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Porträt Ana Ivanovic – Herzdame

Man muss an diesen Song denken. Von dem Mädchen, das am Strand spazieren geht und allen Männern den Kopf verdreht. Nur geht es hier nicht um das berühmte Girl from Ipanema, sondern dem aus Belgrad. Wobei: Der Strand ist nur ein paar hundert Meter entfernt, der von Key Biscayne. All Access Hour im Tennisstadion von Miami, so heißt der Termin, bei dem die WTA ihre Vorzeigefrauen präsentiert. Und mittendrin Ana Ivanovic, die ihr Lächeln anknipst, wenn die Fotografen in Stellung gehen und Scheinwerfer die Szene in gleißendes Licht tauchen. Nur: Ivanovic knipst das Lächeln, wie viele andere, nicht aus. Auch nicht später beim One-on-One, wie es im WTA-Slang heißt, dem Einzelgespräch, mit tennis magazin. Ich genieße das alles, sagt Ivanovic, und sitzt so gerade auf ihrem Stuhl wie eine Ballerina.
Sie trägt eine rote Trainingsjacke, hat die schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Schlank ist sie, viel schlanker als noch vor zwei Jahren, als sie begann, die Stars auf der Tour zu ärgern. Inzwischen ist sie selbst ein Star. Im letzten Jahr gewann sie den Titel in Berlin, erreichte anschließend das Finale der French Open. Im Januar verlor sie erst im Endspiel der Australian Open gegen Maria Sharapova. Seitdem ist sie die Nummer zwei der Welt. Mitte März holte sie in Indian Wells den Titel, dem sechstgrößten Turnier der Welt, schlug im Halbfinale ihre Landsfrau Jelena Jankovic und im Finale Svetlana Kuznetsova. Es ist wie im Märchen. Ich muss mich manchmal kneifen, weil ich nicht glauben kann, dass das alles wahr ist, sagt Ivanovic. Sie spricht englisch mit Akzent, aber er klingt nicht hart wie bei vielen Osteuropäern, sondern weich. Selbstbewusst wirkt sie, von Arroganz keine Spur. Sie hat nichts Lautes an sich wie Serena Williams, nichts Divenhaftes wie Sharapova. Ana Ivanovic, 19 Jahre alt, wirkt völlig normal. Ob sie sich als Star fühlt? Nein, sie tue nur das, was sie liebt Tennis spielen.



Besser als Tiger Woods

Es fällt schwer, Ivanovic nur auf in und out zu reduzieren, wobei ihr Spiel bemerkenswert ist. Kaum eine drischt so hart auf den Ball wie die Serbin mit Wahlheimat Schweiz. Kaum eine spielt auf allen Belägen so konstant wie sie. Aber Ivanovic sieht eben auch verdammt gut aus, und wenn man ihr das sagt, errötet sie ein bisschen, sagt, dass das sehr schmeichelhaft sei und bedankt sich. Wenn man sich ein Tennisidol backen würde, es sähe wahrscheinlich aus wie Ana Ivanovic: groß, schlank, hübsch, charismatisch und mit Schlägen, bei denen die Zuschauer ins Schwärmen geraten. Noch ist sie kein Superstar, dafür fehlen Grand Slam-Titel, aber sie ist auf dem besten Weg dorthin. Keine Website eines Sportlers inklusive der von David Beckham, Tiger Woods und Sharapova wird häufiger angeklickt als ihre. Riesengroß sind die Plakate ihrer Ausrüster, wenn der Tennistross in New York, Paris oder Tokio Station macht. In Lifestyle-Magazinen und im Internet kann man Ivanovic in hübschen Kleidern bewundern.
Wie geht sie mit den verschiedenen Rollen um, Tennisspielen, Modeln? Ich würde es nicht modelling nennen, sagt Ivanovic und man merkt, dass sie die Frage ein wenig nervt, weil sie ihr wahrscheinlich ständig gestellt wird, es macht mir Spaß, mit professionellen Stylisten und Make Up-Künstlern zusammenzuarbeiten. Aber es ist anstrengender als Tennistraining. Und so häufig käme es ja auch nicht vor. 


Probetraining bei Charly Steeb

Dafür, dass der Rummel abseits des Courts nicht zu viel wird, sorgt ihr Manager Dan Holzmann, ein 36-jähriger Schweizer, dessen Firma Nahrungsergänzungsmittel vertreibt. Wie sich die beiden kennenlernten, ist bemerkenswert. Holzmann hatte Tennisunterricht bei seinem serbischen Coach, und der erzählte ihm von einer gewissen Ivanovic, 13 Jahre alt. Talentiert sei sie, aber sie brauche Geld, um an internationalen Turnieren teilzunehmen. Holzmann hatte schon den Formel-1-Piloten Nick Heidfeld und den Skispringer Sven Hannawald gesponsert. Er war neugierig und lud Ivanovic und ihre Mutter Dragana in die Schweiz ein, um sie kennenzulernen. Später beschrieb Holzmann das Treffen als Liebe auf den ersten Blick. Mutter, Tochter und künftiger Manager waren sich alle sehr symphatisch.
Was den Geschäftsmann vor allem beeindruckte, war die Einstellung der Kleinen. Sie habe ihm tief in die Augen geblickt und gesagt: Ich will die Nummer 1 der Welt sein. Kurioserweise sagte ihr Landsmann Novak Djokovic, mit dem Ivanovic gut befreundet ist und den sie seit ihrer Kindheit kennt, früher exakt das gleiche. Djokovic ging als Junior in die Niki Pilic-Akademie nach München, Ivanovic in die Schweiz. Vorher musste sie allerdings noch einen Test bestehen. Holzmann ließ seine Klientin in spe nach Mallorca fliegen und bat Charly Steeb, mit dem er befreundet ist, sich Ivanovic einmal anzusehen. Die Prüfung bestand sie mit Bravour.
Es war der Start ins Profileben. Ivanovic, inzwischen 14, reiste mit ihrer Mutter um die Welt, und Holzmann bezahlte die Reisen, kaufte ihr ein Laptop, ein Handy, verhandelte mit Sponsoren. Insgesamt pumpte er rund 500000 Dollar in ein Projekt, das er generalstabmäßig plante. Er sorgte für Fitnesscoaches und die
besten Trainer der Welt. Im ersten Jahr war es der als Schleifer bekannte, Ex-Kournikova-Coach Eric van Harpen. Es folgten der frühere Anke Huber-Trainer Zoltan Kuharszky und der Australier David Taylor. Als Ivanovic einen lukrativen Adidas-Vertrag abschloss, lieferten die Herzogenauracher gleich ihren hauseigenen Coach Sven Groeneveld mit.

Die Erfahrung von zwei Grand Slam-Finals

Es hat sich ausgezahlt. Für Holzmann, dem die Klientin die Auslagen längst zurückbezahlt hat und für Ivanovic, die sich mit hartem Training und Hilfe des professionellen Umfeldes an die Spitze katapultierte. Neben Mutter Dragana, einer Rechtsanwältin, und Holzmann gehören noch ihr PR-Manager Gavin Versi und Fitness-coach Scott Byrnes zum Team. Das Wichtigste: Der Druck für die Hauptperson soll nicht zu groß werden. Wenn sie verliere, sagt Holzmann, feiere man immer genauso, als wenn sie gewonnen hätte, vielleicht mit einer billigeren Flasche Champagner. Vor allem: Sie solle ihr Lachen nicht verlieren.
Was fehlt Ivanovic noch? Ein bisschen Konstanz, kleine Änderungen an meinem Aufschlag, sagt sie. Kann sie in Paris, Wimbledon oder New York siegen? Ich weiß jetzt, mit der Erfahrung von zwei verlorenen Endspielen, was ich zu tun habe. Es klingt entschlossen. Später will sie, dass man sich an sie als eine Spielerin erinnert, die Grand Slam-Titel gewonnen hat und die Nummer 1 war. Man plaudert noch ein wenig. Über Landsfrau Jelena Jankovic (Wir sind keine engen Freunde), über ihr Idol Monica Seles (Sie ist toll. Bei den US Open waren wir zusammen beim Italiener essen), über Filme (Ich mag alles außer Horror). Dann ist die Zeit um, Ana Ivanovic sagt Thank you und lächelt. Als sie geht, muss man an das Girl from Ipanema denken.   
   
Andrej Antic, Mitarbeit: Felix Grewe

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