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Einfach auf dem Teppich bleiben

Hallentennis wird in Deutschland meistens auf Teppich gespielt, was gerade für die Sandplatzgötter eine unzumutbare Herausforderung ist.

Wenn die Sandplatzgötter ab Mai ihre Medenspiele im Sommer absolvieren, ­findet das unter profimäßigen Untergrund-Bedingungen statt. Wenn wir uns mit den weltweit besten Spielern aus Wesel, Duisburg oder Oberhausen messen, spielen auch Rafa (mittlerweile ja auch wieder Roger) & Co. in Europa auf einem Geläuf, das – je nach Güte und Motivation des jeweiligen heimischen Platzwartes hier am Niederrhein – unseren ­regionalen Vereins-Sandplätzen in etwa gleichkommt. 

Dass sich das, was dann sportlich dabei herauskommt, nur sehr entfernt ähnelt, ist ob der Vergleichbarkeit der Rahmen­bedingungen dann tatsächlich nur unserem eklatanten Mangel an Talent geschuldet. Leser, die unseren Output intensiver verfolgen, haben längst bemerkt, dass wir gegen diese Tatsache schon lange nicht mehr anschreiben. 

Mehrzahl der Punktspieler bleibt auf dem Teppich

Was den Bodenbelag betrifft, sieht das aber ganz anders aus, wenn es in den Winter­monaten zum Training oder zur „Winter­hallenrunde“ unters Dach geht – nicht nur für uns, sondern für die meisten Spieler der Republik. Ja, es gibt auch Hardcourts (und Sandplätze) unter deutschen Dächern, die große Mehrzahl bleibt aber im Winter im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Teppich. Entweder auf seiner ursprünglichen oder aber auf einer mit Granulat bestreuten Variante. Gerade im Norden dominiert das winterliche Spiel auf dem textilen Untergrund komplett. Gut, Hamburg ist ja auch eine ­traditionelle Hochburg für Teppichhändler und Teppichluder.

Die Granulat-Variante hat dabei vermeintliche Vorteile, die sich im realen Leben oft als solche theoretischer Natur entpuppen. Theoretisch kann man darauf in den Schuhen des Sommers zu Werke gehen. Praktisch müsste man sie dann irgendwann im Oktober mal reinigen und von der roten Asche befreien, was dann den Trend zum Zweitpaar doch extrem befördert. 

Theoretisch ermöglicht das Granulat bei optimaler Menge und Verteilung auch ein Spiel „wie draußen“. Praktisch findet man diese Menge und Verteilung nur am Boden der eigenen Tennistasche und niemals auf dem Court.

Teppichturnier bei den Profis so gut wie ausgestorben

Für das Spiel auf purem Teppich benötigt man dagegen zwingend Schuhe mit glatter Sohle. Wer sich mal randsportartig fühlen möchte, sollte versuchen, Teppichschuhe nicht online, sondern im stationären Sportfachhandel zu erwerben. Die Blicke, die man dabei erntet, lassen erkennen, von welchem „Verrückten heute im Laden“ der Verkäufer abends zu Hause erzählen wird. 

Hat man diese Hürde überwunden, wird man mit einem ganz eigenen Spielgefühl belohnt, das im Profibereich bis auf wenige Ausnahmen bei Challenger-Turnieren ausgestorben ist. Noch bis weit in die 90er-Jahre wurde fast ein Viertel aller Tour-Events auf schnellen Teppichböden gespielt. Oder eben gerade nicht gespielt. Denn in Matches gegen die Krajiceks und Ivanisevics von damals waren die Ballwechsel dann halt auch öfter sehr, sehr einschlägige Angelegenheiten.

Genau das macht das Spiel auf Teppich bis heute gerade im Hobbybereich zu einem kontroversen Thema: „Love it or hate it!“ Diejenigen, die eher die Fast-and-Furios-Variante der Sportart lieben, blühen anti­zyklisch zur Vegetation zwischen Oktober und April regelrecht auf. Die anderen, deren spielerische Vorbilder wie beim Autor dieses Textes eher die Sandplatzspezialisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts waren, beißen beim Spiel auf schnellen Teppichböden auf die Zähne – und manchmal vor Wut in den Ball. Und treffen erst beim letzten Spiel der Hallenrunde im März einen Vorhand-Return nicht irgendwo kurz vorm hinteren Vorhang, sondern tatsächlich vor dem Körper. Einziger Trost für diese Gruppe: Wenn man nach einem guten Sommer in die Halle wechseln und dort den Granaten richtig guter Aufschläger verzweifelt hinterherschauen muss, fühlt man sich seinen Jugend-Idolen so nah wie nie.