Rollstuhltennis

Inklusion in Obervellmar: Rollstuhlfahrer und Fußgänger in einem Team

In Hessen nimmt in der Saison die bundesweit erste inklusive Mannschaft mit gehandicapten und nichtgehandicapten Spielern am Ligabetrieb teil. Weitere Nachahmer wollen folgen. Doch für das Rollstuhltennis im Regelbetrieb gibt es Hürden.



Der Text ist in Ausgabe 7/2018 erschienen. Hier gibt es nachfolgend die gesamte Story online kostenlos zum Nachlesen.

Warum um die Sache so viel Theater veranstaltet wird, verstehe ich ohnehin nicht.“ Friedhelm Meyer ist nicht verärgert. Vielmehr wundert er sich, warum seine neue Mannschaft so viel Aufsehen erregt. Dass behinderte und nichtbehinderte Menschen im Alltag und im Sport zusammen agieren, sollte doch selbstverständlich sein, findet der 63–jährige Rollstuhlfahrer.

Mit dieser Selbstverständlichkeit hat Meyer vor wenigen Minuten auf dem Court seines Vereins, dem Academy, Reha- und Gesundheitssport Obervellmar (kurz Argo Obervellmar), um Punkte in der Herren 30 Bezirksliga A in der Kasseler Provinz gekämpft. Mit seinem Doppelpartner Norbert Dockhorn, der keine Behinderung hat, gestaltete er beim 0:6, 3:6 immerhin den zweiten Durchgang gegen ihre ohne Handicap angetretenen Gegner durchaus eng. Sein Team blieb insgesamt ohne Punktgewinn. Aber das zählt an diesem 27. Mai 2018 nur am Rande.-

Denn: Es war das erste Heimspiel im Regelsport einer inklusiven Mannschaft, also einem Mix aus Behinderten und Nichtbehinderten, im deutschen Tennis überhaupt. Neben Meyer schlug mit Sascha Haase (38) noch ein zweiter „Rolli“ in der Teppichbodenhalle von Vellmar auf.

Rollstuhltennisspieler dank Satzungsänderung integriert

Dass beide mit ihren stehenden Teamkollegen in einer Mannschaft auflaufen dürfen, ist dank einer recht kurzfristig anberaumten Satzungsänderung in der Wettspielordnung des hessischen Tennisverbandes möglich. Größter Antreiber und Befürworter der  Änderung ist der ehrenamtliche Inklusionsbeauftragte des Landesverbandes Rolf Heggen. Der 73–Jährige war jahrelang im Präsidium tätig und leistete viel Überzeugungsarbeit auf kurzem Dienstwege. „Ich bin da immer sehr unbürokratisch“, sagt Heggen bescheiden. Denn eine Änderung einer Wettspielordnung unterhalb der Regionalliga ist oft eine langwierige Angelegenheit, die von mehreren Referenten abgesegnet werden muss.

Das Team Argo Obervellmar ist die erste Mannschaft mit gehandicapten und nicht gehandicaptern Spielern. Integriert sind Friedhelm Meyer (vl.) und Sascha Haase (vr.).

Doch der Ausschuss war schnell überzeugt. Es war an der Zeit, dass sich etwas ändert“, bekräftigt Heggen. Argo Obervellmar ist die erste Mannschaft, die jene Änderung nun mit Leben füllt. In dem Vorort von Kassel trainiert der B-Lizenz-Inhaber Manfred Dockhorn seit mehr als anderthalb Jahren vorbildlich eine gemischte Ü30-Mannschaft. „Ich bin damals über einen Schnuppertag dazugestoßen“, erinnert sich Meyer, der seitdem mit Haase und den stehenden Kollegen einmal wöchentlich unter Dockhorn trainiert – inklusiv versteht sich. „Nach dem Aufwärmen spielen wir Übungen und Matches untereinander“, sagt Meyer. Einziger Regelunterschied: Auf der Seite des Rollifahrers darf der Ball zweimal springen. Beim zweiten Mal auch hinter oder seitlich der Grundline.

Rollstuhltennis: Timing vor dem Schlag entscheidend

Das diffizilste beim Spielen im Rollstuhl sei aber weder die Vor- oder Rückhand, meint Meyer. „Es ist das Fahren und Positionieren vor dem Schlag, da muss das Timing exakt stimmen.“ Auch das sei ein wichtiger Aspekt im Training, bekennt Meyer. Da beide Rollstuhlfahrer noch keine zwei Jahre spielen, stehen sie noch am Anfang ihrer Entwicklung. „Neben dem Besserwerden und dem Ehrgeiz geht es aber vor allem um das Miteinander. Und das war vorbildlich bei den bisherigen Matches“, sagt Meyer.

Vor dem Matchbeginn etwa saß das Team mit den Gegnern des TC Herleshausen kurz zusammen, um Fragen zu klären. Nach Beendigung der Einzel und Doppel kamen dann die Gegner auf die Rollstuhlfahrer zu. „Sie wollten unsere Perspektive und die Motorik kennenlernen“, erklärt Meyer. „Das war ein toller Moment. So sollte Inklusion funktionieren. Auf natürliche Art und Weise“, meint Heggen. So fuhren die Gegner durch die Halle, schlugen oder besser verschlugen eine ganze Reihe von Bällen, die sie aus anderer Perspektive noch getroffen hatten. Anschließend war der gegenseitige Respekt nochmals größer.

Rollstuhltennis ist bisher Leistungssport unter sich

Meyer und Haase spielen auf allen Untergründen mit profillosen Reifen, die einen unkomplizierten Einsatz auch auf Sand ermöglichen. „Wobei wir mit mehr Profil natürlich einen besseren Halt hätten“, sagt Meyer.

Mit diesen Themen setzen sich die leistungsorientierteren Rollstuhlfahrer täglich auseinander. Nationalspieler wie die Top 10-Akteure der Weltrangliste Sabine Ellerbrock, Katharina Krüger oder bei den Herren Steffen Sommerfeld und Anthony Dittmar trainieren zwar regelmäßig mit stehenden Tennisspielern- und Trainern.

Anthony Dittmar (rechts) versucht trotz Vollzeitjob in der Weltrangliste beständig nach oben zu klettern.

Die Möglichkeit, sich im Wettkampf zu messen, gab es bisher aber nur untereinander bei nationalen und internationalen Turnieren. „Wir sind als Einzelsportler sehr fokussiert auf uns, aber solche Einsätze im Regelsport wären eine super Ergänzung“, sagt der 24-jährige Dittmar, momentan auf Platz 160 der Weltrangliste  notiert und damit drittbester Deutscher. Er ist national der einzige hauptberuflich angestellte Inklusionsbeauftragte eines Landesverbandes, in Niedersachsen. „Ich habe von Hessen gehört und wir sind selbst  damit beschäftigt, die Wettspielordnung zu ändern“, verrät Dittmar, der aufgrund seiner Stelle viele Dinge ganz anders in Bewegung bringen kann.

Rollstuhltennis: Anthony Dittmar vereint Sport und Beruf

Passend dazu arbeiten der Tennisverband Niedersachsen-Bremen und der Behindertensportverband Niedersachsen in Zukunft dank einer Kooperation enger miteinander. „Es kann sein, dass auch ich noch diese Saison ein Medenspiel im regulären Spielbetrieb absolviere“, freut sich der Nationalspieler, der aus Göttingen stammt und am Stützpunkt in Hannover trainiert.

Rolf Heggen erinnert daran, dass das Ändern der Wettspielordnung Ländersache ist. „Wir hoffen natürlich, dass jetzt andere Landesverbände Fahrt aufnehmen.“ Dittmar ergänzt, dass die Rollstuhl-Nationalspieler „in ganz Deutschland verteilt leben und jene Einsätze natürlich als ernsthafte Option prüfen würden“. Heggen selbst will gar Kooperationen mit hessischen Vereinen schließen, die Rollstuhlfahrer aus anderen Regionen ein Spielrecht gewähren.

Medienwirksamer Auftritt: Um seinen Sport nach vorne zu bringen, tritt Dittmar bei Showkämpfen auf – wie hier mit dem ehemaligen Fußball-Bundesligatrainer Mirko Slomka.

Eine Zukunft, in der Behindertensportler im Ligabetrieb integriert werden, wünschen sich auch Meyer und seine Mistreiter aus Obervellmar. In Sportarten wie beim kleinen Bruder, dem Tischtennis, ist dieses Szenario seit Jahrzehnten Alltag. Dort spielen die besten Rollstuhlfahrer in den Landes- und Bezirksligen errfolgreich mit. „Im Tennis stecken wir da noch in den Kinderschuhen“, erklärt Dittmar. Deshalb sind sich alle einig: Der 27. Mai war ein ganz wichtiger Tag für den inklusiven Gedanken des Tennissports.

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