Zverev vor dem Indian Wells-Viertelfinale: „Fils wird heute verlieren!“
Alexander Zverev kann heute Abend erstmals ins Halbfinale von Indian Wells einziehen und gibt sich vor dem Match gegen Arthur Fils selbstbewusst.
Auf Pressekonferenzen mit Tennisprofis werden meistens die gleichen Themen abgehandelt: Einschätzung zum absolvierten Match, Einordnung der eigenen Leistung und der des im besten Fall geschlagenen Gegners und natürlich ein Ausblick auf den Rivalen in der nächsten Runde. Man kann es Jannik Sinner deswegen nicht allzu übelnehmen, als er jüngst in Indian Wells auf die Frage, was er an seinem Job eigentlich nicht toll fände, so antwortete: „Na ja, vielleicht Pressekonferenzen, es sind immer die gleichen Fragen.“
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Zverev vor Start in Indian Wells: „Aggressiver sein, mehr Risiken eingehen“
Nun ist Sinner Profi genug, um sein Statement noch entsprechend zu entschärfen („gehört zum Job“, „privilegiertes Leben“, usw.). Aber klar ist auch: Wenn es mal etwas andere Fragen auf den Pflichtterminen mit der Presse gibt, erfährt man in der Regel viel mehr über den Spieler. So war es zum Beispiel bei Alexander Zerev in Indian Wells nach seinem Drittrundensieg gegen Brandon Nakashima, als er gefragt wurde, welche Rolle heutzutage noch der Tennis-IQ spielen würde.
Zverev: „Tennis-IQ hat an Wert verloren“
Der Begriff Tennis-IQ steht für die Fähigkeit, Situationen in einem Match blitzschnell richtig analysieren zu können, um dann taktisch kluge Entscheidungen zu treffen. Als Groß-Meister der hohen Spielintelligenz gilt gemeinhin Novak Djokovic, der sich schon so oft durch anspruchsvolle Matches hindurchmanövriert hat, dass man sich am Ende ratlos fragte: Wie konnte er diese Partie nur gewinnen? Jüngstes Beispiel: Sein Halbfinal-Triumph bei den Australian Open gegen Jannik Sinner. Fast jede Statistik sprach gegen ihn, dennoch siegte Djokovic.
Alexander Zverev nun offenbarte in Indian Wells tiefe Einsichten zum Thema Tennis-IQ. Für ihn hat die taktische Komponente heute weniger Gewicht, stattdessen sind Power, Präzision und Kontrolle maßgeblich für den Erfolg: „Ich denke, dass die Spieler, die derzeit am meisten gewinnen, die beste Vorhand, die beste Rückhand, den besten Aufschlag und den besten Return haben – besonders jetzt, da Tennis zu einem sehr physischen Sport geworden ist. Carlos Alcaraz und Jannik Sinner gewinnen so viel, weil ihre Schläge einfach besser sind als die der anderen – und nicht, weil sie mit großer taktischer Raffinesse Tennis spielen. Vor zehn Jahren war der Tennis-IQ wichtiger als heute. Er hat inzwischen an Wert verloren. Wer den Ball am besten schlägt, gewinnt die meisten Matches.“
Zverev mit enormer Präsenz auf dem Court
Gemessen an der selbstauferlegten Neuausrichtung seines Spiels – aggressiver und risikoreicher – strebt Zverev einen Game-Style an, der sich genau daran orientiert und auf diesen Nenner zu bringen ist: selbst das Geschehen auf dem Platz in die Hand nehmen und sich nicht zurückdrängen lassen. In Indian Wells zeigte Zverev vor allem im Achtelfinale gegen Frances Tiafoe (27 Winner, davon 14 Asse), dass er durch aktives und mutiges Spiel eine enorme Präsenz auf dem Court – nicht nur körperlich – aufbauen kann. „Ich finde, dass ich von der Grundlinie sehr dominant war. Das ist etwas, woran ich gearbeitet habe“, sagte Zverev dem TV-Sender Sky im Anschluss an seinen ungefährdeten 6:3, 6:4-Sieg.
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Wer Zverev in den Tagen von Indian Wells spielen sieht, stellt sich nun unweigerlich die Frage: Warum hat er nicht schon früher damit angefangen, so offensiv-aggressiv zu spielen? Aber so einfach ist das nicht. Ohne die innere Überzeugung geht es nicht. Da können noch so viele Experten von außen – inklusive Boris Becker – auf ihn einreden, dass er mit seiner lange praktizierten abwartenden und eher defensiven Haltung nicht sein volles Potenzial ausschöpft. Zumal Zverev damit ja auch viele Erfolge hatte. Nun aber scheint der berühmte Schalter umgekippt zu sein. Die FAZ urteilt bereits: „Im Grunde ist es eine Sensation, wie Zverev sich verändert.“
Das ist vielleicht ein etwas vorschnelles Urteil. Denn die bisherigen Gegner in Indian Wells – auch wenn es nicht sein Wohlfühl-Turnier ist – muss Zverev mit seinen eigenen Ansprüchen so oder so schlagen. Er hatte also noch die Gewissheit im Hinterkopf, gegen Berrettini, Nakashima und Tiafoe auch auf seine „alte Art“ gewinnen zu können. Da fällt es ihm mitunter leichter, die Spielausrichtung zu ändern und mehr ins Risiko zu gehen. Spannend wird es nun, wenn er auf die echten „Big Names“ treffen wird.
Zverev über Fils: „Ein großartiger Spieler“
Doch bevor er gegen Jannik Sinner (möglicher Halbfinalgegner) oder Carlos Alcaraz (möglicher Endspielgegner) antreten kann, muss er im Viertelfinale von Indian Wells heute Abend ab 19 Uhr MEZ (live bei Sky) erst einmal Arthur Fils aus dem Weg räumen. Das wird schwer genug, denn der 21-Jährige erweckt den Eindruck, dass er nach seiner achtmonatigen Verletzungspause vor Power, Dynamik und Ehrgeiz kaum noch einzufangen ist.
Wie er im Achtelfinale gegen Felix Auger-Aliassime auftrat, war jedenfalls beeindruckend – auch wenn es nach einer 6:3, 4:2-Führung noch einmal eng wurde für ihn. Fils verlor etwas den Faden, der zweite Satz mündete noch im Tiebreak und er lag dort plötzlich 0:5 hinten. Der Franzose ging aber weiter auf die Punkte, nahm ein hohes Risiko in Kauf, wehrte vier Satzbälle ab und gewann 6:3, 7:6.
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„Er ist ein großartiger Spieler, sehr jung. Ich war immer der Meinung, dass er viel Talent und Potenzial hat. Wenn er diszipliniert genug ist, dann kann er weit kommen und mit den Besten mithalten. Ich werde mich auf ein hartes Match vorbereiten“, sagt Zverev: „Aber wenn ich so spiele, wie ich gespielt habe, und mein Tennis stimmt, muss ich mir selbst vertrauen und an meine Fähigkeiten glauben.“ Auf die Frage, was Fils noch erreichen könne, fügte er schmunzelnd an: „Hier wird er am Donnerstag verlieren.“
Fils nach der Verletzung hungrig auf Erfolge
Auch Sky-Kommentator Marcel Meinert hat von dem aufstrebenden Franzosen eine hohe Meinung und beschrieb ihn in seinem Live-Kommentar im Match gegen Auger-Aliassime als eine Mischung aus drei ehemaligen französischen Weltklassespielern: „Wenn man Jo-Wilfried Tsonga, Gael Monfils und Yannick Noah in ein Glas schmeißt und es einmal gut durchschüttelt, kommt am Ende Arthur Fils dabei heraus.“
Fils ist nach seinem Ermüdungsbruch im unteren Rücken, den er sich im Mai 2025 in Roland Garros zugezogen hatte, hungrig auf Erfolge. Während der Zwangspause hätte er an vielen Dingen gearbeitet, verriet er in Indian Wells: „Was meine Fitness angeht, habe ich mich stark verändert und fühle mich jetzt auf dem Platz viel besser.“ Er hätte die Auszeit auch dafür genutzt, sich selbst zu beweisen, dass ein „verdammt guter Wettkämpfer“ sei.
Seine Athletik hat mitunter „alcarazeske“ Züge und mit seiner Vorhand kann er eine enorme „Fire-Power“ entwickeln. Dabei hilft ihm eine neue, kompaktere Vorhandtechnik mit einem kürzeren Schwung. Mit seiner alten Technik hätte er den Ball öfter zu spät getroffen, wenn die Gegner mit viel Druck auf seine Vorhandseite spielten. „Jetzt, mit dem kürzeren Schwung, habe ich einen früheren Treffpunkt vor dem Körper. Manchmal habe ich noch das Gefühl, dass es an Kraft mangelt, aber das ist schon in Ordnung. Ich kann den Ball immer noch ziemlich hart schlagen.“
Spannend auch: Zu seinem Coaching-Team gehört seit neuestem Goran Ivanisevic. Erklärtes Ziel der Zusammenarbeit: Fils erstmals in die Top Ten zu führen. Gegen Zverev gewann er zwei von sechs Partien: 2024 im Finale von Hamburg auf Sand und 2025 in Miami auf Hartplatz.
Arthur Fils et Alexander Zverev vont s’affronter pour la 7e fois. ⚔️🇫🇷🇩🇪
🟠 Hambourg 23 : 6-2, 6-4 Zverev
🟢 Halle 24 : 6-7, 6-3, 6-4 Zverev
🟠 Hambourg 24 : 6-3, 3-6, 7-6 Fils
🔵 Paris 24 : 6-4, 3-6, 6-3 Zverev
🔵 Miami 25 : 3-6, 6-3, 6-4 Fils
🟠 Rome 25 : 7-6, 6-1 Zverev pic.twitter.com/Lg8wqmfPZK— Univers Tennis 🎾 (@UniversTennis) March 11, 2026
Zverev aber weiß, was er gegen Fils zu tun hat: „Aggressiv zu spielen, das ist etwas, worauf ich mich freue und was mich begeistert.“ Bei seiner elften Teilnahme in Indian Wells – seinem bislang „schlechtesten“ 1000er-Masters-Turnier – könnte der Deutsche erstmals bis in Halbfinale vordringen. Zweimal (2021 und 2024) war er zuvor im Viertelfinale ausgeschieden. Sollte er zum ersten Mal in die Runde der letzten Vier einziehen, hätte er das Halbfinale bei allen neun Großturnieren auf der ATP-Tour als erster Spieler nach den „Big Four“ erreicht.
