Saitentest 2018 Tennis

Forderungsspiele: Oh Tannenbaum!

Forderungsspiele für Clubranglisten? Ja, die gab es mal, lange vor dem LK-System. Die Sandplatzgötter ­blicken etwas wehmütig zurück.

Der die Sandplatzgötter beheimatende Tennisclub am Niederrhein, der TC Rot-Gold Voerde, hat in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen groß gefeiert. Obwohl auch wir mindestens genau so nah am gemütlichen Rentner-Doppel dran wie vom Bambini-Tennis übers kleine Netz entfernt sind: Die ganz frühen Jahre, in denen die Bälle wie die Spielkleidung noch weiß waren und in denen man noch von elitär-angegrauten Herren des Platzes verwiesen wurde, wenn man es textil zu bunt trieb, haben wir noch nicht mitgemacht. 

Wir sind alle mehr oder weniger zum Tennis gekommen, nachdem ein heute sprichwörtlich und ewig 17-jähriger Leimener – als er tatsächlich nicht älter war – das wichtigste Tennisturnier der Welt gewonnen hatte. In den zwei Wochen im Sommer 1985, in denen er in Wimbledon Match für Match gewann, entwickelte sich Tennis in unserem Bewusstsein plötzlich von einer Beschäftigung, der ab und an Menschen aus anderen Ländern im Fernsehen nachgingen, zu einem Sport, den man auch selbst betreiben wollte – und konnte. Zumindest, wenn man noch Platz in einem Club fand.

Forderungsspiele als Provokation

War man dann drin, wollte man irgendwann auch in einer Mannschaft spielen. Und deren Meldeliste wurde damals nicht wie heute über die Leistungsklasse (kurz: LK)  ermittelt, sondern – zumindest in unserem Spielstärke-Bereich weit unterhalb aller DTB-Ranglisten-­Träume – über das vereinsinterne Ranking, das in Form des berüchtigten Tannenbaum-Systems im schmucken Bilderrahmen einen Ehrenplatz an jeder Club­hauswand hatte. Um da rein zu kommen, musste man Forderungsspiele bestreiten. Erst gehörte man noch zu den Aussätzigen, deren Magnet­schild mit Namensaufdruck irgendwo außerhalb der Struktur geparkt wurde. Dann forderte man sich erfolgreich ein und ­irgendwann konnte man schließlich den Platz in Angriff ­nehmen, den man in mehr oder weniger großer ­Selbstüberschätzung als sein ­natürliches Spielstärken-Habitat ansah.  

Damals eine Forderung auszusprechen, das kam immer so ein wenig einer mittelalterlichen Aufforderung zum Duell im Morgengrauen gleich. Und auch einer großen Provokation! Denn man stellte die alte Hackordnung im Club in Frage; deutete an, dass da jemand seinen Platz im Tannenbaum-System nicht zu recht inne hatte. Ein Angriff auf die Ehre. Der musste auch noch Auge in Auge oder zumindest mal telefonisch persönlich verbal an den Auserkorenen herantragen werden, bevor es dann in einer ominösen Kladde namens „Forderungsbuch“ verewigt wurde. Über die Einhaltung diverser Forderungsregeln, die hauptsächlich festlegten, wer wen wann wie oft in einer Saison fordern durfte und wer sich unter welchen Umständen dieser Forderung stellen musste oder eben nicht, wachte der Sportwart. 

Menschliche Dramen bei Forderungsspielen

Die Spieler, die ihren Platz verteidigen mussten, nutzten dagegen diese Regeln gerne taktisch, um nicht kurz vor Ende der Forderungsperiode am Ende der Sommersaison noch in die Verlegenheit zu kommen, durch eine Niederlage in der Rangliste nach hinten zu rutschen. Da wurde im besten Fall lieber noch mal selbst gefordert, aber auch taktisch gesetzte Urlaube, kurzfristige Dienstreisen oder plötzlich auftretende schwere Krankheiten häuften sich im September und Oktober. 

Kam es dann doch noch zu einem Duell, spielten sich im Nieselregen und bei in diesen Monaten ja schon frühzeitig hereinbrechender Dunkelheit echte menschliche Dramen im Kampf um Platz sechs für die kommende Meldeliste der Kreisliga-Herrenmannschaft ab. ­Argwöhnisch wurde registriert, auf welche Seite sich die als Zuschauer anwesenden restlichen potenziellen Mannschaftsmitglieder schlugen. Die Linien wurden sehr schmal, in die Kommunikation schlich sich eine gewisse Schärfe ein und manchmal fiel sogar das gemeinsame Kaltgetränk nach dem Match aus. 

Alles Dinge, die man heute zwar vielleicht auch noch vom letzten LK-Turnier der Saison kennt. Damals musste man aber mit dem Typen, den man gerade noch aufs Blut bekämpft hatte, nach zwei Wochen wieder das Wintertraining beginnen. Schwierig, aber charakterbildend. Deswegen vermissen wir das Forderungsspiel und den Tannenbaum und die spannenden ­clubinternen Kämpfe. Man sollte das alles wieder einführen. Nur der Autor dieser Zeilen ist am Ende der Saison leider immer ganz schlecht zu erreichen und weilt im wohlverdienten Urlaub.