U.S. Open – Day 5

US Open Stories: Das deutsche Lazarett

Zum Glück gibt es Rainer Schüttler. Wenn er nicht das Halbfinale von Wimbledon erreicht hätte, wäre die Bilanz deutscher Tennisprofis im Grand Slam-Jahr 2008 katastrophal. Durch seinen Überraschungscoup bleibt die Bilanz noch einigermaßen erträglich. Oder anders ausgedrückt: Man hat sich an die vielen frühen Niederlagen gewöhnt leider. Insgesamt holten die deutschen Tennisherren bei allen vier Grand Slam-Turnieren in diesem Jahr 24 Siege bei 36 Niederlagen. Aber der Reihe nach. 



Bei den US Open in New York schnitten die Deutschen in den letzten Jahren immer vergleichsweise gut ab. Tommy Haas kam in den vergangenen fünf Jahren dreimal ins Viertelfinale (2004, 2006, 2007). Heute kassierte er bereits in der zweiten Runde eine seiner unnötigsten Niederlagen überhaupt. Das Match gegen Gilles Müller diktierte er, lag schnell 6:2, 6:2 vorne. Dann ließ er sich durch eine strittige Entscheidung des Schiedsrichters völlig aus dem Konzept bringen und verlor in fünf Sätzen. So früh flog Haas seit 2000 nicht mehr bei seinem Lieblingsturnier raus.

Gleich drei Deutsche gaben auf

Erstaunlich: Insgesamt gab es im Herrenfeld bisher sechs Aufgaben, drei Partien wurden dabei von Deutschen vorzeitig beendet. Rainer Schüttler (Grippe), Kiefer (Fuß und Hüfte) sowie Kohlschreiber (Schulter) brachen wegen Verletzungen ab. Beobachter wähnten sich in einem deutschen Lazarett mitten in New Yorker Stadtteil Queens. Als dann auch noch Tommy Haas schon letzter Deutscher zu diesem Zeitpunkt Anfang des fünften Satzes gegen Müller den Physiotherapeuten zum Platz kommen ließ, um sich am Schlagarm und den Beinen behandeln zu lassen, war ein regelrechter deutscher Invaliden-Kollaps zu befürchten. Immerhin: Haas spielte weiter, bis die 6:2, 6:2, 6:7, 3:6, 3:6-Niederlage feststand.
US Open-Fazit: Kein deutscher Profi erreichte die dritte Runde. Ein so schlechtes Ergebnis gab es zuletzt vor 20 Jahren. 1988 starteten fünf DTB-Akteure in New York. Nur Boris Becker und Patrik Kühnen überstanden die erste Runde. Im zweiten Match war dann auch für sie Schluss.

Zurück zur heutigen Generation: Wimbledon 2008 war aus deutscher Sicht ein großartiges Turnier. Schüttler im Halbfinale Rainer Wahnsinn. Dazu vier weitere Deutsche, die erst in der dritten Runde unterlagen. Allerdings: Wenige Wochen zuvor gab es in Paris bei den French Open den Tiefpunkt der diesjährigen Grand Slam-Bilanz. Alle acht Deutschen scheiterten in ihren Auftaktpartien. Es war das mieseste Resultat seit 27 Jahren.

2008: die Tiefpunkte überwiegen

Dabei fing das Jahr viel versprechend an: Philipp Kohlschreiber schlug in Melbourne bei den Australian Open Andy Roddick im besten Match 2008 mit deutscher Beteiligung. Dann folgte allerdings der Einbruch im Achtelfinale gegen Jarkko Nieminen eine leichtfertig vergebene Chance.

Insgesamt überwiegen 2008 die Tiefpunkte. Und was zudem nachdenklich stimmen muss: Kiefer, Haas und Schüttler offenbarten in ihren Pressekonferenzen bei den US Open zwar keine konkreten Rücktrittsgedanken. Aber sie befassen sich offenbar mit Plänen für ein Leben nach der Tenniskarriere. Haas: Ich habe jetzt das Alter erreicht, in dem man sich solche Gedanken machen muss. Keine guten Aussichten für das deutsche Tennis also.

Tim Böseler, Redakteur, berichtet täglich in seinem Blog „US Open Stories“ aus New York City

Blog-Archiv:
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