Rogers Cup Montreal – Day 2

Bad Boy Kyrgios: Die Tour braucht solche Typen

BEST BUDDIES: Kyrgios (li.) und Kokkinakis – „The Special Ks“ – beim Davis Cup-Viertelfinale in Darwin.

Natürlich kann man Kyrgios im Zusammenhang mit diesem Vorfall nicht wirklich in Schutz nehmen. Will ich auch gar nicht. Soll ihn die ATP ruhig bestrafen, verdient hätte er es. Dennoch halte ich den australischen Heißsporn für einen Gewinn der gesamten Tennisbranche. Warum? Weil seine Matches meistens eine Riesen-Show mit hohem Unterhaltungswert sind, weil er attraktives und aggressives Tennis ohne Kompromisse spielt, weil man mit ihm leiden und jubeln kann, weil er so auftritt, wie er ist, und sagt, was er denkt. Er ist eben kein glatt geschliffenes IMG-Produkt, das schon etliche Lektionen über den richtigen Umgang mit den Medien eingeimpft bekam, auch wenn er zu Jahresbeginn von der weltweit größten Vermarktungsagentur unter Vertrag genommen wurde. Kyrgios ist mit seiner Art ein Unikum auf der Tour – das macht ihn für das Tennis so wertvoll.

Ich würde mir wünschen, dass er seine direkte und unverblümte Art – trotz aller Strafen, die jetzt folgen mögen – beibehält. Während des Wimbledon-Turniers, bei dem er im Match gegen Richard Gasquet durch Schlägerweitwurf und Leistungsverweigerung auffiel, gab es auch eine Anekdote, die viel über das Selbstwertgefühl des 20-Jährigen verrät. Die australische Schwimmlegende Dawn Fraser hatte sich in einem Fernseh-Interview über die mangelnde Leistungsbereitschaft von Kyrgios mokiert und ihm die Ausreise „ins Land seiner Eltern“ empfohlen. Kyrgios, dessen Vater aus Griechenland stammt und der in Australien geboren wurde, antwortete über seine sozialen Medien auf seine Art: „Den Schläger werfen: Rüpel. Über Regeln diskutieren: respektlos. Frustriert im Match: verwöhnt. Emotionen zeigen: arrogant. Offensichtliche Rassistin: australische Legende.“

WAWRINKAS FREUNDIN: Profikollegin Donna Vekic, 19, aus Kroatien feuerte in Wimbledon „Stan The Man“ an.

Klar ist: Der Aussetzer von Montreal ging zu weit – selbst wenn Kyrgios im Vorfeld der Beleidigung einige „freche Dinge“ von Wawrinka zu hören bekam, wie der Australier nach dem Match mehrfach betonte. Aber all die, die ständig echte Typen und Charaktere mit Ecken und Kanten auf der Tour fordern, gleichzeitig jedoch Kyrgios für eine hohle Dumpfbacke halten, sollten sich darüber klar werden, was sie eigentlich wirklich wollen: Querköpfe, die auch mal verbal unter die Gürtellinie treten oder doch lieber den nächsten Langweiler, der sich so verbiegt, dass er möglichst nirgendwo aneckt?

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  1. Eve

    Super Artikel, stimme zu.
    Bis auf den Teil natuerlich, der vermutet, dass Stan vielleicht aufgegeben haette, weil er Kyrgios eben doch gehoert hat.
    …wenn man es genau betrachtet, waere das die groessere Beleidigung im Vergleich mit dem, was Kyrgios zu Wawrinka gesagt hat.
    Ueberlegt mal: Stan soll allen Ernstes AUFGEGEBEN und Kyrgios Punkte und Preisgeld geschenkt haben, weil dieser ihn so beleidigt hat???
    LOL!!! Genau!!! Ich beschenke auch am liebsten Menschen, die mich gerade total angepisst haben! Das macht doch so richtig Freude!!! Was sagst du, ich waere ein dummes Arschloch? Komm, hier, da haste 100 Euro, und jetzt ab nach Hause mit dir!

    • Georg

      Der Artikel geht so in Ordnung, weil der Autor sich von dem Ausraster an sich distanziert, aber Kyrgios als Typ als Bereicherung der Tour ansieht. Das finde ich auch. Da muss einfach etwas mehr Zunder rein!

      Ach, Eve: In dem Artikel wird NICHT vermutet, dass Wawrinka wegen der Schmähung aufgab! Im Gegenteil, es heißt doch: „Wawrinka gab schließlich im dritten Satz bei 0:4 wegen einer Rückenverletzung auf und prompt fragten sich einige, ob seine Aufgabe nicht doch mit der üblen Pöbelei von Kyrgios zusammenhängen könnte.“ Der Autor weist also lediglich daraufhin, dass es Beobachter gibt, die an diesen Schwachsinn glauben – aber nicht er selbst!

  2. Alex

    Dieser Typ ist keine Persönlichkeit, sondern nur jemand der sich nicht benehmen kann. Dieser letzte Vorfall ist nur einer von vielen. Es gab schon mindestens 3 Matches, in denen er hätte disqualifiziert werden müssen. Da wurden mehr als nur 2 Augen zugedrückt. Jeder anderer wäre schon längst bestraft wurden. Es wird langsam Zeit, dass da mal was unternommen wird. Ansonsten wird sich sein „Nicht-Benehmen“ nur noch verschlimmern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seine Kollegen das besonders toll finden. Ich kann es absolut nicht verstehen, wenn man das auch noch verteidigt. Und nur weil jemand schlecht auffällt, ist er noch lange keine Persönlichkeit. Der Junge hat einfach keine Ahnung, wie man sich verhält, und er sieht es auch absolut nicht ein. Kein Wunder bei der Familie. Er ist es nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Da wird er sich wohl auf noch mehr einstellen müssen, wenn er sein Verhalten nicht überdenkt. Stattdessen sollte er sich auf sein Talent besinnen, und Tennis spielen!


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