Rothenbaum: Licht und Schatten

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Was wird aus dem Hamburger Rothenbaum, wenn ab 2019 eine neue Zeitrechnung auf der Tour beginnt?
Am 23. September will der DTB entscheiden, wie es mit dem Hamburger Turnier nach 2018 weitergeht. Fragezeichen gibt es viele. Eine Bestandsaufnahme.

Wie sieht die Zukunft des Rothenbaum aus?

Es dürfte weltweit kein anderes Turnier geben, bei dem die Lage so unübersichtlich ist. Vier Parteien sind involviert, wenn es um die Zukunftsfrage geht: der DTB, dem die Turnierlizenz gehört, der Veranstalter – bis 2018 die Agentur HSE mit Galionsfigur Michael Stich (anschließend wird neu verhandelt) – , der Club an der Alster (DCADA), auf dessen Anlage gespielt wird und der bis 2049 das Erbbaurecht besitzt und schließlich die Stadt Hamburg, der das 41.000 Quadratmeter-Grundstück im feinen Stadtteil Harvestehude gehört. Dazu kommt noch die ATP, die bei der Neuordnung der Tour ab 2019 sogar theoretisch den 500-er-Status aberkennen könnte. Fakt ist, dass alle Parteien unterschiedliche Interessen haben, die noch nicht gebündelt werden konnten. Mögliche Szenarien: ein Terminwechsel, ein Wechsel in eine andere Stadt, ein Bodenbelagswechsel von Sandplatz auf Hardcourt. Ein Verkauf der Lizenz ins Ausland scheint ausgeschlossen.

Welche Rolle spielt die ATP?

Die Gewerkschaft der Profis und Turnierveranstalter, kurz ATP, gibt die Rahmenbedingungen vor. Frühestens Anfang September bei den US Open fällt die Entscheidung, wie die Tour ab 2019 strukturiert wird. Es ist kein Geheimnis, dass der DTB und alle möglichen Veranstalter das Turnier auf Hartplatz ausrichten und eine Woche im Kalender nach hinten schieben möchten.

Michael Stich würde notfalls auch „auf Kuhmist“ spielen, wenn es der Sache dient: Der Grund für den favorisierten Belags- und Terminwechsel: ein wahrscheinlich attraktiveres Teilnehmerfeld mit Profis, die sich in Europa auf die US Open vorbereiten können. Ähnliche Pläne gibt es auch in Umag und Kitzbühel (ebenfalls bisher rote Asche). Hintergrund: Für die Top-Profis ergibt ein Sandplatz-Swing nach Wimbledon (Gras) und vor den US Open (Hartplatz) keinen Sinn. In den USA wird das Szenario kritisch gesehen – die US Open Series bekäme Konkurrenz. Was gegen Hartplatz in Hamburg sprechen könnte: Die US-Lobby in der ATP ist stärker als die der Europäer.

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SCHIFFSSCHRAUBE UND 158.420 EURO-SIEGERSCHECK:
Der Argentinier Leonardo Mayer siegte nach 2014 dieses Jahr zum zweiten Mal in der Hansestadt – 6:4, 4:6, 6:3.

 Wie wichtig ist ein Engagement der Stadt Hamburg?

Enorm wichtig. Bislang schießt die Stadt Hamburg 100.000 Euro ins Turnier. Viel zu wenig nach nationalen und internationalen Maßstäben. Zum Vergleich: Die Stadt Madrid bezuschusst das von Ion Tiriac veranstaltete Masters 1000-Event mit drei Millionen Euro. Fest steht: Das Rothenbaumturnier sollte der Stadt, die sich Sportstadt Hamburg oder „Active City“ nennt, einiges wert sein.

Ein Umzug in eine andere Region wäre nicht gut fürs Image, was auch die Turnierzahlen belegen: 14,5 Millionen Zuschauer in 60 Ländern sehen das Turnier 4.386 Stunden im TV. Der sogenannte Brutto-Werbewert wird auf 1,1 Milliarden US-Dollar taxiert. Von der Tradition des 1892 erstmals ausgetragenen Hamburger Rothenbaum ganz zu schweigen. Wie lieb den Hamburgern ihr Turnier ist, zeigten sie auch in diesem Jahr. 62.300 Zuschauer kamen, mehr waren es seit der Aberkennung des Masters-Status’ 2009 nur in den Jahren 2013 und 2015, als Federer und Nadal eingekauft wurden. Der Jubel für Michael Stich bei der Siegerehrung war gewaltig – ein Beleg für sein Engagement und die Treue der Hamburger Fans. Was der DTB bislang versäumt hat: eine kontinuierliche Lobbyarbeit bei der Stadt, die, wenn es nach dem Verband geht, die Renovierung für das Dach übernehmen soll. Kosten: mindestens eine Million Euro.

 Was plant der DTB?

Der Verband mit Sitz in Hamburg hat die Ausrichtung seines Turniers neu ausgeschrieben. Bewerbungsschluss war der 30. April 2017. Am 23. November, bei einer Bundesausschusssitzung in Frankfurt, will man festlegen, wer ab 2019 für fünf Jahre Veranstalter wird. Die Motivation des DTB: Zum einen will man etwa das Doppelte an Geld verdienen – dass Michael Stich 2009 den Zuschlag in Ermangelung einer Alternative für rund 150.000 Euro pro Jahr bekam, ärgert viele im Verband. Zum anderen soll es sich künftig um eine „Leuchtturmveranstaltung“ (DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff) handeln. Im Klartext: Die German Open sollen in einem neuen Glanz erstrahlen.

Der DTB will aktiver am Turnier partizipieren, verlangt vom künftigen Veranstalter ein Kartenkontingent und möchte die bisherige Players Lounge, die sich aktuell unter dem Dach mit bestem Blick aufs Geschehen befindet, für eigene Zwecke nutzen. Idealerweise wird dann mit einem weitaus attraktiveren Teilnehmerfeld auf Hartplatz gespielt. Vier temporäre Courts plus Centre Court seien kein Problem, heißt es. Ein weiterer Plan: Der DTB möchte ein zusätzliches WTA-Turnier durchführen – gerne im Frühjahr auf Sand.

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GESPANNT: Turnierdirektor und Ex-Profi Michael Stich.

Welche Rolle spielt der Club an der Alster?

Als der Hockey- und Tennisverein „DCADA“ Ende April seine Pläne vorstellte, wie er sich künftig „Sport am Rothenbaum“ vorstellt, war man beim DTB wenig begeistert – das Präsidium des Nobelclubs war ohne Absprache mit dem Verband, der bis 2049 ein Nutzungsrecht für Bürogebäude und Stadion besitzt, vorgeprescht. Die Vision des Clubs: ein neues Tennis- und Hockeystadion für 7.500 Zuschauer, etwas versetzt vom jetzigen Centre Court und mit verbessertem Lärmschutz, eine Akademie und Appartements für Hockey- und Tennistalente sowie eine Tiefgarage mit 800 Stellplätzen, um die Verkehrsprobleme zu lösen. Der Sponsor steht auch schon fest: der Münchner Versicherungskonzern Allianz, der sich bereits für die nächsten 13 Jahre die Namensrechte gesichert hat.

Abgesehen davon, dass der DTB einen Vertrag mit der Nürnberger Versicherung hat, hält man in der Verbandsspitze die Idee, für die sich auch die Stadt erwärmt hat, für ziemlichen Unsinn. Zum einen schreibt die ATP ein größeres Stadion vor und es wäre ein Irrsinn, die bestehende Arena abzureißen. Zum anderen ätzt ein hochrangiger DTB-Funktionär: „Die Allianz bezahlt vielleicht gerade einmal die Architekturkosten.“ Fakt ist: Die Chemie zwischen „DCADA“-Führung und Dachverband ist nicht die Beste; die Kommunikation ist auf ein Minimum begrenzt. Wobei das angespannte Verhältnis künftig irrelevant werden könnte. Ursprünglich plante das Präsidium des Clubs, das Projekt seinen 4.000 Mitgliedern auf einer Versammlung im Juli vorzustellen. Inzwischen wurde der Termin auf September verschoben. Auch ein neues „DCADA“-Präsidium, das eher auf DTB-Kurs liegt, scheint nicht ausgeschlossen.

 Wer veranstaltet das Turnier künftig?

Die spannendste Frage überhaupt. Der bisherige Turnierdirektor Michael Stich („Wir haben das Turnier seit 2009 wiederaufgebaut und etabliert. Wir wissen, was wir können“) kämpft wie ein Löwe um Turnier und Standort. Seine drei Mitbewerber sympathisieren ebenfalls mit der Hansestadt, schließen aber einen Umzug nicht aus. Dietloff von Arnim richtete bis 2012 den World Team Cup in Düsseldorf aus. Als Präsident des TV Niederrheins nimmt er an DTB-Bundesausschusssitzungen teil, ist nah dran. Michael Mronz veranstaltet mit seiner Agentur MMP neben den BMW Open in München, das weltbeste Reitturnier in Aachen (CHIO) sowie andere namhafte Events. Der vierte Bewerber: Peter-Michael Reichel, Turniererfinder von Linz, und seine Tochter Sandra, Chefin beim WTA-Turnier in Nürnberg, würden für Hamburg im Duo als Chairman und CEO fungieren. Was für die Österreicher spricht: Reichel senior sitzt seit 16 Jahren im WTA-Board. Er könnte eine Lizenz für ein mögliches Damenturnier in Hamburg besorgen.