Australian-Open-Sieger Mark Edmondson: „Ich bekam 8.156 Dollar für den Titel”
Vor 50 Jahren siegte Mark Edmondson als letzter Australier bei den Australian Open. Ein Gespräch über Serve-and-Volley, umständliches Fliegen nach Europa und wenig Preisgeld.
Eigentlich wollten wir uns auf der Anlage treffen. Am ersten Turniertag ist Mark Edmondson, 71, Ehrengast im Melbourne Park. Aber nach einer Reihe von Ehrungen ist er schon wieder auf dem Weg zum Hotel und am nächsten Tag nach Sydney. Also telefonieren wir!
Mister Edmondson, vor 50 Jahren gewannen Sie die Australian Open. Sie waren der letzte australische Sieger bei den Herren. Wie war das damals?
Es hatte nicht viel mit dem Turnier von heute zu tun. Wir spielten in Kooyong. Das Turnier begann immer am Boxing Day, also am 26. Dezember, einen Tag nach Weihnachten. Das Finale war am 4. Januar.
Es dauerte also keine zwei Wochen wie heute?
Nein. Es waren rund anderthalb Wochen. Männer und Frauen spielten schon zusammen. Am Tag nach Weihnachten gab es in Melbourne immer zwei große Sportereignisse: Cricket im MCG neben dem Melbourne Park und die Australian Open im Tennis. Vor meiner Zeit wurde das Turnier übrigens im ganzen Land ausgetragen, nicht immer nur in Kooyong. Es fand auch in Brisbane, Sydney und Adelaide statt. Ende der 60er-Jahre entschied man sich dafür, das Turnier nur noch in Kooyong zu spielen. Als ich gewann, gewann ich damit auch die Victorian Open, weil das Turnier in Victoria stattfand. Der Hauptbewerb hatte damals nur ein 64er-Feld.
Sie blieben als Sieger auch in Erinnerung, weil Ihnen der Pokal herunterfiel.
Der obere und der untere Teil waren nicht fest miteinander verbunden. Aber das hat mir niemand gesagt. Sie gaben mir gerade einen zweiten Pokal, und als ich mich nach vorne beugte, um ihn entgegenzunehmen, fiel der erste auseinander. Sie haben das dann repariert. Heute gibt es die Trophäe in einem Stück.
Wurden die Australian Open 1976 im Fernsehen übertragen?
Ja, aber es wurde später kaum wiederholt, weil das Turnier von einer Zigarettenfirma gesponsert wurde. Und als Zigarettenwerbung verboten wurde, wurde das Match kaum noch gezeigt, weil auf der Bande Marlboro stand. An Regentagen zeigt man sonst oft alte Matches, aber dieses eben nicht.
Das Turnier fand damals auf Rasen statt. War das ein Vorteil für Sie?
Ja. Ich war ein Serve-and-Volley-Spieler, und Rasen kam mir sehr entgegen. Als wir aufwuchsen, haben wir allerdings kaum auf Rasen trainiert – nur sehr exklusive Clubs wie Wimbledon oder Kooyong hatten Rasenplätze. In Gosford, rund 80 Kilometer nördlich von Sydney, wo ich herkomme, spielten wir meist auf Sand, aber der war nicht so langsam und nicht so hochwertig wie deutscher oder französischer Sand.
Wie war der Tag des Endspiels?
Ich wohnte bei einer Familie, und der Vater fuhr mich jeden Tag zur Anlage. Es waren etwa 45 Minuten Fahrt. Vor dem Finale schlug ich mich mit John Newcombe ein. Es waren ja keine anderen Spieler mehr da.
Sie rangierten um Platz 200. Sie sind noch immer der am niedrigsten platzierte Grand Slam-Champion. Newcombe war doch der große Favorit.
Ich war exakt die Nummer 212 der Welt. Eigentlich waren fast alle Spieler, die ich geschlagen habe, Favoriten gegen mich. Ich habe im Halbfinale Ken Rosewall besiegt und das war für mich fast ein größerer Sieg als das Finale gegen John. Ich war in jedem Match der Außenseiter, selbst in der ersten Runde gegen Peter Feigl aus Österreich, der in etwa meine Spielstärke hatte. Danach schlug ich deutlich bessere Spieler.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Sie kannten mich nicht, hatten mich nie spielen sehen. Ich spielte zuvor nur kleinere Turniere, zum Beispiel in Ingolstadt etwa sechs Monate früher. Damals war das Punktesystem noch neu, und es war sehr schwer, Punkte zu sammeln. Ich hatte ein halbes Jahr vor Melbourne elf oder zwölf Punkte – damit rangierte man irgendwo um Platz 5.000. Heute ist das unvorstellbar.
Mussten Sie sich für Kooyong qualifizieren?
Nein. Ich wäre eigentlich per Wildcard ins Feld gekommen, weil ich für das Davis Cup-Team als Trainingspartner vorgesehen war. Dann zogen aber ein paar Spieler zurück. Dadurch kam ich direkt ins Hauptfeld. Ich war also gerade so drin – vielleicht als dritter oder vierter Nachrücker.
Waren Newcombe oder Rosewall sauer auf Sie, weil Sie ihnen den Titel wegschnappten?
Sie waren sicher nicht glücklich über die Niederlagen. Aber die meisten Profis zeigten das nicht offen. Sie gratulieren, gehen nach Hause und ärgern sich dort. Ich glaube, sie waren vor allem überrascht, wie gut ich gespielt habe. Ich hatte nichts zu verlieren. Sie kannten mein Spiel nicht, wussten nicht, wie ich reagiere, ob ich longline oder cross spiele, ob ich lobe. Das gab mir einen kleinen Vorteil. Außerdem war Rasen damals unberechenbarer als heute. Schlechte Ballabsprünge haben mir eher geholfen als ihnen. Sie waren es gewohnt, auf perfekten Plätzen wie dem Centre Court in Wimbledon zu spielen. Ich spielte meist auf Nebenplätzen. In Kooyong stand ich erst im Viertelfinale zum ersten Mal auf dem Centre Court.
Wie viele Zuschauer sahen damals zu?
Es war voll. Ich schätze es waren 5.000 Zuschauer. Für mich waren es viele, für Spieler wie Newcombe vielleicht nicht.
Wurden Sie durch den Titel in Australien berühmt?
Ja und nein. Kurz danach ging ich für sechs Monate nach Europa. In der Tenniswelt wurde man erkannt, auf der Straße eher nicht. In Australien war es auch anders als in Amerika oder Europa. Hier spricht dich kaum jemand im Restaurant an. Heute werde ich um den Jahreswechsel öfter erkannt, weil immer wieder über „den letzten australischen Sieger“ gesprochen wird – besonders jetzt zum 50-jährigen Jubiläum.

Aluschläger, weisser Tennisball: So siegte Edmondson 1976 im Finale gegen John Newcombe.Bild: Jürgen Hasenkopf
Wie reisten Sie damals nach Europa?
Per Flugzeug. Ken Rosewall reiste in den 50ern noch mit dem Schiff. Mein erster Europa-Trip war 1973. Wir hatten etwa 15 Zwischenstopps bis Europa. Ein spezielles Ticket kostete 720 Dollar. Man musste mindestens 45 Tage bleiben und innerhalb von 180 Tagen zurückfliegen. Vor Ort reisten wir mit dem Zug oder kauften gemeinsam einen Van, in dem wir auch schliefen. Insgesamt brauchte man vielleicht 1.000 bis 2.000 Dollar extra für so eine Reise, das Preisgeld nicht eingerechnet. Selbst nach meinem Australian-Open-Sieg musste ich meine Hotels und alles andere selbst bezahlen.
Wie hoch war die Siegergage?
8.156 Dollar. Das Gesamtpreisgeld betrug 60.000 Dollar. Sponsoren hatte ich keine. Wir bekamen nur die Schläger gratis. Mein Vater war Bauarbeiter und ich half ihm während meines letzten Schuljahrs und in den Ferien. Er zahlte mir 20 Dollar pro Woche. In einem Jahr hatte ich 1.000 Dollar für Reisen gespart. Später nahm ich alle möglichen Nebenjobs an, um Geld zu verdienen.
Die Profi-Ära begann 1968. Fühlten Sie sich als Profi oder als Amateur?
Es war eine Übergangszeit. Manche Turniere waren noch für Amateure, andere offen. Profi zu sein bedeutete damals, dass man seinen Lebensunterhalt damit verdiente. Viele Verbände hatten viel Geld, während die Spieler kaum etwas bekamen. Deshalb kam es schließlich zum offenen Tennis. Spieler aus dem Ostblock galten offiziell als Amateure, bekamen aber ein Gehalt. Ihr Preisgeld mussten sie an den Staat abliefern.
Wie denken Sie darüber, dass seit 50 Jahren kein australischer Mann mehr die Australian Open gewonnen hat?
Es gab einige Finalisten: John Marks, Kim Warwick, Pat Cash, später Lleyton Hewitt. Der Wechsel von Kooyong nach Melbourne Park machte das Turnier international größer, aber auch schwieriger für Australier. Der Spielstil änderte sich von Serve-and-Volley zu Grundlinienspiel. Dazu kam die Öffnung Osteuropas. Plötzlich gab es viel mehr starke Spieler weltweit. Australien hat eine kleine Bevölkerung. Aber irgendwann wird es ein Australier wieder schaffen.
Ist der Druck zuhause zu siegen, zu groß? In Paris war Yannick Noah 1983 der letzte heimische Sieger. In New York siegte Andy Roddick 2003. Und hätte nicht Andy Murray in Wimbledon gewonnen, hieße der letzte Champion immer noch Fred Perry, der in den 1930er-Jahren siegte.
Absolut. Der Druck ist zu Hause oft größer, vor allem durch die Medien. Ich hatte keinen Druck, weil mich niemand kannte. Nach dem Sieg war er viel größer. Ich habe viele Turniere gewonnen, Grand Slams im Doppel. Ich habe fast 70 Doppelfinals gespielt – aber die Leute sehen nur die Einzeltitel.
Spielten Sie damals im Finale von Melbourne Ihr bestes Tennis?
Nicht unbedingt. Im Finale war es extrem windig. Ich spielte gut, aber es gab bessere Matches – zum Beispiel das gegen Rosewall. Mein vielleicht bestes Match überhaupt war eine Davis Cup-Partie gegen Raul Ramirez in Mexiko City auf 2.200 Meter Höhe. Es war das entscheidende Match und ich gewann glatt in drei Sätzen.
Was tun Sie heute?
Nach Hüft- und Knieoperationen spiele ich kaum noch Tennis. Ich war nach der Karriere Coach, aber nur kurz. Dann baute ich Tennisplätze. Meine Firma habe ich während der Covid-Epidemie verkauft. Heute arbeite ich als Berater. Ich liebe Golf – und natürlich meine Familie. Meine Frau und meine Kinder sind das Wichtigste.
Vita Mark Edmondson
Der Australier, 71, gewann als Nummer 212 die Australian Open. Im Finale schlug er Titelverteidiger John Newcombe 6:7, 6:3, 7:6, 6:1. 1981 stand er noch einmal im Halbfinale von Melbourne. 1982 verlor er im Halbfinale von Wimbledon gegen Jimmy Connors. Bestes Einzel-Ranking: 15. Als Doppelspieler gewann er 34 Turniere, davon fünf Majors. Viermal gewann er die Australian Open (1980, 1981, 1983, 1984). Edmondson lebt mit seiner Familie in Sydney.

