-Satz-Match. Also hat man hier nichts gewonnen (4:1, 4:1 und 4:2, entspricht halt auch von der Anzahl der Spiele einem 6:2, 6:2). In so einem Match kommt dann auch wenig Spannung auf. Wenn es in einem langen bisherigen Match 5:7, 6:4, 7:6 ausgeht ist es nach meiner Meinung auch in den Sätzen spannend, weil ein Satz immer mal kippen kann, Break-Chancen da sind, Re-Breaks passieren oder erst mal das Aufschlagspiel nach einem Break gehalten werden muss. Hast du aber bei 3:1 das Break gemacht, ist der Satz womöglich schon rum, weil sich der zurückliegende Spieler denkt, versuch ich den nächsten Satz zu holen.

    Einzig die No-Ad-Regel kann hier wirklich was bringen. Das mit dem Netzaufschlag ist aus meiner Sicht bezüglich der gewonnen Zeit tatsächlich zu vernächlässigen. Wie oft kommt das pro Satz vor. Ich schätze so 3-5 Mal insgesamt bei beiden Spielern zusammen, macht vielleicht ein bis zwei Minuten pro Satz, also wirklich zu vernachlässigen.

    Wenn die Reformen zu wirklich deutlich kürzeren und berechenbarerern Spieldauern führen soll, darf man auch nur zwei Sätze bis 4 spielen und den dritten als Match-Tiebreak (Tiebreak bis 10). Dann liegt man vermutlich immer bei 45-60 Minuten, besonders umkämpfte Spiele (4:3, 3:4, 10:8) können schon mal an die 90 Minuten gehen.
    So ein ähnliches Format habe ich in einer inoffiziellen Hallenrunde vor vielen Jahren mal gespielt, wobei es dort den Tie-Break erst bei 4:4 gab, es konnte also auch ein 5:3 geben, ähnlich wie dem 7:5 jetzt. Hauptgrund war hierbei tatsächlich der Zeitaspekt (Winter, Halle, nachfolgende Mannschaften). Das war als Spätstarter schon immer schwierig, aber daran kann man sich gewöhnen.

    Insgesamt bin ich aber dafür, die Zählweise so wie sie jetzt ist, beizubehalten. Netzaufschlag und No-Ad-Regel kann man einführen.


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