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Martina Hingis: „Man hat mich vermisst“

Frau Hingis, was geschah am 10. Oktober 2002?
Oh, das muss etwas mit Filderstadt zu tun haben.
Richtig.
War es das Match gegen Elena Dementieva? Ach ja, die letzte Partie vor meinem Rücktritt.

Sie verloren 1:6, 3:6. Was passierte damals?
Mein Körper machte nicht mehr mit. Ich hatte chronische Beschwerden an den Füßen und schon zwei Operationen hinter mir. Ich wusste in diesem Moment, dass ich nicht mehr 100 Prozent geben konnte. Ich sprach mit meiner Familie und wir beschlossen, dass eine Auszeit das Beste für mich wäre.

Aus der Pause wurde dann ein Rücktritt.
Zwangsläufig, weil die Beschwerden einfach nicht besser wurden.

Sie sagten damals: „Nun beginnt ein neues Leben.“ Wie empfanden Sie diese Lebensphase?
Anfangs war es eine Erlösung für mich. Ich war im realen Leben angekommen, das eben nicht auf der Tour in der ganzen Welt stattfand, sondern bei mir zu Hause. Ich kaufte mir ein Haus, kümmerte mich um meine Pferde und ging zur Schule, um mein Cambridge Diplom abzulegen (international hoch angesehenes Zertifikat für Englischkenntnisse, Anm. d Red.). Über meine Sponsoren hatte ich einige Verpflichtungen. Ich gab Tennisunterricht und spielte ein paar Showkämpfe.

Langweilten Sie sich?
Das kam schon vor. Ich wurde aus dem Profizirkus regelrecht herausgerissen. Davor gab es für mich nur Tennis, vier Stunden am Tag, viele Reisen und Turniere. So komisch das auch klingt: Es war meine Normaliät. Und plötzlich war das alles weg. Auf einmal musste ich in den Tag hineinleben und suchte nach Beschäftigung. Ich versuchte, mich selbst zu finden.

Ist Ihnen das gelungen?
Ich habe zumindest festgestellt, dass mir das Tennis unheimlich fehlte.

In welcher Situation kam Ihnen der Gedanke: Ich will zurück auf die Tour?
Ich habe in den USA letztes Jahr Team-Tennis gespielt. Da treten Mannschaften mit guten Spielern gegeneinander an. Die Partien gehen bis fünf, es sind also keine vollwertigen Matches. Aber ich schlug dort Spielerinnen wie Jamea Jackson und Meghann Shaughnessy – ohne dass ich viel dafür trainierte. Ich dachte, wenn es auf dem Niveau so gut klappt, dann kann ich auch auf der richtigen Tour spielen. Ein Comeback hatte ich eigentlich immer im Hinterkopf.

Weil Ihre „erste Karriere“ unvollendet war?
Ich wollte mir mit 30 Jahren nicht den Vorwuf machen: „Warum hast du es nicht noch einmal probiert?“ Wie erlebten Sie als TV-Kommentatorin Ihre alten Gegnerinnen? Da kam Wehmut auf. Patty Schnyder und Fabiola Zuluaga standen 2004 im Halbfinale der Australian Open, wo ich sechsmal das Finale erreichte. So gute Resultate hatten sie früher nicht. Klar, dass man sich dann vorstellt, wie man selbst bei diesem Turnier abgeschnitten hätte. Aber ich musste ja am Mikrofon sitzen.

Nun sind Sie seit einem halben Jahr zurück auf der Tour und alle freuen sich. Hatten Sie ein so positives Echo erwartet?
Man hat mich und mein Spiel vermisst. Variable Spielzüge mit Stopps und Volleys, so wie ich gerne spiele, sah man kaum noch. Höchstens Justine Henin-Hardenne und Amelie Mauresmo streuen diese Elemente ein. Früher verstanden nur wenige, wie ich gegen die Williams-Sisters und die anderen Powergirls gewinnen konnte. Durch mein Comeback sehen die Fans, warum das möglich ist. Man muss die ersten drei, vier Bälle gut kontern, danach habe ich mehr Möglichkeiten in meinem Spiel als viele andere. Diese Spielweise kommt gut an. Und das freut mich sehr.


Warum hat sich das pure Powertennis bei den Damen durchgesetzt und nicht Ihr eleganter Stil? Die Ausbildung, die ich auf dem Tennisplatz bekam, gibt es heute nicht mehr. Ich spielte als Mädchen viel im kleinen Feld. Da ist Gefühl gefragt, keine Kraft. Ich lernte früh, wie man ans Netz vorrückt und Flugbälle spielt. Die Nachwuchsspielerinnen von heute lernen nur, wie man den Ball schnell macht. Sie müssen nur von der Grundlinie draufprügeln. Das ist nicht der Fehler der Mädchen, sondern die Trainer machen es sich zu einfach. Ich habe meinen Respekt vor den meisten Coaches verloren, weil fast alle das gleiche Programm abspulen. Niemand nimmt sich die Zeit, junge Mädchen komplett auszubilden – leider.

Kann man denn lernen, so zu spielen wie Sie?
Auf jeden Fall, aber es dauert eben. Meine Mutter hatte mit mir Geduld und legte die Grundlagen für mein heutiges Tennis. Sie bereitete mich auch wieder für mein Comeback vor. Fünf Wochen haben wir vor den Australian Open hart trainiert.

Nur fünf Wochen?
Ja, das reichte.
Hat sich während Ihrer Abwesenheit das Damentennis verändert?
Es ist athletischer geworden. Nicht kraftvoller. Die „Power-Revolution“ habe ich ja noch selbst mitbekommen. Jetzt kommt zur Kraft eine hohe Fitness dazu.

Sind Sie fitter als früher?
Ich bin weiblicher geworden und stecke nicht mehr in einem Kindskörper. Dadurch bin ich auch ein wenig kräftiger geworden. Speziell trainiert habe ich dafür aber nicht.

Müssen Sie in diesem Bereich noch mehr Arbeit investieren?
Nein, ich konzentriere mich lieber auf meine alten Schwächen: Aufschlag und Vorhand. Da arbeite ich jetzt seit 20 Jahren dran.

Seit Ihrem Comeback spielen Sie überhaupt kein Doppel mehr.
Das wäre zu viel des Guten.

Das Alter?
Sicher. Man erholt sich einfach langsamer. Ich brauche nach einem Training oder Match einige Stunden Regeneration. Früher hat man vormittags ein Einzel gespielt, Mittag gegessen und dann ging es zum Doppel wieder auf den Platz. Das kann ich heute nicht mehr.

Spielen Sie nun so lange, bis Sie die French Open gewinnen?
Es wäre schön, den einzigen Titel, der in meiner Grand Slam-Sammlung noch fehlt, irgendwann zu holen. Aber das ist nicht mein Hauptziel.

Apropos French Open: Das verrückte Finale 1999 gegen Steffi Graf, als Sie nachher weinten – wie denken Sie heute darüber?
Ich kann jetzt darüber lachen. Mit 18 Jahren macht man solche Dinge. Da ist das Publikum plötzlich gegen dich, du willst aber unbedingt gewinnen und die große Steffi schlagen – das war alles zu viel für mich. Ich benahm mich nicht gut. Die Emotionen kochten über und ich verlor die Kontrolle über mich. Seit diesem Match galten Sie als zickig und verbissen …

was war denn Steffi dann?
Auch verbissen.
Mindestens.

Können Sie heute Ihre Matches mehr genießen? Der Erwartungsdruck ist nicht mehr so groß. Damals war ich vier Jahre die Nummer eins. Und in jedem Match musste ich das bestätigen – so wie jetzt Roger Federer. Das ist unglaublich anstregend. Jetzt bin ich in einer komfortableren Situation.

Welche Erwartungen haben Sie?
Sie sind seit dem Comeback größer geworden. Anfangs wusste ich nicht, wo ich stehe. Jetzt haben sich meine Ansprüche an mich erhöht.

Werden bald zwei Schweizer ganz oben stehen – Sie und Federer?
Das wäre zu viel auf einmal. Eins nach dem anderen. Ich will zurück in die Top Ten. Dann ein, zwei Grand Slam-Titel holen – das wäre sehr schön.

Unterstützt Sie dabei Ihr neuer Freund Radek Stepanek?
Er ist selbst auf der Tour unterwegs. Es ist hilfreich, jemanden zu haben, der all die Situationen kennt, die man als Profi durchlebt.

Trainieren Sie auch miteinander?
Wenn wir schon einmal Zeit zusammen genießen können, dann wollen wir sie nicht auf dem Tennisplatz verbringen. Wir reden nur gemeinsam über Tennis.

Interview: Tim Böseler


Am 30. September 1980 wird Martina Hingis in der Slowakei geboren. Im Alter von zwei Jahren beginnt ihre Mutter Melanie Molitor sie zu trainieren. Mit vier spielte sie bereits Turniere. Nachdem Martina acht geworden ist, zieht sie mit ihrer Mutter in die Schweiz. 1992 gewinnt sie mit elf Jahren das bedeutendste Nachwuchsturnier für 14-Jährige in Tarbes. Ein Jahr später wird Martina Hingis die jüngste Juniorensiegerin der French Open. Ihr erstes WTA-Turnier spielt sie 1994 in Zürich. Sie gewinnt 40 Einzel- und 36 Doppeltitel (darunter fünf Einzel- und neun Doppeltitel bei Grand Slam-Turnieren). 1997 war ihr bestes Jahr: Siege bei den French Open, in Wimbledon und den US Open. Am 31. März 1997 wird sie die jüngste Nummer eins aller Zeiten. 209 Wochen bleibt sie Weltranglisten-Erste. Im Februar 2003 tritt Hingis offiziell wegen chronischer Fuß- und Rückenverletzungen zurück. Anfang 2006 kehrt sie auf die Tour zurück und krönt ihr Comeback mit dem Titel von Rom im Mai.