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Justine Henin: Müde vom Tennis

Die beste Tennisspielerin der Welt hat am Mittwoch in Brüssel überraschend ihren Rücktritt verkündet. Justine Henin zieht sich wenige Tage vor ihrem 26. Geburtstag am 1. Juni mit sofortiger Wirkung aus der Szene zurück, die sie fünf Jahre lang nach Belieben beherrschte. Persönliche Gründe, von Henin nicht näher definiert, seien ausschlaggebend für die Entscheidung der Belgierin, die im Frauen-Tennis eine große Lücke hinterlässt. Sie ist damit die erste Nummer eins in der Geschichte, die ihren Rücktritt bekannt gibt.



„Das ist ein wichtiger Tag in meinem Leben. Ich weiß, dass es für viele Leute ein Schock und eine Überraschung ist“, sagte Henin und ergänzte: „Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr die Motivation habe, jeden Tag zu trainieren und auf dem Platz zu stehen. Natürlich werde ich Tennis vermissen, aber ich werde andere Sachen machen.“ Der Weltranglisten-Erste der Männer, Roger Federer, nahm die Nachricht vom Rücktritt der Belgierin überrascht auf. „Das ist ein Schock für die Tenniswelt“, sagte der 26-Jährige am Rande des ATP-Turniers in Hamburg, „ich hoffe, sie hat für ihren Entschluss sehr gute Gründe, damit sie ihn nicht eines Tages bedauert.“

Wiedersehen mit Bruder David

Die vielleicht entscheidende Wende nahm das Leben von Justine Henin an einem sonnigen Tag im Mai 2007. Ihr Arzt hatte ihr geraten, einen Asthma-Spezialisten aufzusuchen – in der Lütticher Klinik, in der 1995 ihre Mutter Francoise an Krebs gestorben war. Als Henin den Eingangsbereich der Klinik betrat, überwältigten sie die bösen Erinnerungen: „Ich wollte schon auf dem Absatz kehrtmachen, da sagte mir jemand, dass mein Bruder David auf der Intensivstation im Koma liegt.“ David Henin kämpfte nach einem schweren Autounfall um sein Leben. Justine, seit ihrer Jugend von ihren drei Geschwistern und ihrem Vater getrennt, eilte an sein Bett und blieb dort, bis David die Augen wieder öffnete. „Ich habe gedacht, ich bin schon in einer anderen Welt“, erzählte der 19-Jährige später, „ich hatte meine Schwester immer nur im Fernsehen erlebt, und plötzlich saß sie an meinem Bett.“

Das dramatische Ereignis mit dem glücklichen Ende führte die Familie wieder zusammen, auch Justine und ihren Vater Jose, dem sie lange Jahre vorgeworfen hatte, ihre Mutter schlecht behandelt und sie selbst immer wieder gedemütigt zu haben. Als Henin im Juni 2007 zum dritten Mal hintereinander und zum vierten Mal insgesamt die French Open gewann, saß ihre komplette Familie im Stadion Roland Garros auf der Tribüne und feierte. Vergessen war die schwere Zeit der Scheidung von ihrem Ehemann Pierre-Yves Hardenne im Januar 2007, endlich wirkte die oft so introvertierte Henin locker und gelöst.

Die Dominanz war nicht mehr zu spüren

Ihre wiedergefundene Familie gab möglicherweise den entscheidenden zum Rücktritt. Sie wolle nun auch andere Ziele in ihrem Leben suchen und finden als nur Erfolge im Sport, hatte Justine Henin noch in der Vorwoche erklärt, als sie bei den German Open in Berlin im Achtelfinale an der späteren Turniersiegerin Dinara Safina gescheitert war.

Schon länger war auf den Centre Courts nicht mehr die dominante Henin vergangener Jahre zu sehen. Immer häufiger verlor die Belgierin in frühen Runden. Ihr Trainer Carlos Rodriguez, dem sie seit ihrem 14. Lebensjahr die Treue gehalten hatte, vermutete etwas anderes als ein sportliches Tief hinter der Entwicklung. Er sagte: „Justine ist müde vom Tennis, sie möchte endlich das tun, was sie seit über zehn Jahren vernachlässigt: Leben.“

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