2017 Wuhan Open – Day 4

Mail aus Wuhan: Die Barty-Party

tennis MAGAZIN ist in dieser Woche bei den Wuhan Open vor Ort und berichtet vom Damenevent in der chinesischen Metropole, das im Rahmen des „Asia Swings“ ausgetragen wird.



Lediglich vier Matches standen heute, einem verregneten Freitag, in Wuhan auf dem Spielplan. Viermal Halbfinale, zwei im Einzel, zwei im Doppel. Viermal Centre Court – und der hat glücklicherweise ein Dach!

Gleich bei zwei Halbfinals, und das ist bemerkenswert, wirkte die junge Australierin Ashleigh Barty mit. So war es zumindest geplant, aber dazu später mehr. Bis dato war es eine Barty-Party in Wuhan, die spätestens nach dem gestrigen Dreisatz-Krimi gegen Karolina Pliskova so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Barty, 21, ein neues Gesicht für die Top Ten? Gut möglich!

Das jedenfalls ist nach dieser Woche keine gewagte Prognose mehr. Schließlich wird sie dank ihres Finaleinzugs nächste Woche bereits unter den 25 besten Profis geführt. Und das völlig zurecht. CiCi Bellis (WTA #39): geschlagen. Johanna Konta (#7): geschlagen, Agnieszka Radwanska (#13): geschlagen.  Pliskova (#4): geschlagen. Heute wartete dann French Open-Champion Jelena Ostapenko (#10), die letzte Verbliebene der Setzliste.  Ergebnis: 6:3, 6:0 Barty. Ab der zweiten Runde mal eben vier Top 15-Spielerinnen nach Hause geschickt – wenn das kein Lauf ist!

Was es noch herausragender macht: Außer gegen Pliskova gewann Barty in jedem Match einen Satz mit 6:0! Okay, Ostapenko war heute im zweiten Durchgang nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte (ließ sich zwischenzeitlich auch wegen Schwindel behandeln), als sie von Barty die Höchststrafe kassierte. Dennoch: Barty war in jeder Partie, außer zum Auftakt gegen Bellis, die klare Außenseiterin.

Barty: „Opfer meines eigenen Erfolges“

Wimbledon-Juniorchampion mit 15: Barty hat früh Erfolg. Zu früh.

Die Saison hat das nur 1,66 Meter große Kraftbündel übrigens als Nummer 271 begonnen. Bereits jetzt dürfte ihr der Titel als Aufsteigerin des Jahres nicht mehr zu nehmen sein. Die 21-Jährige befindet sich, wenn man so will, bereits in ihrer zweiten Karriere. In ihrer ersten wird sie Wimbledonsiegerin bei den Junioren 2011. Sie macht früh durch gute Resultate auf sich aufmerksam – vor allem im Doppel, wo sie 2013 mit ihrer Dauerpartnerin und Landsfrau Casey Dellacqua gleich drei (!) Grand Slam-Endspiele erreicht. Barty nimmt auch im Einzel an den Majors teil, spielt für ihr Land im Fed Cup. Es könnte kaum besser laufen. Doch es läuft zu gut.

Über diesen Abschnitt in ihrem Tennisleben sagt sie später: „Ich war Opfer meines eigenen Erfolges. Es passierte einfach alles zu schnell.“

Barty hörte mit Tennis auf und spielte Cricket

So schnell, dass sie sich eine Auszeit nimmt und – Cricketspielerin wird! Für das Team Brisbane Heat spielt sie in der Saison 2015/16 professionell. Ihr gefalle die Kameradschaft in einer Mannschaft besser, als die isolierte Lebensweise auf der WTA-Tour, heißt es damals.

Abstecher zum Cricket: Multitalent Ashleigh Barty spielte 2015/16 für die Brisbane Head. © Queensland Cricket

Sie kehrt dennoch zurück. Beim ITF-Turnier in Eastbourne und nach eineinhalb Jahren Cricket-Pause, ist sie im Juli 2016 wieder da. Aus dem Nichts marschiert sie aus der Qualifikation mal eben ins Halbfinale. Gleiches Spiel beim direkt anschließenden Turnier von Nottingham, dem ersten auf WTA-Level. Diesmal stoppt sie erst Karolina Pliskova im Viertelfinale in zwei denkbar knappen Sätzen (6:7, 6:7). Nach Wimbledon, wo sie in der zweiten Qualifikationsrunde ausscheidet, erreicht sie wieder das Viertelfinale bei einem 125.000 Dollar-Turnier, muss dort aber wegen einer Bauchmuskelverletzung aufgeben. Saison und vielversprechendes Comeback frühzeitig beendet.

Zum Jahresbeginn 2017 kommt sie erneut zurück, steht jenseits der 250. Ziemlich genau zehn Monate später hat sie die Top 25 geknackt. Was für eine Geschichte! Und sie könnte noch besser werden.

Barty: „Ich flippe nicht allzu oft aus.“

Barty ist die Ruhe selbst. Sie blickt drein, als könne sie nichts erschüttern. Ihre Siege feiert sie vornehmlich mit zusammengepressten Lippen, wobei die leicht nach oben geschobenen Mundwinkel ein leichtes Lächeln vermuten lassen. Sie beschreibt das so: „Ich bin ein gelassener Mensch, flippe nicht bei all zu vielen Dingen aus.“ Das kann man so sagen.

Auch ihr Spiel ist ziemlich ansehnlich. Aufgrund ihrer Variabilität, die sie aus dem Doppel mit reinbringt, wurden bereits stylistische Vergleiche zu Martina Hingis gezogen. Es ist erstaunlich, wie sie ihre vergleischweise kleine Größe kompensiert. Gegen Ostapenko servierte sie heute sieben Asse, im bisherigen Turnierverlauf 31. Für nur 1,66m nicht so schlecht. Trainiert wird sie von Landsmann Craig Tyzzer und auch Ex-Profi Jason Stoltenberg zählt zu ihrem Team.

Ashleigh Barty zieht durch: "Mir gehen die Bälle zur Zeit gut vom Schläger", sagt sie.

Ashleigh Barty zieht durch: „Mir gehen die Bälle zurzeit gut vom Schläger“, sagt sie.

Ach ja: Das Halbfinale im Doppel sagte Barty übrigens eine halbe Stunde nach ihrer Pressekonferenz ab. Die ersten Auswirkungen ihres zunehmenden Erfolges im Einzel! Morgen also nur ein Endspiel für sie – gegen Caroline Garcia. Damit hatten auch nur wenige gerechnet. Ob Sieg oder Niederlage – es wird der Barty-Party von Wuhan keinen Abbruch tun. Oder wie sie es selbst formuliert: „So oder so – es war eine verflucht gute Woche!“ Das kann man so gelten lassen.

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