Nick Kyrgios

Nick Kyrgios vor den Australian Open exklusiv: Reifen vor einer ganzen Nation

Nick Kyrgios im Gespräch mit tennis MAGAZIN vor Beginn der Australian Open. 



Aus Melbourne berichtet Jannik Schneider. 

Nick Kyrgios befindet sich vor seinem Erstrundenmatch bei den Australian Open in Melbourne mitten in einer längst nicht nur tennisspezifischen Entwicklung. Der öffentlich wahrnehmbare Reifeprozess scheint vor allem in seiner frischgegründeten Stiftung begründet. Doch reicht das für den dauerhaften Durchbruch? Gegenüber tennis MAGAZIN gibt die größte heimische Hoffnung exklusiv vor Ort Auskunft.

Vor wenigen Tagen hat Alexander Zverev Journalist gespielt – gewissermaßen zumindest. „Nick, bist Du zufrieden mit deiner Weltranglistenposition oder hältst Du nach der Nummer eins Ausschau?“, fragte die aktuelle Nummer vier der Welt die 17 im Ranking im Umkleideraum während des kurzweiligen Tiebreak Tens kess.

Kyrgios antwortete mit seiner gewohnt lässigen australischen Attitüde, dass er sich darum nicht schere. „Ich bin zufrieden dort, wo ich gerade bin“, entgegnete der 22-Jährige und fand sich wenige Minuten später prominent platziert auf der sozialen Plattform Instagram wieder. Zverev hatte das Video, in dem es auch um den Talentfaktor der beiden ging, kurzerhand hochgeladen.

Jannik Schneider traf Nick Kyrgios vor Beginn der Australian Open.

Bei Fans und Beobachtern wurde die kurze Kumpelei der beiden aufstrebenden Superstars gerne aufgesaugt. Sie stand und steht aber auch sinnbildlich für zwei ganz konträre Charaktere der ATP-Tour. Auf der einen Seite der vor Ehrgeiz des Öfteren ungeduldige Zverev, dem der Durchbruch auf Grand Slam-Ebene wohl insgeheim gar nicht schnell genug gehen kann. Und auf der anderen Kyrgios, der beim oft monotonen Ablauf der Tour bereits das ein ums andere Mal Motivationsprobleme gezeigt hat. Für letzteres scheint der Australier zumindest vorerst ein Gegenmittel gefunden zu haben.

„Die Stiftung ist nicht erst seit 2018 eine riesengroße Portion Extra-Motivation“, erklärt die australische Nummer eins am Rande einer Werbeveranstaltung exklusiv gegenüber tennis MAGAZIN. Zwischen seinem persönlichen Ende beim Happy Slam und dem nur eine Woche nach dem Finale stattfindenden Davis Cup in Brisbane ausgerechnet gegen Deutschland wolle er sich erneut persönlich ein Bild von der Situation vor Ort machen. „Ich will wirklich genau wissen, was da los ist – mich damit auseinandersetzen“, berichtet Kyrgios. Seine Augen werden bei diesem Thema größer, seine Antworten ausführlicher. „Gleichzeitig versuche ich einfach, meine Unterstützung und meine Gedanken für dieses Projekt in Energie auf dem Tennisplatz umzumünzen.“

Training mit Krebspatienten als Schlüsselmoment

Was vor einem Jahr ausgerechnet bei den Australian Open während einer öffentlichen Trainingseinheit mit einem krebskranken Jungen begann, und sich bei einem Krankenhausbesuch von schwerkranken Kindern in Frankreich fortsetzte, ist mittlerweile nahezu fließend in eine öffentliche Nick Kyrgios Foundation ansässig in Melbourne übergegangen. „Hier sollen Kinder und Jugendliche, die es nicht so einfach haben, zusammenkommen, chillen, Basketball spielen – einfach eine gute Zeit haben.“ Den Fortschritt in Melbourne verfolge er nicht nur während seiner Zeit beim Happy Slam mit mehr als einem Auge. Das betont er mehr als einmal.

Sportlich scheint das dem hochveranlagten Rechtshänder gut zu Gesicht zu stehen.  Kyrgios trifft in den ersten Tagen des Jahres permanent richtige Entscheidungen auf dem Platz – folgerichtig der Turniersieg in Brisbane zum Jahresauftakt. Für den Australier war es der erste Erfolg auf heimischem Boden und der erste Sieg seit Tokio 2016.

„Mit meinem Ranking ist wirklich alles in Ordnung“

In der öffentlichen Wahrnehmung, und dabei gibt sich Kyrgios in diesen Tagen sichtbar Mühe, ploppen nur noch zwei Themen auf: seine Foundation und seine ansteigende Form. Nebenschauplätze wie das Zverev-Video auf Instagram lächelt er weg: „Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mal mehr genau erinnern, was ich zu ihm gesagt habe.“ Beim nochmaligen Anschauen lacht er dann verschmitzt und ergänzt. „Ah ja, stimmt. Naja, ich wusste nicht, dass er aufnimmt in diesem Moment. Aber mit dieser Situation und auch mit meinem Ranking ist wirklich alles in Ordnung. Darum mache ich mir wenig Gedanken.“

Von Dominic Thiem sind die Worte überliefert: Spieler, die sagen, sie kümmern sich nicht um Rankings, Setzungen und Auslosungen, die lügen. Punkt. Ganz einfach. Bei Kyrgios lässt sich konstatieren: Es schert ihn wohl zunächst mal wirklich nicht. Und bei all dem vorbildlichen, öffentlichen Fokus auf die neue Stiftung, nimmt sich Kyrgios auch immer wieder fast schon kindliche Auszeiten.

Mal post er lässig mit seinem Bruder im Bentley an einer Melbourner Kreuzung. Bei der Veranstaltung seines Schlägerherstellers nutzt er jede freie Sekunde, um mit Frances Tiafoe gestenreich und frotzelnd über die NBA zu diskutieren (zur Veranstaltung ist er mit einem Sweater seiner Lieblingsfranchise, den Boston Celtics, erschienen) oder Belinda Bencic mit einem Tennisball abzuschießen.

Kindliche Auszeiten gehören dazu

Auch das ist Nick Kyrgios in diesen Tagen. Das einstige Enfant terrible hat vorübergehend einen gesunden Mittelweg samt sportlichem Antrieb gefunden. Und wie das bei prominenten, jungen Sportlern so ist: Die ganze Welt darf bei der Entwicklung zuschauen.

John McEnroe, wahrlich kein Fürsprecher des Australiers, ließ sich neulich in einer Presserunde gar zu der Aussage hinreißen, Kyrgios sei der talentierteste Spieler der vergangenen zehn Jahre, Ballgefühl und Übersicht seien unvergleichlich.

Und Kyrgios selbst? Der retweetete das Ganze prompt auf Twitter. Darauf angesprochen, wollte er diese Aussagen aber nicht mehr all zu hoch hängen. „Zunächst mal waren es sehr schöne Aussagen von John McEnroe, über die ich mich sehr gefreut habe. Ob das so ganz genau stimmt, wird die Zukunft zeigen. Es gibt eine Reihe junger Spieler mit richtig viele Talent – und auch Übersicht.“

Der talentierteste Spieler der letzten 10 Jahre?

Einer davon ist mit Sicherheit Denis Shapovalov. Der hat nicht nur den gleichen Schlägerausrüster wie Kyrgios. Der Kanadier wurde ganz in die Nähe zu Kyrgios ins obere Tableau gelost. In der dritten Runde könnte es zum Duell der beiden kommen. Vorher müsste Shapovalov aber noch einen gewissen Jo-Wilfried Tsonga ausschalten.

„Ob ich gegen Tsonga oder Shapovalov in Runde drei spielen würde, ist mir generell eigentlich egal. Aber Denis ist einer der aufstrebenden, nächsten Stars. Er macht seine Sache ausgezeichnet. Wenn ich es mir genau überlege, wäre es gegen ihn doch bestimmt ein interessantes Spiel. Aber jetzt geht es erst mal darum, den Australiern eine gute erste Runde zu liefern.“

Dort wartet zunächst am Montag (das letzte Spiel in der Hisense Arena) der Brasilianer Rogerio Dutra Silva; anschließend eher Victor Troicki als sein australischer junger Landsmann Alex Bolt. Zumindest wurden im exklusiven Gespräch mit tennis MAGAZIN die einzelnen Möglichkeiten durchgegangen. Ob er sie vorher schon kannte, wurde nicht ersichtlich. Aber das ist irgendwie auch das Schöne an Nick Kyrgios. So ganz sicher sein kann man sich trotz seiner momentanen Entwicklung dann doch nicht. Die Australier setzen dennoch große Stücke auf ihn. Weiß er das einzuordnen?

„Ich werde langsam ungeduldig, was die erste Runde angeht. Ich möchte meinen Lauf vor heimischem Publikum fortsetzen und den Leuten etwas zurückgeben.  Und mir bringt dieses Gefühl auch etwas Gutes.“

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