Billie Jean King Cup – Day 2

Halten zusammen: Tessa Brockmann (re.) tröstet Ella Seidel beim Billie Jean King Cup in Oeiras, Portugal. Bild: IMAGO / Miguel Reis

Billie Jean King Cup: Die deutschen Damen stehen plötzlich im Abstiegsduell

Das deutsche Billie Jean King Cup-Team enttäuschte bisher und muss nun am Samstag unbedingt gewinnen, um nicht noch einmal abzusteigen.

Das Szenario war eigentlich kaum vorstellbar: Wer konnte schon ernsthaft damit rechnen, dass die deutschen Damen in der Regionalgruppe Europa/Afrika I des Billie Jean King Cups im portugiesischen Oeiras während der Gruppenphase zwei von drei Partien verlieren würden? Klar, die junge Mannschaft vom neuen Kapitän Torben Beltz wurde durch die kurzfristige Absage von Topspielerin Eva Lys geschwächt. Aber für Portugal, Schweden und Dänemark sollte es doch auch so reichen.

Die Realität sieht anders aus. Deutschland unterlag jeweils mit 1:2 gegen Portugal und Schweden, weil in beiden Partien das entscheidende Doppel in zwei Sätzen verloren ging. Zum Glück holten die Deutschen im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark zwei Einzelsiege, um das Allerschlimmste zu vermeiden. Dennoch: Dass man nun schon dankbar für den einen Sieg in der Gruppenphase gegen Dänemark sein muss, passt nicht zum Selbstverständnis des deutschen Damentennis.

Vermutlich hatte selbst der DTB nicht erwartet, dass sein Damen-Team solche Probleme in Oeiras bekommen würde. Im Info-Text des DTB zum Modus des Billie Jean King Cups in der Regionalgruppe I steht, dass es vier Gruppen mit jeweils vier Teams gibt. Zum Thema Abstieg heißt es dort schlicht: „Die vier schlechtplatziertesten Länderauswahlen steigen in die Regionalgruppe II ab.“

Man könnte das nun so verstehen: Die jeweils Letzten der vier Gruppen steigen ab. Ganz so einfach ist aber nicht: Tatsächlich gibt es nun vier „Relegation Play-offs“, in denen jeweils ein Gruppendritter auf einen Gruppenvierten trifft. Die vier Verlierer dieser Partien steigen dann schließlich ab. Deutschland muss also gewinnen, um nicht endgültig in den Tiefen des Billie Jean King Cups und damit in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Billie Jean King Cup: Deutschland gegen Litauen

So kommt es also, dass Deutschland nun am Samstag ein echtes Abstiegsduell gegen Litauen bestreiten muss (im Gratis-Livestream bei tennis.de ab 12 Uhr). Im Nachhinein war deswegen der Sieg gegen die Däninnen so wichtig, bei dem Ella Seidel im Tiebreak des zweiten Satzes schon 0:5 zurücklag, insgesamt fünf Matchbälle abwehrte und am Ende 1:6, 7:6, 6:0 zum 2:0 für Deutschland gewann.

Wäre Deutschland nämlich nicht Dritter, sondern Letzter in der Gruppe geworden, hätte man es mit Kroatien zu tun bekommen, die mit Petra Marcinko und Antonia Ruzic immerhin zwei Top 100-Spielerinnen in ihren Reihen haben. Litauen hat bislang dreimal 0:3 verloren und dabei nur einen Satz geholt. Justina Mikulskyte (WTA# 255) und Andre Lukosiute (WTA# 597) heißen die litauischen Spitzenspielerinnen.

Wobei das Ranking in diesem Team-Format nicht die allergrößte Aussagekraft hat. Das wurde früh in der Gruppenphase der deutschen Damen deutlich: Portugals Top-Spielerinnen sind die Geschwister Francisca und Matilda Jorge. Sie stehen aktuell auf Platz 187 bzw. 240 im WTA-Ranking.

Schwedens Aufgebot umfasst keine Top 200-Spielerin: Kajsa Rinaldo Persson ist die Nummer 249 und Caijsa Hennemann die 333. Dänemark schließlich reiste ohne Top-Frau Clara Tauson, 18. im WTA-Ranking, an. Stattdessen wurden mit Johanne Svendsen (WTA# 595) und Rebecca Munk Mortensen (WTA# 681) zwei Spielerinnen ins Rennen geschickt, die nicht in den Top 500 stehen.

Akugue mit Debüt im Billie Jean King Cup

Deutschlands Aufgebot sieht – in Bezug auf das Ranking – gar nicht so viel besser aus, da Kapitän Beltz auf die bewährten Top 100-Kräfte Laura Siegemund und Tatjana Maria verzichtete. Er ging in ein gewisses Risiko, weil er auf Nachwuchsspielerinnen setzt. Ella Seidel, 21 Jahre alt und die Nummer 85 der Welt, sowie Noma Noha Akugue, 22 und WTA# 192, waren dennoch jeweils in ihren drei Einzeln favorisiert. Akugue, die sich seit Jahresbeginn durch Erfolge bei ITF-Turnieren um mehr als 100 Plätze im Ranking verbessert hat, gab dabei sogar ihr Debüt im Nationalteam. Zur deutschen Mannschaft gehören noch: Tessa Brockmann (20, WTA# 271), Nastasja Schunk (22, WTA# 364) und Eva Bennemann (18, WTA# 335).

Ob dieses Line-up nun tatsächlich die Zukunft des deutschen Damentennis ist, bleibt abzuwarten. Für die ehemalige Top-Spielerin und frühere Bundestrainerin Claudia Kohde-Kilsch haben die jungen Damen aber zumindest ein Problem: das Doppel.

Kohde-Kilsch beschrieb jüngst auf Facebook ihre Eindrücke vom deutschen Doppel Seidel/Brockmann gegen die Schwedinnen: „Es tut mir richtig weh, das zu sehen. Es ist nicht die Frage, dass man verliert, sondern wie. Keine der jungen deutschen Mädels hat auch nur einen blassen Schimmer, wie man ein wenigstens einigermaßen gutes und taktisch solides Doppel spielt. Man hat das Gefühl, sie sind irgendwie verloren auf dem Platz und wissen überhaupt nicht, was sie machen sollen. Alles durcheinander, hinten bleiben, zögerlich nach vorne gehen, normale Aufstellung, plötzlich australische Aufstellung. Ein guter Volley oder Smash? Leider auch Fehlanzeige.“ Seidel/Brockmann verloren 1:6, 4:6.

Kohde-Kilsch: „Auf Doppel wird kaum Wert gelegt“

Kohde-Kilsch macht aber nicht in erster Linie den jungen Mädchen einen Vorwurf: „Ich denke, die Mädels können nichts dafür. Denn was nicht trainiert wird, kann man auch nicht lernen. Und auf Doppel wird kaum noch Wert gelegt. Die Quittung bekommt man dann leider in einem solchen Mannschaftswettbewerb, wo es oft aufs Doppel ankommt. Man kann nicht immer beide Einzel gewinnen, so dass das Doppel unwichtig wird.“ Das Fazit der zweimaligen Grand Slam-Siegerin im Doppel: „Ich denke, so lange wir bei der jungen Generation nicht wenigstens mal ein oder zwei Spielerinnen haben, die gut Doppel spielen, werden wir von einem Erfolg im BJK Cup weit entfernt bleiben.“

Insofern muss man im Abstiegsduell gegen Litauen darauf hoffen, dass die deutschen Damen die beiden Einzel gewinnen. Ein „Alles oder Nichts“-Doppel um den Abstieg wäre für das junge Team womöglich eine zu große Herausforderung.