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Mail aus Paris: Die wunderbare Welt der Mademoiselle Petkovic

Eigentlich möchte man mit ihr gar nicht so viel über Tennis sprechen, weil sie so viel mehr zu erzählen hat. Während draußen im Stade Roland Garros die Bälle hin- und herfliegen, entführt Andrea Petkovic die Reporter in eine andere Welt. In ihre Welt. Sie spricht über Schreiben, eine Art Therapie, und Autounfälle in China und Marokko. Wobei: Wenn sie am Donnerstag gegen Bethanie Mattek-Sands spielt, geht es logischerweise wieder um: Tennis.



Der Sieg gegen Mladenovic auf Court Suzanne Lenglen ist ungefähr zwei Stunden vorbei. Andrea Petkovic sitzt jetzt, die Augen leicht geschminkt, im Salle d’Interview 3. Das ist ein klitzekleiner Raum in den Katakomben des Court Philippe Chatrier. 18 Klappstühle gibt es hier, fünf in der ersten, sechs in der zweiten und sieben in der dritten Reihe. In der Tür befindet sich eine Art Bullauge. Die Aufpasser der ITF schauen immer wieder hindurch. Wollen eigentlich, dass solche Gespräche schnell vorbei sind, um möglichst viele Spieler durchzuschleusen.

Aber Petkovic wird 20 Minuten reden. Sie sitzt auf einem grüngepolsterten Stuhl, an einem 1,20 Meter breiten Desk. Von ihrer Mini-Bühne schaut sie leicht hinunter auf ihr Publikum. Es ist viel mehr als ein Frage-Antwort-Spiel. Petkovic philosophiert, reflektiert, kreiert eigene Themen. Ein Hochgenuss fürs Publikum – es sind weit mehr Reporter als Plätze im Raum.

Vor allem bei den Amerikanern scheint sie eine regelrechte Fangemeinde zu haben. Die Amis lieben Petkovic. Weil sie perfekt englisch spricht, weil sie über den Tellerrand guckt, weil wunderbare Bilder im Kopf entstehen, wenn sie redet. Heute kommt dazu: Petkovic ist extrem gut gelaunt. Was verständlich ist. Mladenovic hat sie in zwei Sätzen besiegt, auf einem großen Platz vor vielen, vielen Franzosen, auf dem Court Suzanne Lenglen. „Ich mag den Platz eigentlich gar nicht“, sagt Petkovic. 2011 hat sie hier mal gegen Maria Sharapova verloren. Die Niederlage blieb im Gedächtnis. Man verliere die Orientierung auf dem Platz. Die Zuschauer stören beim Return.

Aber: Es sei ihr gelungen „Punkt für Punkt“ zu spielen, ihren „Game Plan“ durchzuziehen, gut zu returnieren, den Aufschlag der Französin zu „neutralisieren“. Sie habe noch nicht einmal gewusst, dass sie 3:6 im Tiebreak zurückgelegen habe – so sehr war sie im Hier und Jetzt. Genau: Punkt für Punkt.

Wenn Petkovic so eine Floskel absondert, klingt es nicht nach einer Floskel. Als sie gefragt wird, wie sie ihr Spiel bewertet, antwortet sie: „Solide.“ Dann monologisiert sie und sagt am Ende: „Das war eine ziemlich lange Antwort dafür, dass am Ende nur ein Wort steht – solide.“ Dann lächelt sie so charmant, dass man sie – objektiver Berichterstatter hin oder her – einfach gern haben muss.

Petkovic sagt Sätze wie: „I have a lot of thoughts upstairs.“ Das klingt literarischer als die Übersetzung, dass ihr immer so viele Gedanken im Kopf schwirren. Diese vielen Gedanken hindern sie, aber sie helfen ihr auch, die jeweilige Situation auf dem Platz zu analysieren. Mental sei sie eine viel stärkere Spielerin als früher. Und ja: Dieser Sieg sei sehr emotional gewesen. Und, aber das sagt sie erst später: 2018 habe sie nun schon zwei gute Siege bei Grand Slams gehabt, das sei besser als 2017.

Ein kleiner Exkurs: Ein Journalist will wissen, wie sie denn die Geschichte vom Lucky Loser Marco Trungelliti fand, der mit dem Auto von Barcelona nach Paris gefahren ist und erzählte, Autofahren in Europa sei ein Witz gegenüber dem in Argentinien. Petkovic fallen dazu zwei Geschichten ein. Von zwei Unfällen in Peking innerhalb von 20 Minuten. Es war nichts passiert. Petkovic fand, es sei Karma, dass sie erst von einem Auto gerammt wurden und dann ein anderes Auto rammten. Ihre Lieblings-Autogeschichte: In Marokko wurde sie einmal chauffiert und der Fahrer versuchte, sich auf einer zweispurigen Bahn, in der Mitte von zwei Autos, durchzuquetschen, was unmöglich war. Klar gab es Kratzer und Dellen. Was Petkovic beeindruckend fand: Die Fahrer, die sich in Deutschland an die Gurgel gegangen wären, hielten an, küssten und umarmten sich. „So geht man mit solchen Situationen um.“ Sehr respektabel fand Petkovic das.

Nächstes Thema: das Schreiben. Petkovic schreibt für das New Yorker Racquet Magazine und für das Süddeutsche Zeitung Magazin. Achtung liebe Leser, wenn Sie jetzt aufhören wollen, diesen Text weiterzulesen, weil sie befürchten, es geht nicht mehr um Tennis, liegen sie falsch! Es geht sehr wohl um Tennis.

Rund zehn Minuten redet Petkovic über das Schreiben und wenn man das zusammenfasst, könnte man es so deuten: Schreiben ist auch eine Therapie für Ihr Tennisspiel: „Das Schreiben hat mir geholfen, meine Gedanken besser zu strukturieren. Es ist jetzt weniger konfus in meine Kopf, weniger eine Horrorshow. Es entspannt mich“, sagt sie. Und dann sagt sie: „Ich will das noch sehr.“ Gemeint ist ihr Tennis. Was eine gute Nachricht für die Petkovic-Fans ist – ihr Karriereende liegt noch fern.

Und dann? Vielleicht schreibt sie ja Romane. „Ich würde aber nicht über Tennis schreiben.“ Worüber dann? „Da muss ich nachdenken. Ich bin nicht Philip Roth (der gerade verstorbene US-Schriftsteller, Anm. d. Red.). Ich kann das nicht so aus dem Ärmel schütteln.“ Aber auf einer anderen Ebene käme Tennis vor. „Vielleicht finden die Leute nach meinem Tod Notizen und rufen ‚Oh my God, es ist über die WTA!'“

Wahrscheinlich wäre das Multitalent Petkovic auch eine gute Schauspielerin, aber jetzt muss sie erst einmal die Frage eines französischen Journalisten beantworten, der zwar das Protokoll sprengt – erst englische, dann deutsche Fragen –, aber das interessiert schon keinen mehr, weil die meisten – die Zeremonienmeisterin, die für einen ordentlichen Ablauf sorgen soll, inklusive – fasziniert sind von der verbalen Petko-Show. Es geht noch mal ums Match und Petkovic antwortet in vorzüglichem Französisch – beneidenswert.

Zurück zum Schreiben und zur Frage, ob sich eine Blockade beim Schreiben schneller löst als eine beim Tennis. „Das ist ein sehr gute Frage“, sagt Petkovic und überlegt ein bisschen. Dann kommt sie zu dem Ergebnis, dass es beim Tennis schlimmer sei – „wenn man erst einmal in den Wirbelsturm der Emotionen gerät“.

Also: Schreiben geht eigentlich ganz gut, nur nicht im Hotelzimmer, da fühlt sie sich eingeengt. Petkovic schreibt lieber „draußen“, im Café oder – wie neulich – im Zug. Jetzt träumt sie davon, dass der Zug „zwischen Darmstadt und Frankfurt immer hin- und herfährt“, damit die Feder fließt. Drei bis vier Stunden sitzt sie an einer Kolumne. „Ich mache mir Notizen, schreibe das runter, poliere und dann schreibe ich noch 15-mal um.“

Die Pressekonferenz ist beendet. Am Donnerstag spielt Petkovic, die Nummer 107, gegen Bethanie Mattek-Sands, die Nummer 202, um den Einzug in die dritte Runde. Man wünscht ihr, dass sie dabei genauso viel Spaß hat wie beim Plausch mit der Presse – und beim Schreiben.

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