Martina Hingis

Martina Hingis: Das Wunderkind beendet seine Karriere

Mit stolzen 37 Jahren hat Martina Hingis – bereits zum dritten Mal – ihre Karriere beendet. Sie hatte sehr viele Höhepunkte in ihrer Laufbahn, musste aber auch manche Rückschlägen hinnehmen. Sie startete ihre Karriere als Überfliegerin mit dem Brechen von jeglichen Rekorden, erlitt dann allerdings mehrere Fußverletzungen und musste ihre Karriere im Alter von 22 Jahren zum ersten Mal beenden. Wir fassen ihre Karriere zusammen.

Im Alter von 13 (!) Jahren startete Martina Hingis, die am 30. September als Martina Hingisova im mittlerweile slowakischen Kosice geboren wurde, ihre Tenniskarriere auf der WTA-Tour als Nummer 387 der Welt und kletterte innerhalb eines Jahres auf Rang 87. Das erlaubte ihr, bei den Australian Open 1995 teilzunehmen, wo die Schweizerin ihr Erstrundenmatch gewinnen konnte – als jüngste Spielerin überhaupt. Im gleichen Jahr besiegte sie Anke Huber und Jana Novotna (damalige Top Ten-Spielerinnen) in Hamburg und erreichte zum ersten Mal ein WTA-Finale. Doch das war noch nicht alles: Was heute Denis Shapovalov mit 18 schaffte, vollbrachte die Schweizerin schon mit 14. Sie stand im Achtelfinale der US Open und belegte am Jahresende bereits Rang 16.

1996 gewann die 15-Jährige das erste Mal gegen Steffi Graf in Rom. Außerdem konnte sie im Doppel mit Helena Sukova die Damenkonkurrenz in Wimbledon gewinnen – als zweitjüngste Spielerin aller Zeiten. Zudem triumphierte sie in Filderstadt und Oakland nach Siegen gegen Anke Huber, Monica Seles, Arantxa Sánchez Vicario und Lindsay Davenport. Nach diesem phänomenalen Jahr beendete sie ihre Saison als Nummer vier der Welt.

Jüngste Grand Slam-Siegerin aller Zeiten: Mit 16 Jahren und 117 Tagen gewann Martina Hingis die Australian Open.

Grand Slam im Doppel, Tränen-Drama bei den French Open

Die Karriere von Hingis kannte nur ein Ziel: steil nach oben. 1997 wurde sie bei den Australian Open zunächst im Alter von 16 Jahren und 117 Tagen die jüngste Grand Slam-Siegerin aller Zeiten. Zwei Monate später, am 31. März 1997, grüßte Hingis mit 16 Jahren und fünf Monaten erstmals von der Weltranglistenspitze. Der Rekord als jüngste Nummer eins aller Zeiten wird ihr wohl nicht mehr zu nehmen sein. Insgesamt 209 Wochen führte die „Swiss Miss” die Weltrangliste im Einzel an. Auch im Doppel stand sie ganz oben – und das parallel zum Einzel. Ein Kunststück, das nur ganz wenigen Damen und Herren gelungen ist. 1998 gewann sie sogar alle vier Grand Slam-Turniere im Doppel. Dies hatten zuvor nur Martina Navratilova und Pam Shriver erreicht.

Das größte Wunderkind der Tennisgeschichte gewann all ihre fünf Einzeltitel bei den Grand Slams im Teenageralter, den letzten bei den Australian Open. Das Finale bei den French Open 1999 gegen Steffi Graf war ein kleiner Bruch in Hingis‘ Karriere. In einem der packendsten und dramatischsten Matches des Tennisgeschichte hatte sie den Karriere-Grand-Slam ganz dicht vor Augen. Die Schweizerin verlor allerdings die Nerven und das Match. Das Pariser Publikum pfiff die damals 18-Jährige gnadenlos aus. Unvergessen ist ihr fluchtartiges Verlassen des Platzes nach der Finalniederlage und die tränenreiche Rückkehr zur Siegerehrung im Arm ihrer Mutter. „Die French Open nicht gewonnen zu haben, ist ein großes Bedauern in meinem Leben. Ich würde gerne die Zeit zurückstellen, um das zu gewinnen.” Der Einzeltitel in Roland Garros ist neben Olympia-Gold der einzige große Titel, den Hingis im Einzel, Doppel und Mixed nicht gewinnen konnte.

Unter Tränen: Das verlorene French Open-Finale 1999 hat die Karriere von Martina Hingis geprägt.

Rücktritt, Comeback, Dopingsperre 

Im Laufe der nächsten Jahre bereiteten die Powerspielerinnen, wie die Williams-Schwestern, Serena und Venus, Lindsay Davenport und Jennifer Capriati, der Schweizerin Probleme. Trotz mehrerer Finalteilnahmen gab es keinen weiteren Grand Slam-Triumph für Hingis. 2001 musste sich die damals 21-Jährige einer Operation am rechten Fuß unterziehen. Nach weiteren sportlichen Rückschlägen und einer Operation am linken Fuß verkündete sie im Februar 2003 im Alter von 22 Jahren ihren Rücktritt.

Nach einer kurzen Stippvisite beim Turnier in Pattaya im Februar 2005 stieg Hingis mit Beginn der Saison 2006 wieder voll auf der WTA-Tour ein. Ihr gelangen noch drei Turniersiege und der Wiedereinzug in die Top Ten, an ihre goldenen Zeiten konnte sie jedoch nicht anknüpfen. Sie gewann an einem Tag gegen die Nummer eins und am nächsten verlor sie gegen eine Spielerin aus der hinteren Reihe. Die Schweizerin konnte ihr Spiel, auch aufgrund von Hüft- und Rückenschmerzen, nicht konstant ausüben und schied deshalb das eine oder andere Mal sehr überraschend aus.

Der negative Höhepunkt ihrer Einzelkarriere ereignete sich beim Wimbledonturnier 2007. Vier Monate später, am 1. November 2007, erklärte Hingis auf einer Pressekonferenz, dass sie unter Verdacht stehe, in Wimbledon mit Kokain gedopt zu haben. Im gleichen Atemzug verkündete sie ihren Rücktritt, da sie keine Lust auf einen Kampf gegen die Dopingbehörden habe. Zudem sollen ihr Verletzungen große Probleme bereitet haben. Im Januar 2008 wurde Hingis schließlich von der ITF rückwirkend für zwei Jahre gesperrt.

Positive Dopingprobe wegen Kokain: Martina Hingis erklärte am 1. November zum zweiten Mal ihren Rücktritt.

Hall-of-Fame-Karriere nach Hall-of-Fame-Einzug

Doch die Schweizerin wollte ihre Tenniskarriere so nicht beenden. Wenige Tage, nachdem sie im Juli 2013 in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen wurde, kehrte sie auf den Platz zurück: Der Beginn eine weiteren fulminanten Karriere mit zahlreichen Grand Slam-Titeln im Doppel und Mixed. Ihr zweites Comeback begann sie mit Daniela Hantuchova, zunächst noch erfolglos. Mit Sabine Lisicki gelang ihr 2014 der Titelgewinn in Miami. Danach folgte eine Partnerschaft mit Flavia Pennetta.

Den ganz großen Erfolg hatte Hingis schließlich an der Seite von Sania Mirza. Das Doppel „Santina” war extrem erfolgreich, unter anderem gab es drei Grand Slam-Titel. Hingis eroberte im Januar 2016 wieder den ersten Rang in der Doppelkonkurrenz. In ihrem letzten Karrierejahr spielte die Schweizerin mit Yung-Jan Chan zusammen und siegte mit der Chinesin bei neun Turnieren. Insgesamt konnte sie seit 2013 zehn Grand Slam-Titel im Doppel und Mixed gewinnen. Vor Beginn der WTA Finals in Singapur gab das ehemalige Wunderkind ihren doch recht überraschenden Rücktritt nach dem Turnierende bekannt. Hingis wollte auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft aufhören, als Nummer eins der Welt. Mit dem WM-Titel zum Abschluss ihrer Karriere hat es allerdings nicht geklappt. Hingis und Chan schieden in Singapur im Halbfinale aus. Diesmal soll ihr Karriereende endgültig sein.

Karriereende als Nummer eins und bester Doppel: Martina Hingis spielte mit Yung-Jan Chan ein brillantes Jahr 2017.

Text: Moritz von Blittersdorff, cab