Davyd1.jpg

Wettskandal auf der ATP-Tour: Die Kabinenflüsterer

Hat er oder hat er nicht? Diese Frage stellen sich seit Ende Juli Fans, Offizielle und Profikollegen. Gemeint ist Nikolay Davydenko. Der Weltranglistenvierte wird verdächtigt, sein Zweitrundenspiel im polnischen Sopot gegen Martin Vassallo Arguello absichtlich abgeschenkt zu haben. Nachdem er den ersten Satz klar gewonnen hatte, registrierte die englische Wettbörse Betfair extrem hohe Wetten im Gesamtvolumen von über sieben Millionen Dollar auf eine Pleite Davydenkos. Der Russe gab im dritten Satz schließlich auf. Betfair alarmierte die Tourorganisation ATPund annullierte alle Einsätze. Tennis hatte nach dem Fall Kafelnikov 2003 einen neuen, viel größeren Wettskandal. Davydenko streitet, wie damals Kafelnikov, alles ab: Ich habe noch nie in meinem Leben gewettet und weiß auch nicht, wie das geht. Ob und inwieweit Davydenko in die Sache überhaupt verstrickt ist, wird nur schwer zu klären sein. ATP-Sprecher Kris Dent teilte mit, dass die Untersuchungen in dem Fall Davydenko noch Monate andauern werden.

Fall Davydenko nur ein „Dosenöffner“

Vielleicht geht es aber gar nicht nur um Davydenko. Die Los Angeles Times schrieb während der USOpen, die Akte Davy-denko sei lediglich ein Dosenöffner, also nur die Spitze des Eisbergs. Die französische L´Equipe ließ zwei anonyme Profis, Monsieur A und Monsieur B, zu Wort kommen. Beide wurden angeblich Zeuge, wie Matches geschoben wurden. Schmiergelder wurden beiden angeboten, um Partien laufen zu lassen. Monsieur A mahnte: Der Sport muss etwas tun, bevor es zu spät ist. In den Player-Lounges sitzen nur Personen mit ihren Laptops herum. 60 bis 80 Prozent von ihnen surfen auf Websites von Wettanbietern.
Es meldeten sich nun weitere Spieler. Etwa Tomas Berdych: Profikollegen haben mir erzählt, dass Zocker sie bedrängt hätten vor allem bei den russischen Turnieren. Doppelspezialist Michael Llodra berichtete von einem mysteriösen Telefonanruf in seinem Hotelzimmer. Der Unbekannte verlangte von ihm, er solle sein nächstes Match mal ganz relaxed angehen. Llodra hängte sofort auf. Auch US-Profi Paul Goldstein erzählte von dubiosen Angeboten, die er vor zwei Jahren erhielt. Ich war geschockt, erinnert sich Goldstein, der keine weitere Details verraten wollte. Novak Djokovic will von immer mehr Wettbetrügereien gehört haben, die Sponsoren und wichtige Leute von unserem Sport abschrecken, ohne diese Angaben zu konkretisieren. James Blake fürchtet um den guten Zusammenhalt der Profis in den Umkleidekabinen: Dort ist die Integrität sehr hoch hoffentlich bleibt das auch so. Insider vermuten, dass Infos der Spieler aus den Umkleiden über undichte Stellen an Dritte gelangen. Wer diese Kabinenflüsterer sind, ob Spieler, Betreuer oder Offizielle, weiß niemand.
Die ATP bemüht sich indes vor allem um Aufklärungsarbeit und das nicht erst seit dem Fall Davydenko. Bereits im März 2007, beim Turnier in Miami, sprach ein
illustrer Gastredner zu etwa 200 Profis beim offiziellen Spielertreffen: Michael Franzese, ehemaliges Mitglied der New Yorker Mafia, Spitzname: Long Island Don. Franzese dozierte darüber, wie kriminelle Banden versuchen, Sportler für deren Wettbetrügereien zu gewinnen. ATP-Sprecher Dent kommentierte diese ungewöhnliche Aktion als Baustein unserer Erziehung für die Spieler.Weitere Maßnahmen folgten. Während der USOpen hingen Schilder in der Players Lounge, die vor den Folgen von Wettbetrügereien warnten. Ein Sicherheitsunternehmen observierte alle Ecken der Anlage von Flushing Meadows, um Auffälligkeiten zu melden. Sogar eine kostenlose Hotline richtete man ein. Dort konnte jeder auch anonym anrufen, um Verdächtiges zu melden, schrieb die New York Times. Und ATP-Boss Etienne de Villiers drohte in einer
E-Mail allen Profis: Die Regeln erlauben es uns, Strafen bis zu lebenslangen Sperren zu verhängen, und wir werden eine Null-Toleranz- Politik all jenen gegenüber anwenden, bei denen wir beweisen können, dass sie unsere Regeln gebrochen haben.
Nikolay Davydenko steht trotz aller Diskussionen um die Sicherheit des Profitennis weiter allein im Fokus der Anschuldigungen. Der Russe, oft als blasser Mitläufer auf der Tour bezeichnet, kann dem Rummel um seine Person  aber etwas Positives abgewinnen: Ein paar mehr Fans kennen mich jetzt.
Tim Böseler