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Tennis in Schweden

Willkommen in meiner Heimatstadt Stockholm! Björn Borg begrüsst die Besucher am Flughafen der schwedischen Hauptstadt persönlich – von einem überdimensionalen Plakat aus. Groß, lächelnd und mit dem legendären Stirnband, das seine blonde Mähne zähmt, schaut er auf die Ankunftshalle herab. Direkt neben ihm grüßen das schwedische Königspaar und die Golferin Annika Sörenstam.

„Er schwebt nach wie vor über allen anderen“, sagt Peter Bengsston vom schwedischen Tennisverband über Björn Borg. Bengsston ist für die Medienarbeit des Verbandes zuständig. Er steht während der Stockholm Open, die jedes Jahr im Herbst eine der großen Adressen während der europäischen Hallensaison sind, in der so genannten „Mixed Zone“ des Turniers. Der Name passt nicht zu diesem Raum, der aussieht wie ein großes Wohnzimmer mit gemütlichen Sofas, plüschigen Sesseln und einer einladenden Theke. Spieler, Journalisten, Angehörige, Funktionäre: Sie alle treffen sich hier. Thomas Enqvist (1999 die Nummer vier der Welt) plaudert mit Jonas Björkman, der gleich zum Doppel an der Seite von John McEnroe antreten muss. Magnus Norman (2000: Nr. 2) und Robin Söderling (Schwedens derzeitiger Topspieler) lachen laut, Stefan Edberg, früher Boris Beckers Dauerrivale, unterhält sich mit Joakim Nyström (1986: Nr. 7). Ein paar Nachwuchsspieler hören angestrengt zu. Die große schwedische Tennisfamilie – hier findet sie zusammen. Nur einer fehlt: Björn Borg. Wenn er sich die Matches des Turniers anguckt, nimmt er in der Ehrenloge Platz. „Es ist toll, jemanden wie Borg zu haben. Aber selbst für die jetzige Tennisgeneration ist es unglaublich schwer, aus seinem Schatten zu treten“, sagt Bengsston.

Verwöhnt mit Erfolgen

Vielleicht schwerer als je zuvor. Dem schwedischen Tennis geht es schlecht. In der Jahresabschlussrangliste 2006 tauchen nur drei Schweden unter den ersten hundert auf. Zwei von ihnen, Jonas Björkman (34) und Thomas Johansson (31), sehen dem Ende ihrer Karriere entgegen. Bleibt nur Robin Söderling, aktuell die Nummer 25 der Welt. In der schwedischen Öffentlichkeit werden sie kaum noch wahrgenommen. Tennis ist in einer Liste der Sportarten, die die vier größten TV-Sender des Landes 2005 am meisten übertrugen, nicht enthalten. Ganz oben stehen Fußball, Eishockey und Leichtathletik. Sogar Eiskunstlaufen ist öfter im schwedischen TV zu sehen als Tennis. Als Thomas Johansson 2002 völlig überraschend bei den Australian Open den letzten Grand Slam-Titel für Schweden holte, war die Resonanz in seiner Heimat verhalten. „Man hat damals kaum Notiz von meinem Triumph genommen. Die Schweden sind einfach zu verwöhnt mit Tenniserfolgen. Da zählt ein Grand Slam-Titel von mir nicht viel“, erinnert er sich.

Liberale Vereinsstruktur

Das abnehmende Interesse der Schweden am Tennis bekommen vor allem die Clubs zu spüren. Anfang der 80er Jahre gab es über 1000 Tennisvereine im Land der Elche. Heute sind es knapp die Hälfte, in denen circa 100000 Spieler organisiert sind. Allerdings: Man muss nicht zwangsläufig Clubmitglied sein, um Tennis zu spielen. „In Schweden sind alle Clubs offen – für jeden. Außerdem ist Tennis günstig und kein Sport für die Elite“, sagt Roland Hansson, ein bekannter Jugendtrainer in Schweden, der z.B. mit Henrik Sundström arbeitete. Offen heißt: Man muss nicht Mitglied sein, um in einem Club zu spielen. Gegen eine Gebühr (ca. 15 Euro pro Platz) kann man in jedem schwedischen Club ein Match austragen. Selbst der Spielpartner kann nur ein „Gast“ sein. Echte Mitglieder zahlen einen sehr geringen Jahresbeitrag an den Verein (zwischen 30 und 50 Euro), müssen aber jede Spielstunde abrechnen – natürlich zu günstigeren Konditionen als die „Nicht-Mitglieder“ (ca. zehn Euro pro Platz). Die schwedische Clubstruktur ist viel liberaler als in Deutschland. Bei uns sind Tennisvereine in der Regel abgeschottete Zirkel, in denen die Mitglieder unter sich sein wollen. Nur: Wie viele Schweden jetzt tatsächlich Tennis spielen, weiß niemand. Die Schätzungen reichen von 300000 bis 500000 Aktiven.

Die meisten von ihnen blicken wehmütig in die Vergangenheit zurück und schwärmen von der „goldenen Ära“. So nennen sie hier die Epoche, in der neben Borg und Edberg auch Mats Wilander, Henrik Sundström, Jan Gunarsson, Anders Järryd und viele andere für das schwedische Tenniswunder in dem Neun-Millionen-Einwohner-Land sorgten. Als Borg seine ersten Wimbledon-Trophäen einsammelte, wollte jedes Kind Tennis spielen. Sein Einfluss reichte bis in die 90er Jahre, als mit Thomas Enqvist, Magnus Larsson, Magnus Norman und Thomas Johansson weitere Topspieler nachrückten, die noch von ihm inspiriert wurden.

Die Erinnerungen an Borg sind während der Stockholm Open ständig präsent. Selbst das offizielle Turniershirt lässt ein Match aus dem Jahre 1980 aufleben: „Die Schlacht des Jahres – der Eisborg gegen Big Mac“ prangt im Retrostil auf den blauen Hemden. „Es verkauft sich super“, freut sich der Mann vom T-Shirt-Stand. Björn Borg und John McEnroe sind auch die Hauptfiguren im Werbespot einer Immobilienfirma, die die Stockholm Open sponsort. Der kurze Film läuft in Endlosschleifen auf den Monitoren, die in jeder Ecke der umgestalteten Tennishalle stehen. Selbst das VIP-Dorf huldigt den größten aller Schweden und nennt sich „Björn Borg Village“. Auf dem ersten Blick ist Borg präsenter als alle aktuellen schwedischen Spieler zusammen.
Beruf: Clubdirektor

„Es ist unfair, die Spieler von heute immer mit den glorreichen alten Zeiten zu konfrontieren“, ärgert sich Carl Axel Hageskog, der bis 2002 Davis Cup-Kapitän der Schweden war. „Diese Erfolge damals waren im Nachhinein viel zu groß für so ein kleines Land wie Schweden.“ Der heutige Pädagogik-Professor an der Universität von Växjö steht vor einer großen Leinwand und doziert über sein Lieblingsthema: Tennis. Zusammen mit Stefan Edberg hält er einen Vortrag über das Trainer-Spieler-Verhältnis auf einem Trainerkongress im Lindigö Tennisclubs (LTK). Lindigö ist ein nobler Vorort von Stockholm: Schmucke Einfamilienhäuser, blühende Gärten, verkehrsberuhigte Straßen – und die höchsten Grundstückspreise im Großraum der Metropole.

Hakan Arfwedson freut sich über den berühmten Besuch. Er ist der Clubdirektor des LTK. Nicht ehrenamtlich, sondern hauptberuflich. Arfwedson, der früher schwedischer Nationalcoach war und unter anderem Niklas Kulti betreute, managt den Verein wie ein kleines Unternehmen. Eigenes Büro, Sekretärin, Notebook, Firmenwagen. Er kümmert sich um 1400 Mitglieder, die Hälfte davon sind unter 18 Jahren alt. Auf der Warteliste des Clubs stehen 600 weitere Kinder und Jugendliche, „aber unsere Kapazitäten sind erschöpft“, sagt Arfwedson. Auf sechs Hallenplätzen spielen die Mitglieder, Außenplätze gibt es nicht. Als vor einigen Jahren die alte Halle abbrannte, baute man eine neue und integrierte in ihr die zwei bis dahin existierenden Sandplätze, aus denen dann Hardcourts wurden. „Tennis wird in Schweden immer mehr zu einem Wintersport. Vor allem die kleinen Sommerclubs mit zwei, drei Sandplätzen sterben aus“, erklärt Arfwedson.

Er weiß, dass sein Club in der schwedischen Tennislandschaft eine Rarität ist. „Aber“, fügt er hinzu, „sobald ein Verein aktiv wird, seinen Mitgliedern also mehr bietet, dann geht es aufwärts.“ Genauso wie in Deutschland: Nicht allen Vereinen geht es schlecht. Innovativen Clubs, die sich als Dienstleister verstehen, rennen die Mitglieder nicht davon. „Schweden und Deutschland haben viele Gemeinsamkeiten in Sachen Tennis. Früher musste man keine Werbung machen. Ihr hattet Becker, wir hatten Borg. Heutzutage ist das anders. Aber es dauert immer, bis es in den Köpfen der Funktionäre ankommt“, erklärt Roland Hanson, der Jugendtrainer.

Dezente Zentralisierung

Bei Mikael Stripple ist das Umdenken angekommen. Sieben Jahre war er Coach von Thomas Enqvist, seit zwei Jahren ist er neuer Leiter des Elite-Programms des schwedischen Verbandes. Er will die Nachwuchsförderung nach und nach umkrempeln – durch eine „dezente Zentralisierung“. Die 23 Tennisdistrikte, in die sich der Verband derzeit gliedert, werden zum 1. Januar 2008 zu sieben Regionen zusammengefasst. „Von denen jede ihr eigenes Leistungszentrum bekommt“, betont Stripple. Fünf Millionen schwedische Kronen (ca. 500000 Euro) pro Jahr wird das Projekt kosten. Das Geld soll durch Sponsoren in die Verbandskasse fließen. Gewünschter Effekt: Die Förderung durch den Verband soll intensiver und gezielter erfolgen. Im Augenblick ist die Nachwuchsförderung vor allem Stückwerk.

Die besten Spieler werden in ihrem heimischen Umfeld durch Reise- und Trainingsbeihilfen unterstützt. Regelmäßig kommt der Nationalcoach in den Verein. Acht Nationaltrainer (vier für Damen, vier für Herren) leistet sich der Verband. Einige von ihnen sind ehemalige Profispieler wie Joakim Nyström, Mats Wilander (Davis Cup-Coach), Asa Svensson, Catarina Lindqvist oder Maria Strandlund. „Wir bemühen uns, viele Ex-Profis bei uns zu integrieren“, sagt Stripple. Was nicht mit jedem Trainer gelingt: Peter Lundgren (Ex-Coach von Safin und Federer) oder Frederik Rosengreen (Trainer von Mario Ancic) wollen nicht für den Verband arbeiten. Jonas Svensson will es. Als U14-Nationaltrainer war er 2006 etwa 70-mal in Vereinen zu Besuch. Seine Aufgaben: Neue Talente sichten, Absprachen mit dem Clubcoach treffen und sich von den Fortschritten der geförderten Schützlinge überzeugen – die zuletzt aber immer öfter ausblieben.

Schlafender Verband

„Wir haben definitiv ein Loch bei den 15- bis 20-Jährigen“, räumt Joakim Nyström ein, der als Nationalcoach genau für diese Altersgruppe verantwortlich ist. „Der Verband dachte zu lange, dass es reicht, wenn die Spieler mental und körperlich fit sind. Tennistechnische Aspekte wurden zu sehr vernachlässigt“, kritisiert er seinen heutigen Arbeitgeber. Stripple und Nyström stehen für die Modernisierung eines schwerfälligen Verbandes, der die wichtigsten Veränderungen in den vergangenen Jahren einfach verschlafen hat.

Das behauptet Jonas Arnesen, der für die seriöse schwedische Tageszeitung Svenska Dagbladet seit über 30 Jahren das Tennisgeschehen verfolgt. „Es war eine Katastrophe, wie der Verband in den 90er Jahren arbeitete. Man lehnte sich nur zurück und sagte sich: `Wir Schweden wissen sowieso alles!´ Dabei musste man schon damals handeln“, erzählt Arnesen, der nun auf Mikael Stripple und dessen Fahrplan für mehr Erfolge hofft: „Er hat die Verbandspolitik um 180 Grad gewandelt – das war überfällig.“ Arnesen glaubt, dass sich im schwedischen Tennis etwas ändert: „Das Interesse kommt zurück.“ Eine Beobachtung, die auch Mikael Stripple zuletzt immer häufiger machte. „Vor zwei Jahren“, rechnet er vor, „war unser Budget für die Jugendförderung halb so groß wie heute.“ Die Steigerung des Etats auf fast zehn Millionen schwedische Kronen (eine Million Euro) war möglich, weil der Verband neue Geldgeber fand. „Schwedisches Tennis ist für Sponsoren wieder attraktiv“, behauptet Stripple, der durch die zusätzlichen Gelder die schwedische Teamidee reanimierte.

Hoffnung Damentennis

Früher waren Gruppen schwedischer Profis (die nach ihren Sponsoren benannt wurden) auf der Tour legendär. 1981 ging das Team Seab mit Wilander, Simonsson, Järryd und Nyström an den Start. Ihr Zusammenhalt in der Einzelsportart Tennis – zusammen reisen, trainieren, essen und feiern – war damals ein Novum. Später waren Larsson, Enqvist und Mikael Tillström gemeinsam unterwegs. „Wir Schweden sind eben Teamspieler. Das ist unsere Mentalität“, sagt Stripple. Heute tauchen die Schweden wieder in Gruppen auf. Das Catella-Team mit Michael Ryderstedt (22 Jahre, Nummer 368 der Welt), Ervin Eleskovich (19, 486) und Tim Goransson (18, 1540) ist allerdings vom Durchbruch weit entfernt. Mehr Hoffnungen setzt der Verband in das Twilfit-Team – Schwedens erstes Damen-Quartett. Johanna Larsson (18, 392), Mari Andersson (20, 422), Michaela Johansson (18, 463) und Nadja Roma (18, 515) sollen Damentennis populär machen. „Viele Mädchen wollen Tennis spielen – das ist eine Chance für uns“, hofft Stripple.

Größtes Zugpferd ist aber ein Mann: Joachim Johansson, genannt „Pim-Pim“. Der 1,98 Meter-Hüne mit dem Monsteraufschlag (seine 51 Asse gegen Andre Agassi 2005 bei den Australian Open sind nach wie vor Rekord) war 2006 fast das ganze Jahr über an der Schulter verletzt. Dann kehrte er ausgerechnet in seiner Heimat Stockholm zurück, schlug Nadal und kam bis ins Halbfinale. „Die Leute sind verrückt nach ihm“, weiß Per Hjertquist, Turnierdirektor der Stockholm Open. Johansson bescherte dem Turnier neue Rekorde: 40000 Fans kamen in die „Kungliga Tennishallen“, die Verkaufsstände meldeten Höchstumsätze und das Match von Johansson gegen Nadal verfolgten in einem Nischensender mehr als 160000 Zuschauer. „Das ist der beste Wert für ein Tennismatch seit etlichen Jahren in Schweden“, beteuert Tennisjournalist Arnesen.

Johansson verzückt die Teenager. Er ist hübsch, groß, blond – und unglaublich cool. Im Viertelfinale seines Heimatturnieres gegen Kristof Vliegen lag er im dritten Satz 5:6, 0:40 bei eigenem Aufschlag hinten – und servierte drei Asse in Folge, eins davon mit dem zweiten Service. Die Halle tobte, Johansson gewann das Match. „Es ist ziemlich blöd, so viel Risiko einzugehen, aber so bin ich eben“, kommentierte er diese Situation später. Für solche Kommentare lieben sie ihn hier. Am nächsten Tag titelte die Boulevard-Zeitung Expressen: „Willkommen zum Volksfest“, und zeigte den „saucoolen“ Johansson, umringt von Fans und seiner Freundin Jenny Kallur, einer populären Hürdenläuferin.

„Pim-Pim ist für uns eine Riesenhilfe“, sagt Peter Bengsston vom schwedischen Verband. 2006 initiierte er „Promo-Aktionen, um Tennis zu pushen“. Ein Tennisplatz im Stockholmer Bahnhof oder Streettennis-Aktionen in zehn Städten Schwedens gehörten dazu. Die größte Attraktion dabei: Das alte Garagentor, gegen das Björn Borg als kleiner Junge stundenlang Bälle kloppte. Es steht immer im Zentrum des Geschehens. Über dem Tor ist ein Schild angebracht: „Warnung: Wer hier spielt, kann fünf Wimbledon-Titel gewinnen!“ An Borg führt eben kein Weg vorbei. Tim Böseler