Steffi Graf

Ungewöhnlich: Steffi Graf servierte in ihren ersten Profijahren mit zwei Bällen in der Hand. Nach dem ersten Aufschlag behielt sie den zweiten Ball in ihrer Hand.Bild: Imago

50 Jahre tennis MAGAZIN: Steffi Graf und die goldenen Jahre

tennis MAGAZIN feiert im Juni 2026 seinen 50. Geburtstag. Wir blicken zurück auf historische Highlights. Diesmal: die Jahre 1986 bis 1990. 

Der Fußballstar Gary Lineker prägte nach der Niederlage seiner Engländer im Halbfinale gegen Deutschland im Elfmeterschießen ein Sportzitat für die Ewigkeit: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Wenn man dieses Zitat auf den Tennissport in dieser Zeit umschreiben sollte, müsste Linekers Zitat wie folgt lauten. „Tennis ist ein einfaches Spiel. Zwei Frauen jagen mehrere Sätze dem Ball hinterher, und am Ende gewinnt immer Steffi Graf.“ 

tennis MAGAZIN 5/1986

Steffi Graf und der Golden Slam

Neben Boris Becker hat vor allem Steffi Graf dem deutschen Tennis in den 80er- und 90er-Jahren goldene Jahre beschert – im wahrsten Sinne des Wortes. Das, was „Fräulein Vorhand“ im Jahr 1988 vollbrachte, wird vermutlich eine Leistung für die Ewigkeit sein. Graf schaffte mit den US Open-Sieg den Kalender-Grand-Slam, der Titelgewinn aller Grand Slam-Turniere im gleichen Jahr.

„Ich fühle mich herrlich frei, völlig gelöst. Ich glaube, ich werde das Tennis künftig anders angehen können. Billie Jean King, Chris Evert und Martina Navratilova galten in ihrer besten Zeit als unschlagbar. Jetzt habe ich es geschafft, was diese Weltklasse-Spielerinnen nie erreichen konnten. Das ist Wahnsinn, verrückt, unglaublich. Ich muss keinem mehr etwas beweisen“, sagte Graf nach dem bislang letzten Einzel-Kalender-Grand-Slam im gesamten Tennissport. 

Steffi Graf

Golden Slam: Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul vollbrachte Steffi Graf eine einmalige Leistung.Bild: Imago

Wenige Wochen später folgte der nächste Coup: Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul. Die Bezeichnung Golden Slam war geboren. „Ich bin sehr begeistert. Das ist etwas, was nicht viele Leute nach mir erreichen werden. Es ist fantastisch“, sagte Graf mit viel Understatement. Erst im Rückblick wird einem bewusst, wie einzigartig dieser Golden Slam von Graf gewesen ist – im Alter von 19 Jahren. 

9. Juli 1989: Der größte deutsche Tennistag

Grand Slam-Titel, Goldmedaille, Nummer eins, Premierensiege im Fed Cup und Davis Cup: Die Erfolge von Becker und Graf führten nicht nur zu einem deutschlandweiten Tennisboom, sondern Deutschland war viele Jahre lang der Nabel der Tenniswelt mit etlichen prestigeträchtigen Turnieren auf deutschem Boden. Es wurde sogar darüber diskutiert, ob Deutschland ein Grand Slam-Turnier bekommen sollte.

Boris Becker, Steffi Graf

Deutsches Traumpaar: Boris Becker und Steffi Graf feiern nach ihren Wimbledon­titeln beim traditionellen „Champion‘s Dinner“ den größten Tag in der deutschen Tennisgeschichte.Bild: Imago

Höhepunkt der goldenen Jahre war sicherlich der 9. Juli 1989, als Becker und Graf am gleichen Tag den Wimbledontitel gewannen – dank des Londoner Regens. „In dem Moment glaubt man, dass es alle paar Jahre vorkommt, dass ein Deutscher im Herreneinzel und eine Deutsche im Dameneinzel gewinnt. Das weiß man erst im Nachhinein einzuschätzen und nicht in jenem Moment“, sagte Becker über diesen historischen Tag. 

Michael Chang – Mit Gottes Hilfe

Es gibt Matches, die sich in das kollektive Gedächtnis der Tennisfans eingebrannt haben. Einer dieser denkwürdigen Momente ist das Achtelfinale bei den French Open 1989, als der 17-jährige Michael Chang den Weltranglistenersten Ivan Lendl zur Weißglut trieb. Chang kämpfte nach einem 0:2-Satzrückstand bis zum Umfallen. Der Teenager aus den USA spielte sich mit seiner unorthodoxen Spielweise, vor allem zahlreiche Mondbälle, zurück ins Match.

Michael Chang

Kämpfte bis zum Umfallen: Michael Chang gewann 34 ATP-Titel. Sein zweiter, der French Open-Sieg, war der bedeutendste.Bild: Imago

Im fünften Satz konnte sich Chang, von Wadenkrämpfen geplagt, kaum noch auf den Beinen halten. In der Schlussphase des Matches ereignete sich die Szene, die bis heute Gesprächsstoff in der Tennisszene ist. Chang spielte den damals verpönten Schlag – ein geschnibbelter Aufschlag von unten, mit dem er Lendl nach vorne lockt und schließlich passierte. 

Chang gewann nicht nur das Match „David gegen Goliath“, sondern kürte sich fünf Tage später zum French-Open-Sieger. Bis heute ist er der jüngste Grand Slam-Champion im Herrentennis –17 Jahre und 110 Tage.

„Die letzten vier Matches in Paris spielte ich aus einer besonderen Inspiration heraus. Die Leute vergessen oft, dass sich zur gleichen Zeit die Situation am Tian‘anmen-Platz abspielte. Die Niederschlagung des Aufstandes war am mittleren Sonntag der French Open – ein Tag vor dem Lendl-Match, glaube ich. Eine ganz besondere Ironie, da ich ja chinesischer Abstammung bin. Ich hatte das Gefühl, dass Gott wollte, dass ich gewinne, um den Chinesen einen Grund zum Lächeln zu geben – in einer Zeit, in der es nicht viele Gründe dazu gab“, sagte Chang über seinen Titelcoup als 17-Jähriger.